Wolfram Richter "Überkapazitäten in Krankenhäusern abbauen"

Deutschland hat eines der teuersten Gesundheitssysteme Europas. Im Interview erklärt der Ökonom Wolfram Richter, warum das Gesundheitswesen so ineffizient ist und warum auch die Krankenhausreform wenig daran ändern wird.

Richter ist der Meinung, dass deutsche Ärzte zu häufig operieren. Quelle: dpa

Der Bundestag hat am Donnerstag die umstrittene Krankenhausstrukturreform von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mit den Stimmen der Koalition beschlossen. Das Gesetz sieht vor, dass es künftig für besonders gute Leistungen bei Operationen und Patientenversorgung Zuschläge geben soll, bei schlechten Leistungen Abschläge. Krankenhäuser, die durch anhaltend schlechte Qualität auffallen, laufen auf Dauer Gefahr, dass einzelne Abteilungen oder sogar das ganze Haus geschlossen werden. Auf diesem Wege sollen Überkapazitäten bei den rund 2000 Krankenhäusern in Deutschland abgebaut werden, ohne jedoch die Versorgung in der Fläche zu beeinträchtigen.

Herr Richter, nach Daten der OECD ist das deutsche Gesundheitssystem nicht besonders leistungsfähig. Woran lässt sich das festmachen?

Wolfram Richter: Die OECD vergleicht Deutschland mit 33 anderen Ländern und stellt fest, dass sich Deutschland zwar bei den Gesundheitsausgaben in der Spitzengruppe bewegt, bei der Lebenserwartung dagegen nur im Mittelfeld. Lediglich vier Länder geben höhere Anteile des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus oder beschäftigen mehr Ärzte je 1000 Einwohner. Die Anzahl der Krankenhausbetten je 1000 Einwohner ist sogar nur in zwei Ländern höher. Bei der Lebenserwartung rangiert Deutschland dagegen bei verschiedenen Indikatoren lediglich auf den Plätzen 15 bis 18 von 34. Diese und andere Daten sprechen für eine unzulängliche Effizienz des deutschen Gesundheitswesens, das heißt für ein enttäuschendes Verhältnis von Aufwand und Ergebnis.

Zur Person

Womit hängt Ihrer Meinung nach die Ineffizienz des deutschen Gesundheitssystems zusammen?

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen. Lassen Sie mich einige auflisten: Wir erlauben uns Überkapazitäten im Krankenhausbereich. Nach den OECD-Daten hält Deutschland mehr als doppelt so viele Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner vor wie beispielsweise die USA oder Schweden. Wir erlauben uns doppelte Versorgungsstrukturen. In der ambulanten Versorgung konkurrieren die Krankenhäuser mit den niedergelassenen frei praktizierenden Fachärzten, ohne dass es eine klare Aufgabenteilung gäbe. Wir setzen zu wenig auf Versorgungsmanagement. Die dominierenden Organisationsprinzipien bei der Behandlung von Krankheiten sind die freie Arztwahl auf Seiten der Patienten und die Therapiefreiheit auf Seiten der Ärzte. Ein Management der Versorgung durch die Versicherungsgeber ist in Deutschland – anders als im Ausland – so gut wie nicht existent. Wir haben eine mangelhaft geordnete Arzneimittelversorgung. Das zeigt sich in überhöhten Produktpreisen, in einer fragwürdigen Direktberatung von Ärzten durch die Pharmaindustrie und in einer Überversorgung mit Apothekenniederlassungen.

Könnten andere Länder für Deutschland als Vorbild dienen, um das System effizienter zu gestalten?

Das Gesundheitswesen ist extrem komplex und unterscheidet sich stark von Land zu Land. Von daher kann man sich nicht einfach ein anderes Land zum Vorbild nehmen. Man kann ja das Gesundheitswesen nicht von Grund auf neu errichten. Man muss sich jeden einzelnen Bereich genau anschauen und prüfen, was man besser machen kann. Ausländische Daten liefern nur Hinweise für mögliche Fehlentwicklungen.

Die OECD kritisiert, dass es in Deutschland zu viele Krankenhausfälle gibt. Wie könnte man vermeiden, dass so viele Deutsche im Krankheitsfall ein Krankenhaus aufsuchen?

Das oberste Gebot muss lauten, die Überkapazitäten in Krankenhäusern abzubauen. Wenn es kleinere Kapazitäten gibt, wird auch weniger operiert. In verschiedenen Bereichen von stationären Eingriffen zum Beispiel perkutane Koronarinterventionen, Leistenbrüche, künstliche Hüften – ist Deutschland in der OECD Spitzenreiter. Das muss doch zu denken geben.

In Arbeit
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Das Krankenhausstrukturgesetz wird daran meines Erachtens wenig ändern. Das Kernproblem ist, dass die Bedarfsplanung weiterhin in den Händen der Länder liegt. Diese haben in aller Regel weder wirtschaftlich noch politisch Interesse, landeseigene Überkapazitäten abzubauen. Der Nutzen eines Krankenhauses fällt ja im Land an, während die laufenden Kosten über die Krankenversicherungen bundesweit umverteilt werden. Diese Struktur schafft falsche Anreize für die Länder bei der Bedarfsplanung.

Auch sollten die Krankenkassen stärkere Rechte erhalten, mit den Krankenhäusern über die Qualität und die Mengen von Behandlungsfällen selektiv zu verhandeln. Derzeit verhandeln die Krankenkassen kollektiv, was das Interesse an harten Auseinandersetzungen naturgemäß schwächt und für einen qualitätsorientierten Wettbewerb nicht unbedingt förderlich ist.

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