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Führungswechsel bei Lingohr & Partner Der „deutsche Buffett“ zieht sich zurück

Frank Lingohr übergibt das Ruder. Der bekannte Vermögensverwalter und Fondsmanager gilt als überzeugter Value-Anleger. Sein Nachfolger wird Lingohrs Linie treu bleiben.

Der Gründer und Namensgeber von Lingohr & Partner zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück.

DüsseldorfEigentlich möchte Frank Lingohr gar nicht als „deutscher Warren Buffett“ bezeichnet werden. Value-Anleger, also Anleger, die auf Aktien mit Substanz setzen, sind aber sowohl der Deutsche als auch der Amerikaner. Doch Lingohr sieht deutliche Unterschiede zwischen seiner Strategie und der des schon zu Lebzeiten legendären Superinvestors. „Ich bin ein überzeugter und konsequenter Value-Anleger“, sagte er im Interview mit Handelsblatt Online. „Da ist Warren Buffett nicht so eindeutig. Er ist eine Mischung aus Benjamin Graham und Philip Fisher – nur mit mehr Growth.“ Von Wachstumstitel lässt Lingohr aber lieber die Finger.

Vor 22 Jahren hat Lingohr die Vermögensverwaltungsgesellschaft Lingohr & Partner gegründet. Mit einem verwalteten Vermögen von mittlerweile mehr als fünf Milliarden Euro gehört Lingohr zu den größten Vermögensverwaltern in Deutschland. Der Name Frank Lingohr ist auch international bekannt.

Doch diese Ära endet nun. Zum 30. Juni zieht sich der Firmengründer und Namensgeber aus dem operativen Geschäft von Lingohr & Partner zurück. Auf ihn folgt Volker Engelbert, der seit vielen Jahren das Amerika- und Kanada-Geschäft von Lingohr verantwortet. „Die Fußstapfen von Frank Lingohr sind groß, dessen bin ich mir bewusst“, sagt der 53-Jährige. Er setzt auf Kontinuität, an der Strategie wird sich nichts ändern.

Frank Lingohr hat künftig mehr Zeit für seine Hobbys. „Allen voran meiner Beschäftigung mit Aktien und den Märkten - das war immer meine Passion und wird es auch bleiben", sagt der 67-Jährige. „Mit einem Unterschied: Ich kann nun mit deutlich mehr Muße an die Sache gehen, weil ich nicht mehr im oftmals sehr stressigen Tagesgeschäft feststecke.“ Ganz verabschiedet er sich aber nicht. Lingohr wird das Unternehmen weiterhin beraten.

In sein Büro in Erkrath wird er aber künftig wohl seltener fahren. „Ich bin logischerweise mit Herz und Seele immer bei der Firma – egal ob in der Firma oder an anderer Stelle“, sagt er. „Aber im Ernst: Ich bin ab Juli dann in der komfortablen Situation, dass ich genau dann ins Büro gehen kann, wenn ich möchte – beziehungsweise wenn meine Kollegen sich mit mir beraten wollen.“

Auf die Jahrzehnte an der Börse schaut er gerne zurück. „Es gab viele aufregende und teils schwierige Phasen“, erinnert er sich. „Allerdings habe ich immer versucht – ähnlich wie Odysseus den Sirenen aus dem Weg gegangen ist –  mich nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Sondern habe mich immer auf Fakten und Fundamentaldaten konzentriert, um auf Kurs zu bleiben. Und das hat wunderbar funktioniert.“

In der Branche hat er einen exzellenten Ruf. „Frank Lingohr gehört zu den langjährig erfolgreichsten Fondsmanagern in Deutschland und kann als Investmentlegende bezeichnet werden“, sagt beispielsweise Dachfondsmanager Eckhard Sauren, der seit Jahren mit Lingohr zusammenarbeitet. „Er hat bereits in frühen Jahren eine Vorreiterrolle übernommen und den Fondsboutiquen-Ansatz in Deutschland entscheidend mit geprägt.“


Ein Zahlenfreak, der Emotionen konsequent ausschaltet

Als „immer unermüdlich und sehr fundiert“, beschreiben Geschäftspartner ihn. Frank Lingohr ist ein Gentleman, höflich und charmant, nach außen hin sehr zurückhaltend und bescheiden. Doch er hat auch eine Leidenschaft für die schönen Dinge des Lebens, ist ein Gourmet und Weinkenner. Eine weitere Leidenschaft sind schnelle Auto, am liebsten italienische Sportwagen. Journalisten holte er schon mal im Lamborghini ab.

Der 67-Jährige gilt als Zahlenfreak, ist ausgewiesener Spezialist für die Kennzahlenanalyse. Er sucht nach absolut und relativ günstig bewerteten Papieren, also klassischen Value-Werten. Von Wachstumswerten oder „Dream Stocks“, wie er sie nennt, lässt er die Finger. „Die Träumereien und fantastischen Bewertungen – Überbewertungen natürlich – überlassen wir anderen“, sagte er. Bei der Aktienauswahl achtet er auf das Kurs-Buchwert-Verhältnis, die Dividendenrendite, den Cashflow Return on Investment, den freien Cashflow und eine hohe Eigenkapitalquote.

Die Lingohr-Aktienfonds sind immer voll investiert. In jedem Land sind alle Aktien gleich gewichtet, zwei Mal im Jahr werden diese Gewichtungen angepasst. „Als Value-Investoren steckt das Geld unserer Anleger im günstigen Teil des Aktienmarktes, was übrigens auch ein guter Schutz gegen die Korrektur ist“, erklärte er im Handelsbatt-Internview. „Denn die trifft in der Regel die überbewerteten Aktien.“

Obwohl überzeugter Aktionär, mag er Börsenrallys eigentlich nicht. „Mir geht es relativ schlecht, wenn die Kurse sehr stark steigen“, erzählte er schmunzelnd. „Aber wir haben ein sehr strenges Regelwerk, an dem wir uns dann festhalten und auf das wir voll vertrauen. Auch ich brauche das nach all den Jahren noch – ohne geht es nicht. Ein strenges Regelwerk schützt Investoren davor, die Nerven zu verlieren!“ Und das gelte in steigenden wie in fallenden Märkten. Astrophysikfan Engelbert vergleicht Lingohr mit Albert Einstein: „Wie Einstein macht er sich konzeptionelle Gedanken, etwa darüber, wie man Emotionen ausschaltet und gleichzeitig die fundamentale Chance erkennt und entsprechend nutzt.“

Auf dem Tisch von Frank Lingohr steht schon seit der Gründung von Lingohr im Jahr 1993 ein Zitat des irischen Schriftstellers Samuel Beckett: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Es kann eben nicht immer alles gut gehen, und auch nicht jedes Investment geht gut. Auch Lingohr musste immer wieder Durststrecken durchstehen – und mit ihm seine Kunden. Doch die seien daran gewöhnt, dass Lingohr in Boom-Phasen etwas schwächer und in Baisse-Phasen stärker abschneide. „Die Saat für eine reiche Ernte wird in der Schwächephase gelegt“, so Frank Lingohr. „Value-Investoren müssen Schmerzen aushalten können. Und wenn die am größten sind, kommt unsere Zeit!“ Bei Lingohr & Partner ist jetzt die Zeit von Volker Engelbert gekommen.

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