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Wirtschaftstheorie Physik der Finanzmärkte

Wer Übertreibungen verhindern will, muss Reibung und Rauschen erzeugen – durch intelligente Steuern und Zufallsverkäufe der Notenbanken. Was die Wirtschaft von der Physik lernen kann.

Die Wirtschaft kann von der Wissenschaft lernen Quelle: Thomas Fuchs

Unser ökonomisches System scheint mehr und mehr unkontrollierbar. Regierungen und Notenbanken brauchen neue Denkansätze. Wir fragen uns, ob die Ereignisse seit Ausbruch der Finanzkrise immer noch Ausdruck einer funktionierenden Selbstorganisation der Märkte sind – oder vielmehr Indikatoren für das Erreichen eines „kritischen Zustands“, wie Physiker die Situation eine Systems nennen, das kurz vor dem Kippen steht.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, so war zu lesen, arbeitet an einer Transaktionssteuer. Die Mehrzahl der bisher debattierten oder durchgesetzten Regulierungsvorschläge erscheint dagegen populistisch – so die Besteuerung von Boni – oder wirkt, wie das Verbot von Leerverkäufen in Deutschland, nur punktuell. Eine Erhöhung der Regulierungsdichte für Banken behindert die Selbstorganisation der Märkte und führt zum Aufbau bürokratischer Strukturen.

Komplexe Systeme

Komplexe Systeme wie Finanzmärkte lassen sich schwer überschauen und kontrollieren. Aber man kann Spielregeln setzen, innerhalb derer sich ein System selbst organisiert. Die Theorie komplexer Systeme kann hier als Inspiration für solche neuen Regulierungsansätze dienen.

Schädliche Spekulationsblasen sind nur schwer zu identifizieren. Die meisten Blasen offenbaren sich erst, wenn sie platzen. Man benötigt daher Regulierungsansätze, die Blasen zum Platzen bringen, bevor diese eine systemgefährdende Größe erreicht haben.

Nicht Instabilität an sich ist das Problem, sondern das Ausmaß der Instabilität. Instabilität ist in einem komplexen System, das innovativen Kräften ausgesetzt ist, bis zu einem bestimmten Grad durchaus erwünscht, da sie die Anpassung der Marktteilnehmer an sich ändernde Fakten begünstigt. Es gilt also, Einflussfaktoren zu finden, die diese Instabilität beeinflussen, und zwar automatisch, ohne dass eine Regulierungsinstanz laufend beurteilen muss, ob ein bestimmtes Ausmaß von Instabilität gut oder schlecht ist.

Hier kommt die Physik ins Spiel. Vergleicht man Finanzströme einmal mit dem Energie- oder Wärmestrom in einer Flüssigkeit, die von unten her erhitzt wird, dann transportiert der Wärmestrom Energie (Kapital) von der Heizquelle (den Kapitalgebern) zur Oberfläche der Flüssigkeit (Unternehmen oder Staaten mit Kapitalbedarf).

Wie man Blasen verhindert

Ist die Temperaturdifferenz zwischen oben und unten niedrig, findet in der Flüssigkeit simple Wärmeleitung statt. Wird der Temperaturunterschied größer, bilden sich in der Flüssigkeit selbstorganisierte Strukturen für den Wärmetransport, sogenannte Konvektionsmuster. Ab einem bestimmten Punkt entstehen Blasen – die Flüssigkeit kocht über.

Um dies zu verhindern, stehen in diesem einfachen System, neben der Verringerung der Flüssigkeitsmenge, drei Möglichkeiten zur Verfügung:

1. Man senkt die Temperaturdifferenz.2. Man verändert die innere Reibung der Flüssigkeit, zum Beispiel durch Zugabe einer anderen Substanz.3. Man sorgt für Rauschen, indem man Sand in die Flüssigkeit streut, was zu vielen kleinen Blasen führt und große, gefährlich eruptive Blasen verhindert.

Die hier genannten Typen von Kontrollparametern finden sich in vielen technischen Systemen. Die Parameter geben nicht detailliert vor, wer wie viel Wärme bekommt, wann es „genug“ ist, oder welche Wärmeverteilung „ungerecht“ ist – die Verteilung resultiert vielmehr aus der Selbstorganisation des Systems.

Bundesfinanzminister Wolfgang Quelle: dapd

Auf den Finanzmärkten werden trotz dieses Vorzugs von den oben genannten Kontrollmöglichkeiten derzeit nur die Entsprechungen der Flüssigkeitsmenge und Temperaturdifferenz zur Regulierung genutzt – wenn Notenbanken die Geldmenge und die Zinsen regulieren. Zinserhöhungen oder eine Reduktion der Geldmenge sind angesichts der sensiblen Weltkonjunktur aber keine Optionen.

Wir schlagen daher Instrumente vor, die Reibung und Rauschen an den Finanzmärkten erzeugen, analog zu unserem Beispiel aus dem Physiklabor.

Reibung...

Physikalische Reibung als Kraft hat die Eigenschaft, mit der Bewegung zuzunehmen und dieser gleichzeitig entgegenzuwirken: Je schneller ein Auto fährt, desto stärker ist die Reibung (zum Beispiel der Luftwiderstand), der es ausgesetzt ist – und damit auch der Bremseffekt.

In Finanzmärkten ist das Äquivalent zur Bewegung die Transaktion von Kapital. In die friktionslose Welt der Finanztransaktionen müsste ein Reibungsmechanismus eingebaut werden. Er muss mit zunehmender Anzahl und höherem Volumen der einzelnen Transaktionen an Stärke gewinnen, denn das Ausmaß der Instabilität von Kapitalmärkten korreliert direkt mit dem Volumen der Transaktionen.

Das ist die technische Seite. Der politische Entscheid besteht erstens darin, festzulegen, welches Maß an Volatilität erwünscht ist, also wann eine solche Abgabe einsetzen würde; und zweitens darin, zu bestimmen, wie deren Progression aussehen sollte.

Erst beim Überschreiten der Volatilitätsgrenze würde die Abgabe greifen und dann überproportional mit dem Transaktionsvolumen wachsen. Besteuert würde das Volumen der Transaktionen pro Zeiteinheit. Dies hätte gleich zwei positive Effekte: Im Zustand der Finanzpanik würden Marktteilnehmer, die die Steuer fürchten, Geschwindigkeit aus dem Markt nehmen. Marktteilnehmer und Regulierer hätten dann Zeit gewonnen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig würde der Staat gerade dann Geld verdienen, wenn das System aus dem Ruder zu laufen droht.

Dieser Vorschlag unterscheidet sich deutlich von der viel diskutierten Tobin-Steuer, die jede Transaktion zu jeder Zeit mit einer fixen Steuer belasten will. Sie würde – wenn sie nicht auf einen Schlag global eingeführt würde – in der Welt der Finanzmärkte rasch umgangen. Marktteilnehmer würden auf Staaten ausweichen, die die Steuer nicht erheben.

Da die von uns vorgeschlagene Reibung als Kontrollmechanismus nur spürbar würde, wenn in Krisen exzessive Transaktionen stattfinden, kann eine solche Abgabe in normalen Zeiten einge-führt werden, ohne die Finanzmärkte zu belasten und Ausweichreaktionen zu provozieren. Dies erhöht die Realisierungschancen.

...und Rauschen

Fundamentalwerte und Preise von Wertpapieren können sich massiv unterscheiden. Zwei Faktoren sind dafür verantwortlich: Insider-Informationen und Herdeneffekte. Insider-Wissen ermutigt zu Spekulationen großen Ausmaßes. Dem Insider mit Wissensvorsprung winken risikolose Gewinne. Herdenverhalten wiederum tritt dann auf, wenn eine immer größer werdende Zahl von Marktteilnehmern einen Trend ausmacht, diesem folgt und ihn noch verstärkt.

Hier kommt das physikalische „Rauschen“ in Spiel. Grundsätzlich vermindert Rauschen den Informationsgehalt eines Signals. Rauschen am Finanzmarkt würde dadurch erzeugt, dass ein großer Player – im Idealfall die Zentralbank – rein zufallsgesteuert auf Märkten kauft und verkauft.

Durch Zerstörung von vorhersagbaren Preistrends könnten Insider-Spekulationen riskant gemacht und Spekulanten somit entmutigt werden. Trends, denen Anleger in der Herde hinterherlaufen, würden durch Zufallskäufe schwerer erkennbar oder durchbrochen. Blasen würden weniger wahrscheinlich.

Studien zeigen, dass zufälliges Investieren meist Resultate liefert, die mit der Marktperformance vergleichbar sind – und über jener der meisten Investmentfonds liegen. Demnach sollte das Durchführen von Zufallskäufen und -verkäufen für eine Zentralbank keine ruinöse Strategie sein. Durch die Transaktionen wird ein „Nebel des Nichtwissens“ über den Preis gelegt, der sowohl den Effekt von Insider-Informationen als auch Herdeneffekte abschwächen sollte.

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