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Weltwirtschaft Russland spaltet den Agrarmarkt

Die Brände in Russland und weltweite Unwetter führen 2010 zu einer schlechten Getreideernte. Die ökonomischen Folgen treffen vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer.

Volle Lager...Dämpfen den Preisanstieg

Im Kampf gegen die Flammen kletterte Wladimir Putin medienwirksam ins Cockpit eines Löschflugzeugs. Auch wirtschaftspolitisch demonstrierte der russische Ministerpräsident Entschlossenheit. Seinen Bauern und Getreidehändlern hat er bis Ende des Jahres verboten, Weizen ins Ausland zu liefern. Die von der Brandkatastrophe verschonten Ähren will Russland nur für sich selber ernten.

Die Rohstoffmärkte reagierten prompt, der Weizenpreis sprang streckenweise auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahren. Schon vor dem Ausbruch der verheerenden Brände hatte die russische Dürre zu einem deutlichen Anstieg der Kurse geführt. Immerhin war Russland im vergangenen Jahr drittgrößter Weizen-Exporteur der Welt. Für Juli registrierte der vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut monatlich ermittelte HWWI-Rohstoffpreisindex einen Anstieg des Weizenpreises um mehr als 16 Prozent gegenüber dem Vormonat. Agrarrohstoffe insgesamt legten auf Dollar-Basis um rund zwei Prozent zu.

Bessere Ernten 2011

Unwetter und Naturkatastrophen sorgen regelmäßig für Nervosität und Kurssprünge an den Agrarbörsen, doch diesmal haben Feuer und Wasser besonders weite Anbauflächen zerstört. Während die Ernte der Russen in Flammen aufgeht, versinken pakistanische Getreidefelder in den Fluten. Gleichzeitig leiden Kanadas Weizenbauern unter heftigem Regen, und in Indien erschwert ein unberechenbarer Monsun die Lagerung von Getreide.

Was sind die wirtschaftlichen Folgen? Treiben steigende Lebensmittelpreise die Inflation nach oben – oder steht gar die Versorgung mit Lebensmitteln auf dem Spiel? Analysten geben bisher Entwarnung – zumindest, was die westlichen Industriestaaten betrifft. „Die akute Preisspitze hat vermutlich nur wenig nachhaltigen Einfluss auf die Weltwirtschaft“, schreiben die Ökonomen des internationalen Finanzdienstleisters HSBC. Ihrer Meinung nach ist es zudem unwahrscheinlich, dass die aktuelle Kornklemme auch andere Agrarrohstoffe und Lebensmittel nachhaltig verteuert.

Zwar schrumpft das Angebot an Weizen momentan, doch eine weitere Preisexplosion steht nach Einschätzung der Experten nicht bevor. Stattdessen schließen üppig gefüllte Speicher die durch Feuer und Hochwasser entstandene Angebotslücke.

Dem kurzfristigen Höhenflug des Weizenpreises dürfte daher laut Commerzbank im vierten Quartal ein Rückgang auf etwa sechs Dollar je Scheffel (etwa 35 Liter) folgen. Bereits in der vergangenen Woche gingen die Notierungen auf unter sieben Dollar zurück. Für das kommende Jahr rechnen die Commerzbank-Analysten auch schon wieder mit besseren Ernten.

Hungrige Schwellenländer

Ohnehin spüren die wohlhabenden Verbraucher in den Industrienationen die Schwankung der Getreidepreise kaum. Amerikaner oder Deutsche etwa geben nur einen sehr geringen Teil ihrer Haushaltsbudgets für Essen und Trinken aus. Fast schon skurril mutet daher die hohe Aufmerksamkeit an, die der Brötchenpreis in Deutschland erfährt. Dabei fallen die Ausgaben für Backwaren auf dem Einkaufszettel nicht mal besonders stark ins Gewicht. Ein Blick auf die Kosten der Herstellung von Brot und Brötchen zeigt zudem: Die darin enthaltenen Rohstoffpreise sind in entwickelten Volkswirtschaften relativ gering, zumindest verglichen mit dem finanziellen Aufwand für Personal, Energie oder den Transport der Ware.

Hälfte des Geldes für Verpflegung

Ganz anders sieht die Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern aus. Dort lasten die Lebensmittelausgaben schwer auf den noch niedrigen Durchschnittseinkommen. Höhere Weizenpreise haben unter diesen Ausgangsbedingungen ein gefährlicheres Inflationspotenzial. Die Analysten der Bank UniCredit fürchten, dass steigende Lebensmittelkosten in den betroffenen Ländern die Nachfrage nach komplexeren Produkten verdrängen und damit den wirtschaftlichen Aufholprozess bremsen könnten. Inder etwa müssen im Durchschnitt knapp die Hälfte ihres Geldes für Verpflegung ausgeben. Die Deutschen machen dagegen weniger als zehn Prozent für ihre Nahrung locker – und gerade mal zwei Prozent für Zerealien.

Dass deutsche Discounter derzeit die Preise für Lebensmittel anheben, liegt nur scheinbar an steigenden Rohstoffkosten. Tatsächlich gibt es einen anderen Grund: Ermutigt durch die gute Konjunktur, traut sich der Lebensmitteleinzelhandel plötzlich wieder, mehr Geld von seinen Kunden zu fordern.

Aus Sicht der Anbieter ist das verständlich. Läden und Supermärkte mussten die krisengebeutelten Privathaushalte das gesamte zurückliegende Jahr hindurch sowie während der ersten Hälfte von 2010 mit ständigen Preissenkungen bei Laune halten. Das zeigt eine aktuelle Statistik des Marktforschungsunternehmens GfK. Im Juni jedoch zahlten Verbraucher erstmals seit Dezember 2008 wieder höhere Preise für Lebensmittel.

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