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Artificial Smartness Von sprechenden Maschinen, Trojanischen Pferden und unser aller Datenschicksal

Einblicke in die FutureBoard-Reise der Wirtschaftswoche von Herausgeberin Miriam Meckel

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„Wir sind die Plattform“. Das ist in Anwandlung des Revolutionsrufs der deutschen Wende das neue Motto des nächsten wirtschaftlichen Umbruchs weltweit. Wer das rufen kann, hat einstweilen gewonnen im Rennen um das nächste Geschäftsmodell der Digitalzeit. Plattformen werden die Heimat für den Austausch unserer Daten. Nicht nur der persönlichen. Genauso spannend werden die Industriedaten. Wem es gelingt zu lauschen, wie die Maschinen miteinander sprechen, wird zum Übersetzer im Zeitalter des industriellen Internet. Das war die Erkenntnis unserer WirtschaftsWoche FutureBoard-Reise an die amerikanische Ostküste. Fünf Tage lang haben wir in New York und Boston erkundet, was jedes Mitglied eines Aufsichtsrats und jede Unternehmerin, jeder Unternehmer heute wissen muss, um über die Fragen der digitalen Zukunft entscheiden zu können. 

„Machines talk, we listen“, so einer der Merksätze dieser Zukunft. Das in New York ansässige Startup Augury hört zu, was Kühlaggregate und Pumpen zu sagen haben. Und die geben freiwillig und umfänglich Auskunft, ob es ihnen gerade gut geht, ob sie miteinander arbeiten mögen oder lieber auf dem Egotrip der totalen Zerstörung sind. Hunderttausende lassen sich sparen, wenn ein mobiler Sensor sein künstlich intelligentes Datenohr an der Maschine hat, um frühzeitig zu reparieren, was später verloren ist. Der Name des Unternehmens ist übrigens programmatisch. Augury heißt übersetzt Omen oder Prophezeiung. Meine Prophezeiung: Predictive Maintenance, die Vorhersage über die Zukunft der Industriemaschinen, wird ein Riesengeschäft. 

Wem die Plattform gehört, dem gehört die Zukunft. Jedes Geschäftsmodell hat derzeit deshalb eine erste und eine zweite Dimension: Speerspitze und Substanz. Bei vielen Unternehmen ist das Produkt nur das Trojanische Pferd, mit dem sie unerkannt in die Schlacht um die Daten ziehen. So zum Beispiel WeWork, Anbieter für Coworking Space. Das Unternehmen, eigentlich im Immobilien- und Gebäudemanagement tätig, wird mit gut 20 Milliarden Dollar bewertet. Für Steine und Büroflächen? Nope. Es geht um die Daten im Hintergrund. Millionen Menschen weltweit erzählen an einem WeWork-Arbeitsplatz täglich ihre persönliche Geschichte: Kommunikation, Bewegungen, Entscheidungen, Präferenzen. Daraus lässt sich Zukunft bauen. WeWork ist das Airbnb der Arbeitsplätze. Kürzlich startete das Unternehmen zwei Erweiterungskonzepte: WeLive, ein mit Sensoren ausgestattetes Wohnungsangebot für luxuriöse Kurzzeitmiete und zuletzt Rise, ein Fitnessstudio, das Produkte von WeWork-Mietern nutzt. Das ultimative Ziel: Die Vermessung aller Lebensräume. 

Reisen erleuchtet. Das hat unsere Delegation in dieser Woche immer wieder erfahren. Auch ganz konkret. Durch intelligentes Licht. Bei Digital Lumens, einem Startup in Boston, das soeben von Osram gekauft wurde, ist Licht der trojanische Engel. Alles Verständnis kommt von oben. Sensorpralle Lichtsysteme für Industrieanlagen lassen Unternehmen bis zu 90 Prozent ihrer Energiekosten einsparen. Es wird immer nur hell, wo der Mensch auch ist. Die Lichtanlagen heißen in herrlichem Deutsch auch „Raumversteher“. Auch das eine schöne Analogie für unsere Reise: Erst wer den digitalen Raum ganz konkret dort erlebt, wo er entsteht, versteht wirklich, welche Räume sich dadurch für die Wirtschaft eröffnen. 

Auch in der digitalen Welt kann Gleiches manchmal sehr ungleich sein. Das zeigt sich in einer Entfernung von nur 350 Kilometern. In New York produziert MakerBot 3D-Drucker für den Endkundenmarkt und will damit das Bildungssystem aufrollen. Auf Thingiverse, der Crowd-Plattform für 3D-Designs kann man sich die Daten zum Drucken von Drohnen ebenso runterladen wie die vom Startreck-Raumschiff. Ich druck mir die Welt, widdewiddewie sie mir gefällt. Aber verdiene damit leider nicht so richtig gut Geld, weil mein Geschäftsmodell heißt: Drucker verkaufen. Und das dürfte im Bildungssektor nicht so leicht sein. Da ist der Konkurrent Formlabs in Boston schon konsequenter unterwegs. Drucker verkaufen, dabei aber das Druckmaterial selbst herstellen und patentieren. Mit freundlichen Grüßen an die chemische Industrie, die hier leider draußen bleiben muss. 

Schöpfung und Zerstörung – der Kreislauf kann schnell gehen in den Technologiezentren der USA. Joseph Schumpeter wäre begeistert ob der Kreativität, die in diesen Zirkel fließt. Aus Liebe zu Mensch und Warenlager hat das Team von 6 River Systems aus dem Umfeld von Boston einen Roboter gebaut, der den Lagerarbeitern auf den Fuß folgt. Die Maschine namens „Chuck“ weiß, was wo zu finden ist, und optimiert die Produktsuche für verschiedene Bestellungen entlang der Regale. Schleppen muss in den Hallen, in denen Chuck unterwegs ist, auch niemand mehr. Sechs Wochen hat es gedauert, bis der erste Prototyp gebaut war, ein Jahr, bis der erste Roboter beim Kunden fuhr. In der Demohalle streicht der Wind des Wandels spürbar über den Schweiß auf unserer Stirn. 

Chuck ist ein Beispiel dafür, wie Mensch und Maschine künftig zusammenarbeiten können – im Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz, für die wir bei der WirtschaftsWoche den Begriff „Artificial Smartness“ verwenden. Was macht das mit dem Arbeitsmarkt? Daran forscht die Projektgruppe „Scalable Cooperation“ am MIT. Durch die Analyse großer Datensätze wollen die Forscherinnen und Forscher verstehen, wie sich Veränderungen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt vorhersagen lassen, damit die Politik früher auf sie reagieren kann. Politische Wettervorhersage, um vor dem Hurrikan der gesellschaftlichen Umbrüche warnen zu können.

Da fällt mir plötzlich Ignatz, der Liftboy, ein aus dem Roman „Hotel Savoy“ (1924) von Joseph Roth. Er hält nicht nur den Aufzug in Fahrt, sondern das ganze Hotel. Denn Ignatz ist auch der Hoteldirektor, den nie jemand sieht. Weil er die Revolution nicht kommen sieht, verbrennt er in seinem Hotel. Dabei hätte er nur rechtzeitig runter fahren und als Chef voran in die Welt hinaus treten müssen. 

Trauen wir uns doch noch mehr zu. Wir haben in Deutschland das Potential. Nur auf die anderen zu warten, kann nicht der Weg sein. Was stand noch auf einem kleinen Schild im Gründerzentrum MassChallenge in Boston? “Only dead fish go with the flow.” 

Wenn Sie mehr wissen möchten über die Zukunft des industriellen Internet, dann schauen Sie doch hinein in unser Sonderheft „Artificial Smartness“, das Ende November erscheinen wird.

Dieser Text ist Teil des wöchentlichen Serendipity-Newsletters der WirtschaftsWoche. Serendipity [serenˈdipiti], das schöne englische Wort beschreibt den glücklichen Zufall, durch den sich entdecken lässt, wonach man gar nicht gesucht hat. Erfunden hat das Wort der englische Historiker Horace Walpole (1717-1797). In einem Brief an einen Freund berichtete er von dem persischen Märchen über „die drei Prinzen von Serendip“, die den glücklichen Zufall zu nutzen wussten. Sie waren die ersten, die Signale aus der Zukunft auch im Lärm der Gegenwart entschlüsseln konnten. Jeden Sonntag bekommen Sie von WiWo-Herausgeberin Miriam Meckel einen kleinen Brief mit drei Gedankenupdates, die aus zufälliger Entdeckung und Verknüpfung entstanden sind. Bei Interesse können Sie sich hier anmelden.

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