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Wirtschaftshistoriker Plumpe "Krisen kurz nacheinander sind historisch ohne Vorbild"

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Alle Jahre wieder

Das nützt dem entlassenen Bandarbeiter wenig.

Das ist klar. Aber die Schlussfolgerung kann nicht sein, den kapitalistischen Strukturwandel, der sich eben über dieses konjunkturelle Auf und Ab vollzieht, aufzuhalten, nur um die gegebene Arbeitsplatzstruktur zu erhalten. Es ist eine teure Illusion zu glauben, aus sozialen Gründen den Strukturwandel behindern zu können. In der DDR hat man das mit der Folge getan, dass nach der Wiedervereinigung die Industriestruktur wie ein Kartenhaus zusammenbrach, nachdem sie bereits zuvor nur durch Subventionierung erhalten werden konnte. Wer den Kapitalismus als einen ökonomischen Prozess der permanenten Selbstzerstörung und Erneuerung begreift, wie Joseph Schumpeter das tat, wird hiervor nur warnen können: Die Schreibmaschine verdrängt den Kopierstift, der Computer die Schreibmaschine und so fort, und jedesmal gehen Arbeitsplätze unter und neue entstehen.

Und wir mittendrin.

Ja, für uns, die wir im Kapitalismus leben, bedeutet das, dass wir uns auf permanenten Wandel einstellen müssen, als Konsumenten tun wir das im übrigen ja auch sehr gerne. Entscheidend ist, dass im Zweifelsfall jene Risiken, die der Einzelne nicht bewältigen kann, kollektiv aufgefangen werden. Dafür gibt es den Sozialstaat, der mithin das notwendige Komplement zur kapitalistischen Dynamik darstellt.

Lieber die Krise zulassen und ihre Folgen mindern, statt den Versuch zu machen, sie zu verhindern?

Genau. Und die Erfahrungen des 19. Jahrhunderts sind ja auch so schlecht nicht. 1857 und 1873 ließ der amerikanische Staat die jeweils durchaus tiefen Krisen regelrecht „ausbrennen“, ohne direkt einzugreifen. Der New Yorker Finanzsektor hat sich jeweils selbst reorganisiert. Das kann man mit heute nicht eins zu eins vergleichen, aber die Geschichte zeigt, dass nicht alles aus dem Ruder läuft, sollte der Staat darauf verzichten, massiv zu intervenieren.

Die jüngsten Interventionen legen dem Finanzsektor neue Regeln auf, weil er verantwortlich gemacht wird für die Finanzkrise. Auch überflüssig?

Ob der Finanzmarkt und seine Regeln für die Krise verantwortlich sind, vermag ich nicht zu beurteilen, halte es aber eher mit Karl Marx, der allein vom rhythmischen Krisengeschehen her Ursachen wie Profitgier oder individuelle Bereicherungssucht ausschloss. Die Ursache für Wirtschaftskrisen liegt wohl eher in den für den Kapitalismus typischen dezentralen Entscheidungsstrukturen, die über Preissignale koordiniert werden. Unter Konkurrenzbedingungen kommt es dann zu selbstverstärkenden Entscheidungen, da jeder versucht, auf den vielversprechenden Märkten dabei zu sein. Das führt zu einer Welle, und da die kapitalistische Unternehmung im wesentlichen kreditfinanziert funktioniert, hat dieser Prozess sui generis auch eine spekulative Seite: Ohne Börse und Finanzmärkte hätte es eine umfassende Industrialisierung nicht gegeben – und das wird auch so bleiben.

Die sogenannten Leerverkäufe helfen aber nicht, Bahnen oder Fabriken zu bauen. Banker haben sich unmoralisch verhalten, das sagt selbst der EU-Binnenkommissar.

Ja, Bankenschelte ist en vogue. Aber nochmal: Spekulation tritt in einer kreditfinanzierten Wirtschaft immer auf, wie überhaupt Spekulation, das heißt das Kalkulieren mit zukünftigem Gewinn, konstitutiv für die moderne Wirtschaft ist. Zweifellos gibt es Spekulation, die an Eisenbahnbau oder Industrieproduktion selbst gar nicht interessiert ist, sondern die Preisunterschiede an den Finanz- und Kapitalmärkten ausnutzen will. Aber selbst diese „Arbitrage“ hat ihren wirtschaftlichen Nutzen, weil sie anzeigt, was sich derzeit zu lohnen scheint und was nicht. Das heißt nicht, dass jede Spekulation korrekt ist, aber doch, dass Spekulation ein notwendiges Moment jeder modernen Wirtschaft ist.

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