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Wirtschaftshistoriker Plumpe "Krisen kurz nacheinander sind historisch ohne Vorbild"

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Historische Parallelen Quelle: Weslaw Smetek

Griechenland haben wir doch schon nicht über die Klinge springen lassen.

Nein, ich nehme auch an, dass Frankreich, Spanien, England oder Irland im Zweifel gerettet würden. Im übrigen: Staaten können gar nicht untergehen. Sie sind halt zahlungsunfähig. Mit allerdings gravierenden Folgen. Die deutsche Geschichte zeigt, was dann passiert. Die Staatsbankrotte führten zu einer Enteignung der Bevölkerung. Entweder durch eine offene Inflation wie 1919 bis 1923 oder durch eine versteckte Inflation wie im Zweiten Weltkrieg, die durch die Währungsreform von 1948 beendet wurde. Aus staatlicher Sicht geht es danach aber wieder weiter.

Klingt wenig verlockend.

Das ist es auch nicht. Aber es lehrt, die Dimensionen von Krisen und Zusammenbrüchen nüchtern zu beurteilen.

Ihre Ruhe möchte ich haben. Die wenigsten Bürger haben gerade zu viel Zuversicht.

Im historischen Vergleich sind heutige Wirtschaftskrisen relativ harmlos. Ich unterscheide als Historiker zwischen alten und neuen Krisen. In Europa hatten wir bis ins 19. Jahrhundert Wirtschaftskrisen, die sehr viel stärker an das erinnern, was wir heute aus der Dritten Welt kennen. Die Menschen waren fast ausschließlich mit der Beschaffung von Nahrung, Kleidung und Behausung beschäftigt; jede, in der Regel durch Witterungsschwankungen ausgelöste Erntekrise hatte in einer an der Subsistenzgrenze lebenden Welt verheerende Folgen. Hunger, Epidemien, Tod waren an der Tagesordnung. Aus Sachsen wird im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von Kannibalismus berichtet; die Obrigkeiten setzten sogar auf das Töten von Spatzen Prämien aus. Das schlimmste Hungern und Sterben traf Mitte des 19. Jahrhunderts Irland: Dort kam es infolge von Missernten und Kartoffelfäule zu einer Drittelung der Bevölkerung. Ein Drittel ist gestorben, ein Drittel ist ausgewandert und ein Drittel ist geblieben. Derartige Krisen waren existentiell.

Und damit macht der Kapitalismus Schluss?

Der steigerte die Agrarproduktivität so weit, das wir heute mit Agrarkrise keinen Hunger mehr verbinden, sondern Überfluss! Die Agrarkrisen vor der Mitte des 19. Jahrhunderts waren auch nicht so rhythmisch, sondern hingen von der Witterung ab. Man konnte sich vor ihnen nicht wirklich schützen. Die kapitalistischen Zyklen mit ihren wiederkehrenden Krisen sind etwas ganz anderes: Sie sind in gewisser Hinsicht berechenbar und sie sind bei weitem nicht so gravierend. Vor allem aber sind sie Phänomene einer langfristig wachsenden Wirtschaft! Das Pro-Kopf-Einkommen ist in allen kapitalistischen Staaten langfristig dramatisch angestiegen. Ich will die sozialen Folgen der Krisen nicht kleinreden. Aber hiergegen hat sich seit dem späten 19. Jahrhundert der Sozialstaat entwickelt.

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