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Währung Schweizer Franken trifft die eigenen Unternehmen

Der Schweizer Franken ist so stark wie noch nie - zum Ärger für viele Unternehmen in der Alpenrepublik, die von der Geschwindigkeit der Wechselkursrallye überrascht wurden.

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Schweiz Quelle: dpa

Am Wochenende sind die Flieger von Zürich ins Shopping-Paradies New York voll. Auch Konstanz’ Lebensmittelgeschäfte stürmen die Schweizer jeden Samstag. Sie wollen billig einkaufen. Denn der Schweizer Franken – der sichere Hafen in der Euro-Krise – ist so wertvoll wie noch nie im Vergleich zur europäischen Gemeinschaftswährung und zum US-Dollar. Am vergangenen Dienstag fiel der Eurokurs zeitweise auf unter 1,09 Franken. Selbst eine Parität, ein Wechselkurs von eins zu eins, halten Marktteilnehmer mittlerweile für realistisch. Viele Schweizer Unternehmen trifft dies hart.

Die Schweizer Nationalbank hat am gestrigen Mittwoch zwar reagiert, für mehr Liquidität gesorgt und will ihren Leitzins, den Dreimonats-Libor, Richtung Null steuern. Das Zielband dafür hat sie auf 0 bis 0,25 Prozent gesenkt (von 0 bis 0,75 Prozent). Schweizer Unternehmen befürchten jedoch nur ein Strohfeuer an den Finanzmärkten.

"25 Prozent teurer"

„Der Euro und der Dollar haben in den vergangenen 18 Monaten 25 Prozent an Wert verloren. Dadurch sind unsere Waren um 25 Prozent teurer geworden – lediglich aufgrund des Wechselkurses“, beklagt Ivo Zimmermann, Sprecher des größten Industrieverbands der Schweiz, Swissmem. Dessen Mitglieder aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie wie beispielsweise ABB, Bucher, Geberit, Georg Fischer, Oerlikon und Zehnder exportieren im Schnitt 80 Prozent ihrer Produkte, davon allein zwei Drittel in den Euroraum. Es sei vor allem die Geschwindigkeit der Wechselkursänderungen, die viele helvetische Unternehmen böse überrascht hat. „Ein Drittel unserer Mitglieder ist jetzt in der Verlustzone, lebt also von der Substanz“, sagt Zimmermann. Und die Lage werde sich in den nächsten Wochen und Monaten laut Verbandsmeinung „nicht wesentlich entspannen“.

Die Schweizer Unternehmen reagieren ganz unterschiedlich darauf. Schritt eins ist natürlich die Preise zu senken, was die Margen schwinden lässt. Nur ganz wenige Unternehmen etwa aus der Uhrenindustrie haben ein Alleinstellungsmerkmal und können die Preise erhöhen. Schritt zwei ist die Absicherung des Wechselkurses. „Das haben wir schon seit 2009 gemacht“, sagt etwa Urs Spielmann, der bis März diesen Jahres Geschäftsführer des Maschinenbauers Feinstanz war. Spielmann hat sein Unternehmen inzwischen verkauft – aber nicht wegen der Wechselkurs-Problematik. Im Juli 2010 erwog Spielmann eine Verlagerung der Produktion ins Euro-Land. Jetzt ist er froh, nur noch ein Immobilienunternehmen mit Schweizer Objekten zu führen, das „nicht so sensibel für Wechselkurse“ ist.

Kein Einzelfall: Eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte bescheinigt Schweizer Großkonzernen eine höhere Bereitschaft, Arbeitsplätze im Ausland anzusiedeln. Sie können es natürlich auch wie ABB, Sulzer, Nestlé oder Kuoni halten und günstige Zukäufe im Ausland tätigen. Für viele Schweizer Unternehmer überraschend spät kam erst in den diesen Tagen, das Thema längere Arbeitszeiten auf den Tisch. Praktisch das Gegenmodell zur Kurzarbeit. Das Baseler Chemieunternehmen Lonza als prominentestes Beispiel hat die Arbeitszeit seiner Belegschaft für 18 Monate von durchschnittlich 41 auf 43 Stunden erhöht. Gültig ist die bei Gewerkschaften umstrittene Lösung seit Anfang Juli. Der mittelständische Küchenhersteller Franke aus Aarburg (bei Zofingen, Kanton Aargau) lässt seine Mitarbeiter ab September zweieinhalb Stunden länger arbeiten. Das Führungspersonal von Franke verzichtet zudem auf Teile seines Gehalts. Ziel ist in beiden Fällen eine höhere Produktivität. Denn die Wirtschaft brummt. „Die Auftragslage ist gut, aber die Unternehmen verdienen nichts“, sagt Zimmermann, der von weiteren Anfragen bei seinem Verband zum Thema Arbeitszeitverlängerung berichtet.

Auch die Vorprodukte vermehrt im Euro-Raum zu kaufen, trägt einen Teil dazu bei, dem starken Franken zu begegnen, berichten Unternehmen aus der Alpenrepublik. Sie nennen das „natürliches Hedging“. Ansonsten bleibt noch an der Effizienz- und die Innovationsschraube zu drehen, heißt es. Doch gerade Innovationen brauchen Zeit.

Ausländische Unternehmen im Vorteil

Der Schweizer Gewerbeverband, der vor allem Handwerksbetriebe vertritt, wettert gegen ausländische Unternehmen, die Subunternehmer aus Osteuropa in der Schweiz beschäftigen und gegen Scheinselbständige aus dem Ausland. Während einige Subunternehmer Preise drücken und die Arbeitssicherheitsstandards nicht einhalten, sind es Scheinselbstständige, die als Geschäftsführer einer Ich-AG, also als Kader-Mitglied, wie es in der Schweiz heißt, keiner Arbeitszeitregelung unterliegen und keine Versicherungsbeiträge zahlen müssen. Deutsche, österreichische, französische oder italienische Handwerker können also länger und günstiger arbeiten – ganz unabhängig vom Frankenkurs. Das trifft vor allem das Baunebengewerbe, zudem beispielsweise Schreiner und Maler gehören. „Die Frankenstärke hat ausländischen Firmen eine noch bessere Konjunkturlage im grenznahen Raum beschert“, sagt Henrique Schneider, Ressortleiter Wirtschaftspolitik beim Gewerbeverband. Schneider rechnet langfristig mit einem „normalen“ Eurokurs von 1,10 bis 1,15 Franken. Eine Parität sei aber kurzfristig nicht auszuschließen. Wie stark die Schweizer Landeswährung derzeit ist, verdeutlicht auch der Big-Mac-Index des britischen Wirtschaftsmagazins Economist. Danach kostet der überall einheitliche Hamburger von McDonald’s in der Eurozone im Schnitt 4,93 Dollar, während er in der Schweiz 8,06 Dollar wert ist.

Die Gewinner des starken Franken, Importeure, melden sich derzeit in der Öffentlichkeit dagegen nicht zu Wort – wahrscheinlich, um die Vorteile nicht an ihre Kunden weitergeben zu müssen, heißt es in verschiedenen Branchen übereinstimmend. Ökonomen aus der Schweiz rechnen dagegen schon mit einem geringeren Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent im kommenden Jahr, ursprünglich hatten sie eine Zunahme des Schweizer BIP von beinahe dem Doppelten prognostiziert.

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