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Zertifikate Rettung für WestLB-Anleger in Sicht

Sparkassenkunden suchten wenig riskante Papiere. Sie akzeptierten bescheidene Renditen, gerieten aber dennoch in den Strudel um den Untergang der Bank. Was wird aus ihren 15 Milliarden Euro?

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Eine Fahne von der WestLB Quelle: dpa

Die WestLB wird überleben, die Eigentümer stehen hinter der Landesbank, der Bund hilft – das ist das Fazit von Steffen Kampeter, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, zur Zukunft der Westdeutschen Landesbank. Als neue Verbundbank der Sparkassen, so das wahrscheinlichste von drei nach Brüssel zur EU übermittelten Konzepte zur Zukunft der Landesbank, wird die schwer angeschlagene WestLB von bisher mehr als 200 Milliarden Euro Bilanzsumme auf ein Fünftel zusammengestutzt. Weite Teile werden verkauft, der Rest abgewickelt. Nach einer monatelangen Hängepartie soll das Rettungskonzept bei Anlegern, Bankkunden und Eigentümern nun für klare Verhältnisse sorgen. „Keiner muss sich größere Sorgen machen“, beruhigt Kampeter.

Diese Botschaft wird Herbert Köhler aus Hamburg (Name von der Redaktion geändert) gern hören. „Ich habe im Sommer 2009 für 130 000 Euro Zuwachsanleihen der WestLB mit Sonderkündigungsrecht im Juli 2011 bei vollem Kapitalschutz gekauft“, schreibt Architekt Köhler der Redaktion. „In Ihrem Bericht habe ich vor Kurzem gelesen, dass der Kunde im Extremfall leer ausgehen kann, da bei solchen Papieren kein Sondervermögen existiert. Was soll ich jetzt tun?“

Zuwachsanleihen, auch Stufenzinsanleihen genannt, sind hierzulande die häufigste Form zinsorientierter Zertifikate. Sie sind ähnlich aufgebaut wie klassische Unternehmensanleihen, bieten allerdings einen variablen Kupon, der alle ein oder zwei Jahre etwas höher ausfällt. Zuwachsanleihen sind Inhaberschuldverschreibungen der ausgebenden Bank, in diesem Fall der Emittentin WestLB. Ob Anleger regelmäßig ihre Zinszahlungen bekommen und am Ende ihr Geld wiedersehen, hängt von der Rückzahlungsfähigkeit der Bank ab, ihrer Bonität.

Mit der jetzt absehbar wahrscheinlichen Zerlegung der WestLB schätzen die Märkte die Rückzahlungsfähigkeit der Bank deutlich besser ein. Die Risikoprämien für Anleihen der WestLB, die sogenannten Credit Spreads, sausten nach Bekanntgabe der Überlebensstrategie binnen weniger Stunden von 3,7 Prozent auf 2,3 Prozent herunter. Dieser Wert gibt an, wie viel ein Gläubiger bezahlen muss, wenn er sich gegen einen Ausfall des Schuldners WestLB versichern will. Je höher die Prämie, als desto wackliger stuft der Markt eine Bank ein.

Sparer im Risiko

Die bisher extrem schlechte Bewertung der WestLB hat sich gebessert. Dennoch wird keine der großen Zertifikatebanken hierzulande als so gefährdet eingestuft wie die WestLB.

Und die ist mit 15,4 Milliarden Euro Gesamtvolumen an ausstehenden Zertifikaten eine der großen Adressen in diesem Spiel. Nicht weit hinter der Deutschen Bank und der Commerzbank ist die WestLB die Nummer drei bei derivativen Anlage- und Spekulationspapieren. Bei strukturierten Anleihen, deren wichtigste die Zuwachs- oder Stufenzinsanleihen sind, ist die WestLB sogar mit Abstand Marktführer. Laut Derivateverband DDV hatten deutsche Sparer Ende November vergangenen Jahres 39,8 Milliarden Euro in strukturierten Anleihen angelegt. Knapp 13 Milliarden davon stammen von der WestLB. Dahinter rangieren die Commerzbank (8,9 Milliarden Euro), die Deutsche Bank (8,1 Milliarden Euro) und die HypoVereinsbank (2,6 Milliarden Euro).

Alle Herausgeber von strukturierten Anleihen haben eines gemeinsam: Sie haben Zugriff auf ein dichtes Filialnetz – und das hilft beim Verkauf dieser Papiere enorm. „Mehr als 80 Prozent unserer strukturierten Anleihen werden über Sparkassen verkauft“, sagt Frank Haak, Zertifikatefachmann der WestLB. Derivateanalysten nennen diese Papiere deshalb auch Zeichnungsprodukte.

Im Gegensatz zu sogenannten Flow-Produkten wie Discountzertifikaten, Indexpapieren und klassischen Optionsscheinen, die über die Börsen oder direkt über die Emittenten gehandelt werden, gehen strukturierte Anleihen meist als Neuemissionen direkt bei den Sparkassen über den Tisch.

Kreditausfallprämie WestLB Quelle: Bloomberg

Dabei haben diese Papier eine Eigenschaft, mit der sie mitten in den Überlebenskampf der WestLB gerieten. „Stufenzinspapiere und andere strukturierte Anleihen sind für die Banken auch eine günstige Möglichkeit, sich zu refinanzieren“, sagt Grégoire Toublanc, Zertifikatechef der französischen BNP Paribas. Wie klassische Unternehmensanleihen (Corporate Bonds) hilft der Erlös aus strukturierten Anleihen der Bank, ihr sonstiges Geschäft zu finanzieren – also etwa die Kreditvergabe an Unternehmen oder private Kunden. Bonuszertifikate, Discounts und andere, auf Selbstentscheider zugeschnittene Zertifikate eignen sich dazu weniger gut, da hier durch Optionsgeschäfte, die die Bank abschließen muss, Geld abfließt – und das widerspricht dem Grundgedanken der Refinanzierung.

Für WirtschaftsWoche-Leser Harald Köhler heißt das: Die 130 000 Euro, für die er Stufenzinsanleihen gekauft hat, sind direkt in die Bilanz der WestLB gewandert – mit vielen Milliarden anderer Spargelder. Unter dem Passiv-Posten „Verbriefte Verbindlichkeiten“ stehen in der zuletzt veröffentlichten Bilanz zum 30. September 2010 18,6 Milliarden Euro „Begebene Schuldverschreibungen“.

Natürlich muss die WestLB sich auch absichern, damit sie die Verpflichtungen aus diesen Schuldverschreibungen bedienen, also die Kupons bezahlen kann. Das kann sie etwa über Zinsderivate wie den Euro-Bund-Future bewerkstelligen, mit dem man an der Terminbörse Eurex auf die künftige Zinsentwicklung wetten kann. Entscheidend aber ist, dass sie den Nennwert der Zertifikate – meist 100 – zur Refinanzierung ihrer klassischen Geschäftstätigkeit einsetzen kann. Bei einer Bilanzsumme von 220 Milliarden Euro hat die WestLB 13 Milliarden Euro an strukturierten Anleihen wie Zuwachszertifikaten ausstehen. Hinzu kommen weitere Zertifikate für mehr als zwei Milliarden Euro. Das zeigt, wie wichtig Zertifikate für die Finanzierung der WestLB geworden sind. Die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen dürften enorm daran interessiert sein, als Eigentümer einer neuen, verkleinerten Verbundbank WestLB sich diese Art der Finanzierung zu sichern. Ein Geldfluss, an dem sie bisher schon gut verdient haben, bliebe ihnen erhalten.

100 Millionen für den Vertrieb

Das Geschäft mit Zertifikaten brummt. „Die WestLB sicherte sich mit einer -Ausweitung des Marktanteils auf 16 Prozent den dritten Platz unter allen Anbietern von Anlagezertifikaten“, stellte der Derivateverband DDV in seiner Statistik zum dritten Quartal 2010 fest – und das, obwohl die Unsicherheiten um die WestLB schon seit längerer Zeit im Markt bekannt sind.

Seit Jahresanfang dürfte der Absatz von Zertifikaten und Schuldverschreibungen der WestLB zwar etwas gelitten haben. Doch gemessen an der vorübergehend auf 3,7 Prozent hochgeschnellten Ausfallprämie, boten und bieten Zertifikate und Anleihen der WestLB keineswegs auffallend üppige Konditionen. „Mit dem starken Anstieg der Ausfallprämien spielt der Markt ein Negativszenario, das sich im täglichen Zertifikategeschäft der WestLB nicht widerspiegelt“, sagt ein Banker aus Düsseldorf.

Wie lohnend das Geschäft für die Sparkassen ist, zeigt eine Hochrechnung. In der Regel gehen bei der Neuemission eines Zertifikats je nach Ausstattung 0,5 bis 1,0 Prozent vom Nennwert an den Vertrieb. Von den 15,4 Milliarden Euro in den Zertifikaten der WestLB wurden 82 Prozent über die Tresen der Sparkassen verkauft. Bei angenommenen 0,75 Prozent Durchschnittsvergütung ergäbe das für den Vertrieb der Sparkassen Gesamteinnahmen von rund 100 Millionen Euro.

Neben der Bedeutung für die Refinanzierung ist das ein weiteres Argument dafür, dass die Sparkassen das Zertifikategeschäft der WestLB weiterführen wollen – zumindest für die von ihnen gegen üppige Provisionen verkauften Zeichnungsprodukte.

Zertifikate WestLB

Was aber passiert mit den Zertifikaten für rund 2,8 Milliarden Euro, die nicht als Neuemissionen am Schalter verkauft wurden, sondern die über die Börsen abgesetzt wurden oder direkt an professionelle Anleger gingen, etwa an Vermögensverwalter?

Wie bei den über Sparkassen verkauften Papieren gibt es bisher noch keine offizielle Lösung. Zunächst bestehen zwei Möglichkeiten: Entweder die Zertifikate werden – wie die als Neuemissionen verkauften – ebenfalls von der neuen Verbundbank betreut. Dann stehen letztlich die Sparkassen mit ihrer Einlagensicherung hinter den Papieren. Oder diese Zertifikate werden in die EAA verschoben, die Erste Abwicklungsanstalt.

Die EAA ist die Bad Bank der WestLB. Sie wurde im Dezember 2009 von der Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung als Anstalt des öffentlichen Rechts gegründet und soll Risikopositionen und nicht notwendige Geschäftsbereiche der WestLB übernehmen und abwickeln. Bisher stecken 77 Milliarden Euro an maroden Vermögenswerten der alten WestLB in den Büchern der EAA. 90 Milliarden Euro sollen im Zuge der neuen Sanierungspläne dazukommen. Es ist gut möglich, dass hier auch WestLB-Zertifikate dabei sein werden – eben die Papiere, die nicht als Neuemissionen über die Sparkassen verkauft wurden.

Sparkassen-Sicherungsnetz

Ob die Besitzer dieser Zertifikate dann – wenn es so kommt – ihren Einsatz komplett wiedersehen, ist allerdings offen. Sowohl der Aufbau der neuen, kleinen Verbundbank wie auch die Abwicklung der EAA-Bestände werden sich hinziehen. „Wenn es gut läuft, dann ist es etwas, was über viele Jahre verteilt wird“, warnt der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans kryptisch. Und wenn es schlecht läuft? „Dann ist es eben etwas, was uns alle ereilen kann“, so der Minister. Niemand könne sich aus der Verantwortung stehlen, „das wird am Ende für alle Beteiligten teuer“. Im Klartext heißt das: Wenn die Bad Bank EAA-Gläubiger der WestLB nicht zu 100 Prozent auszahlt, könnten auch Inhaber von Zertifikaten der WestLB nicht ungeschoren davonkommen.

Dieser pessimistischen Sichtweise steht entgegen, dass sich heute schon jeder Besitzer eines WestLB-Zertifikats auf das Auffangnetz der Sparkassen berufen kann. „WestLB-Zertifikate – komplett gesichert“, warben die Landesbanker in einer zweiseitigen Veröffentlichung, die sie ihren Zertifikatekunden erstmals in der akuten Phase der Finanzkrise zu lesen gaben und die sie nun neu auflegten.

Für Anleger, die Zertifikate und Anleihen der WestLB kaufen, gebe es einen umfangreichen Sicherungsmechanismus. Die WestLB, so heißt es in der aktuell verfassten Erklärung, sei Mitglied der Sicherungsreserve der Landesbanken und Girozentralen und zudem in das Sicherungssystem der Sparkassen-Finanzgruppe eingebunden. Die Sparkassen schützten damit „zugleich die Ansprüche der Institutsgläubiger ohne betragliche Begrenzung, einschließlich der Ansprüche der Inhaber der von der WestLB begebenen Zertifikate und Anleihen, darunter auch Zuwachsanleihen, sowie der Zinsen aus diesen Verbindlichkeiten“. Selbst wenn die WestLB bei einem Eigentümerwechsel aus diesem Verbund ausscheide, seien die Schuldverschreibungen, die innerhalb eines Monats nach einer solchen Bekanntgabe herausgegeben wurden, von der Sicherungsreserve geschützt.

Peter Mattil, Kapitalmarktrechtsexperte aus München, bleibt dennoch skeptisch. „Oberster Zweck dieser Sicherungssysteme ist es, die Sparkassen selbst zu schützen und nicht die Eigentümer von Zertifikaten“, sagt er. Dass Milliardenbeträge zur Absicherung geschädigter Anleger zur Verfügung stünden, müsse sich erst erweisen. Klagen gegen den Sicherungsverbund könnten Einzelanleger möglicherweise nicht. Die Rechtslage sei insofern nicht eindeutig. Und Richter könnten im Einzelfall darauf hinweisen, dass das Risiko, dass die WestLB ausfallen könnte, im Wertpapierprospekt genannt worden sei. Zu hohe Erwartungen sollten Anleger hier also nicht hegen.

Eines allerdings gibt Anleger-Anwalt Mattil zu denken: „Unserer Erfahrung nach haben Politiker weniger das Wohl einzelner Anleger im Sinn, die Vermeidung eines Vertrauensverlustes in das ganzen Finanzsystems aber schon.“ Und das wäre der Fall bei einem Ausfall der WestLB-Zertifikate. Die Investmentbank Lehman Brothers ging 2008 pleite – und wahrscheinlich scherte sich kaum jemand in den Vereinigten Staaten um die schätzungsweise 700 Millionen Euro, die deutsche Sparer mit Lehman-Zertifkaten verloren. In Zertifikaten der WestLB aber steckt 20-mal so viel Geld. „Ein völliger Ausfall dieser Papiere, ein solcher GAU, ist unvorstellbar“, sagt Anwalt Mattil.

Raus mit Schaden?

Derweil läuft die Emissionsmaschinerie der WestLB weiter. „Unsere Zertifikate werden weiter öffentlich zum Vertrieb angeboten, es werden ständig Kurse gestellt“, sagt Frank Haak, Derivatefachmann der Bank. Gerade gab die WestLB Bonuszertifikate auf Allianz, E.On und RWE aus. „Wegen der Unsicherheit um die Zukunft der WestLB wird sie vielleicht ein paar Zertifikate weniger verkaufen, aber sie bleibt als großer Spieler im Geschäft“, sagt ein Vertreter einer US-Derivatebank.

Der Börsenhandel mit den Papieren funktioniert. „An der Börse Stuttgart gibt es keine Unregelmäßigkeiten beim Handel mit Zertifikaten der WestLB“, sagt Ralph Danielski, Vizechef der Börse. In Stuttgart laufen zwei Drittel des Börsenhandels von Zertifikaten in Deutschland. Die letzte Handelseinschränkung von WestLB-Zertifikaten gab es am 10. Februar, aus technischen Gründen, nicht wegen Bonitätsproblemen.

Derzeit deutet vieles darauf hin, dass die Sparkassen in NRW große Teil des Zertifikategeschäfts der WestLB übernehmen und auch für die Verpflichtungen daraus einstehen. Wer dennoch auf Nummer sicher gehen will, weil er befürchtet, dass die Rettung durch die Sparkassen nicht wie erhofft läuft und an den Börsen gehandelte Discounts, Bonuspapiere und andere Zertifikate eines Tages rapide an Wert verlieren, kann verkaufen. Möglicherweise entgehen ihm dann Gewinne, oder seine Rendite würde, falls er in Papiere einer andern Bank wechselt, durch doppelte Transaktionskosten geschmälert.

Technisch ist das kein Problem – die WestLB bietet ständig Rückkaufskurse an.

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