WiWo App Jetzt gratis testen!
Anzeigen

Wirtschaftstheorie Physik der Finanzmärkte

Seite 2/3

Bundesfinanzminister Wolfgang Quelle: dapd

Auf den Finanzmärkten werden trotz dieses Vorzugs von den oben genannten Kontrollmöglichkeiten derzeit nur die Entsprechungen der Flüssigkeitsmenge und Temperaturdifferenz zur Regulierung genutzt – wenn Notenbanken die Geldmenge und die Zinsen regulieren. Zinserhöhungen oder eine Reduktion der Geldmenge sind angesichts der sensiblen Weltkonjunktur aber keine Optionen.

Wir schlagen daher Instrumente vor, die Reibung und Rauschen an den Finanzmärkten erzeugen, analog zu unserem Beispiel aus dem Physiklabor.

Reibung...

Physikalische Reibung als Kraft hat die Eigenschaft, mit der Bewegung zuzunehmen und dieser gleichzeitig entgegenzuwirken: Je schneller ein Auto fährt, desto stärker ist die Reibung (zum Beispiel der Luftwiderstand), der es ausgesetzt ist – und damit auch der Bremseffekt.

In Finanzmärkten ist das Äquivalent zur Bewegung die Transaktion von Kapital. In die friktionslose Welt der Finanztransaktionen müsste ein Reibungsmechanismus eingebaut werden. Er muss mit zunehmender Anzahl und höherem Volumen der einzelnen Transaktionen an Stärke gewinnen, denn das Ausmaß der Instabilität von Kapitalmärkten korreliert direkt mit dem Volumen der Transaktionen.

Das ist die technische Seite. Der politische Entscheid besteht erstens darin, festzulegen, welches Maß an Volatilität erwünscht ist, also wann eine solche Abgabe einsetzen würde; und zweitens darin, zu bestimmen, wie deren Progression aussehen sollte.

Erst beim Überschreiten der Volatilitätsgrenze würde die Abgabe greifen und dann überproportional mit dem Transaktionsvolumen wachsen. Besteuert würde das Volumen der Transaktionen pro Zeiteinheit. Dies hätte gleich zwei positive Effekte: Im Zustand der Finanzpanik würden Marktteilnehmer, die die Steuer fürchten, Geschwindigkeit aus dem Markt nehmen. Marktteilnehmer und Regulierer hätten dann Zeit gewonnen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig würde der Staat gerade dann Geld verdienen, wenn das System aus dem Ruder zu laufen droht.

Dieser Vorschlag unterscheidet sich deutlich von der viel diskutierten Tobin-Steuer, die jede Transaktion zu jeder Zeit mit einer fixen Steuer belasten will. Sie würde – wenn sie nicht auf einen Schlag global eingeführt würde – in der Welt der Finanzmärkte rasch umgangen. Marktteilnehmer würden auf Staaten ausweichen, die die Steuer nicht erheben.

Da die von uns vorgeschlagene Reibung als Kontrollmechanismus nur spürbar würde, wenn in Krisen exzessive Transaktionen stattfinden, kann eine solche Abgabe in normalen Zeiten einge-führt werden, ohne die Finanzmärkte zu belasten und Ausweichreaktionen zu provozieren. Dies erhöht die Realisierungschancen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%