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Zoll Auf Schwarzgeldjagd

Zöllner an der Schweizer Grenze verstehen keinen Spaß. Wer ohne Nachweis Bares verschieben will, bekommt Ärger. WirtschaftsWoche-Redakteurin Annina Reimann war mit Zöllnern auf der Jagd nach Bargeldschmugglern.

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Schwarzgeld-Suche Quelle: Christian Flierl für WirtschaftsWoche

Als die deutschen Zöllner den älteren Herrn an der Grenze von der Schweiz nach Deutschland aus der Schlange herauswinken und kontrollieren, wedelt der mit einem Blatt Papier. Sie könnten den Wagen gerne durchsuchen, ruft er freudig, er habe sich dem Finanzamt bereits offenbart, sprich selbst angezeigt. Zum Beweis präsentiert er den Beamten in Weil am Rhein ein zweites Dokument: Der Deutsche überwies dem Staat eine Steuernachzahlung, weil er jahrelang Schwarzgeld in der Schweiz bunkerte.

Selber Ort, anderer Fall: Eine Ex-Steuerhinterzieherin meldet bei der Einreise ihr Bargeld an. Warum sie so viel Geld mit sich herumträgt? Sie brauche es, gibt sie kleinlaut zu, um dem Finanzamt die fälligen Steuern aus ihrer Selbstanzeige zu überweisen.

Nicht alle, die mit ihrem Pkw den deutsch-schweizerischen Schlagbaum in Weil am Rhein passieren, rollen auf dem Pfad der Tugend: 110 Reisende, die insgesamt 4,4 Millionen Euro Bargeld nicht anmeldeten, erwischten die Zöllner 2010 allein in Weil. An allen Übergängen zur Schweiz fischten sie 49,8 Millionen, ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. Nachdem die deutsche Regierung und Länder Steuer-CDs mit Sünderdaten gekauft hatten, versuchten offenbar viele, schnell Geld heimzuholen.

Stichproben nach schwarzen Schafen

Wer per Auto, Zug oder Flugzeug aus der Schweiz nach Deutschland reist, darf zwar unbegrenzt Bargeld, Reiseschecks oder Aktien mitnehmen, muss diese aber ab 10 000 Euro Wert unaufgefordert schriftlich beim Zoll anmelden. Wer nicht willig ist und erwischt wird, dem drohen Geldbußen von bis zu einer Million Euro. Anlagesilber wie Barren ist bei der Einfuhr gar mehrwertsteuerpflichtig, selbst wenn der Wert unter 10 000 Euro liegt.

An diesem Freitag im Juli postieren sich die Zöllner Mark Sodies, 37, und Hubert Dichter, 54, von der mobilen Kontrolle an der Autobahngrenze in Weil. Mit Handschellen, Waffen und Taschenlampen ausgerüstet, winken sie Autos heran. Tagsüber passiert alle drei Sekunden ein Pkw den Übergang Richtung Deutschland, im Durchschnitt 15 000 Wagen pro Tag.

Sodies und Dichter können nicht mit jedem Fahrer sprechen, erst recht nicht jedes Auto durchsuchen. Sie machen Stichproben. Um die schwarzen Schafe zu filtern, brauchen sie Gespür: Sodies zieht die Stirn unter seiner grünen Zoll-Kappe in Falten. Hoch konzentriert scannt er mit den Augen jeden Fahrer. Ein Pärchen streckt gleich die Pässe aus dem Fenster, der Herr im dunkelgrünen Jaguar hebt bloß die buschige Augenbraue, die Blondine im Golf sinkt unsicher hinters Lenkrad, und der junge Geschäftsmann im Audi wirkt genervt. Er passiert die Grenze täglich. Wer aber schmuggelt Schwarzgeld? 

Grenzeinnahmen Quelle: Hauptzollämter Lörrach, Singen, Ulm

Sodies liest die Nummernschilder, viele Autos brausen mit einem Affenzahn heran. Er hält die Hand raus, macht eine kleine Handbewegung auf und ab, sie sollen langsamer fahren. LÖ, das steht für Lörrach. "Die kommen um die Zeit von der Arbeit", sagt er und winkt den Wagen durch. AI, ein Leihwagen aus dem Kanton Appenzell-Innerrhoden. Den Wagen hält er an: "Haben Sie was gekauft – Kleidung, Uhren, Schmuck?" Der Fahrer fasst sich an den Kopf: "Eingekauft, in der Schweiz?", fragt er. Da muss Sodies lachen: "Stimmt, bei dem Wechselkurs. Haben Sie mehr als 10 000 Euro dabei?" Der Fahrer lacht wieder: "So viel hätte ich gern."

Da verstehen die Zöllner keinen Spaß – und kontrollieren den Wagen. Die Handtasche der Beifahrerin, den Koffer, das Handschuhfach. "Die Leute haben große Geldbeträge gerne in ihrer Nähe", sagt Dichter. Der Mann muss es wissen: Er ist seit 36 Jahren für den Zoll im Einsatz. Oft finden die Beamten eine Bankquittung oder gar Kontoauszüge im Wagen. Der Leihwagen allerdings ist sauber. Trotzdem: Es wäre nicht das erste Mal, dass sich vermeintliche Spaßvögel als Schwarzgeldschieber entpuppen.

Die Tricks der Schwarzgeldschmuggler

Was zähle, sagt Dichter, seien Glück, Zufall und Erfahrung. All das kann er brauchen: Schwarzgeldschmuggler schöpfen aus einer vollen Trickkiste. Da ist der Mann im Maßanzug, der mit dem Golf seiner Tochter über die Grenze rollt. Will er sich so tarnen und hat seinen Porsche für diese Fahrt in der Garage gelassen? "Ich habe mal 450 000 Euro in einem Kleinwagen gefunden, mein größter Fang", sagt Sodies. Und was ist mit der Nonne oder dem Pfarrer – haben sie sich verkleidet, um nicht kontrolliert zu werden?

Viele verstecken Schwarzgeld in der schmutzigen Wäsche, der Brotdose, dem CD-Wechsler, BH oder der Inkontinenzwindel. Selbst im Schuh unter verschwitzten Socken fanden Zöllner schon Bares. "Die Leute wollen mit uns und unseren Gefühlen spielen", sagt Sodies – und stülpt die türkisen Einmalhandschuhe über. Leicht kommt keiner davon. Wenn es sein muss, stellen die Zöllner in einer Garage mitten auf der Autobahn den Wagen von Verdächtigen auf den Kopf. Reisende räumen ihr Gepäck auf die beiden vier Meter langen Tische. Falls einer seine Koffer nicht öffnet, weil ihm angeblich der Code für das Schloss nicht mehr einfällt, helfen die Zöllner seinem Gedächtnis gerne mit dem Bolzenschneider auf die Sprünge.

Um verdächtige Autos von unten zu inspizieren, fahren sie den Wagen über eine Werkstattgrube im Boden. Mit dem Falzbeil hebelt Sodies Verkleidungen unter der Motorhaube ab, besonders jene mit frischen Fingerabdrücken. Falls nötig schauen die Zöllner mit Hohlraumsonden, an deren Schlauchanfang eine Kamera installiert ist, in jedes Loch am Fahrzeug. Sie haben eine Kfz-Aus- oder -Fortbildung und kennen die Verstecke. Wenn nichts hilft, kommt der schwarz-braune Bargeldschnüffler Votan. Der dreijährige Schäferhund ist frisch ausgebildet. Er schnuppert, dann kratzt er wie wild mit den Pfoten und beißt in die Stelle, unter der er Geld vermutet. "Er sucht sein Spielzeug, sprich: das Bargeld", erklärt Dichter. Votan ist oft dabei: Der blaue Kombi der Zöllner müffelt nach Hund.

Schwarzgeld-Suche Quelle: Christian Flierl für WirtschaftsWoche

Von der Garage geht es ins Durchsuchungszimmer. Schon im Flur riecht es nach Desinfektionsmittel. Im Schrank stehen sieben Vorratsboxen mit Einweghandschuhen. Daneben eine karge Holzbank, gegenüber die abgewetzte Holzablage. Viele mussten dort schon ihre Taschen leeren. Falls das nicht freiwillig geschieht, wartet der Wandring. Dort fixieren Zöllner Renitente mit Handschellen. Wer sich gar bis aufs letzte Hemd ausziehen muss, den schützt nur noch der knappe, schwarze Teppich vor dem kühlen, braunen PVC-Noppenboden.

Werden Votan und seine menschlichen Kollegen fündig, nehmen die Beamten den Fall im Vernehmungsraum auf. Wer bis dort kommt, ist "entweder den Tränen nah oder erstaunlich ruhig", sagt Dichter. Die meisten bleiben ruhig. "Die haben so dermaßen viel Geld, sie haben kein Problem, wenn sie zahlen müssen", sagt Dichter. Der Raum ist zweckmäßig eingerichtet: Zwei Stühle, ein Holztisch, ein Drucker – und die Geldzählmaschine, die in all den Jahren schon zig Millionen registrierte. Mit dem Laptop nimmt Dichter die Personalien auf. "Wenn die Leute feststellen, dass wir mit ihnen human umgehen, verabschieden sie sich oft mit Handschlag", erzählt der Zöllner.

Heute versuchen die Kollegen ihr Glück auch am Übergang Weil-Otterbach. Das Duo taucht plötzlich auf. "Wir entscheiden spontan, wann wir wohin fahren. Das ist nötig, denn wir hören, dass Schweizer Banker ihren Kunden raten, lieber die kleineren Übergänge zu nutzen", sagt Dichter.

Gold als Ordnungswidrigkeit

Die Strategie könnte aufgehen: Allein in Weil gibt es vier Grenzübergänge, nicht jeder ist ständig besetzt. Auch an Grenzen wie in Konstanz am Bodensee sind Kontrollen zuweilen lasch: "Ich gehe seit 25 Jahren jede Woche zum Einkaufen über die Grenze – und ich bin erst ein Mal kontrolliert worden", sagt die Konstanzer Bürgerin Brigitte Scheurich.

Gegen Goldfans helfen Kontrollen ohnehin kaum. Anlagegold wie Barren gilt als Ware. "Goldbarren müssen nicht schriftlich angemeldet werden", sagt Markus Ückert vom für Weil zuständigen Hauptzollamt Lörrach. Sie seien zoll- und steuerfrei. "Mündlich sollten Reisende Goldbarren ab 300 Euro Wert angeben", sagt Ückert. Wer mit Goldbarren erwischt wird, hinterzieht anders als bei Silberbarren keine Steuern, sondern begeht nur eine Ordnungswidrigkeit. Bußgeld? Bis zu 5000 Euro. Fänden Zöllner bei der Durchsuchung Gold, erfahre es das Finanzamt, so Ückert.

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