Chance und Bedrohung zugleich Beschäftigte fürchten Jobverlust durch Digitalisierung

Die Digitalisierung hält Einzug in die deutsche Wirtschaft - fast jeder zweite Beschäftigte ist betroffen. Die meisten Unternehmen fordern mehr Tempo und Unterstützung durch die Politik. Viele Arbeitnehmer fürchten um ihre Jobs.

Viele Beschäftigte fürchten Jobvernichtung durch die Digitalisierung. Quelle: obs

Die große Mehrzahl der Unternehmen in Deutschland sieht die Digitalisierung einer Studie zufolge überwiegend als Chance an. „Die Wirtschaft boomt, wir haben noch nie so viele Erwerbstätige wie heute gehabt“, sagte Achim Berg, Präsident des Digitalverbands Bitkom am Dienstag auf der Konferenz hub.berlin.

In der Politik sehe man derzeit jedoch eher Stillstand. „Chancen muss man nicht nur erkennen, man muss sie auch ergreifen,“ sagte Berg und mahnte Tempo an. In der Politik sei dazu in den vergangenen Monaten nahezu nichts passiert. „Das Schlagwort Digitalisierung hat man in der letzten Zeit zwar häufig gehört, aber konkrete Lösungen liegen nicht auf dem Tisch.“ Die Digitalisierung warte nicht auf Deutschland.

Viele Arbeitnehmer in Deutschland fürchten dagegen eine Vernichtung von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung. Das geht aus dem am Dienstag vorgelegten BKK Gesundheitsreport hervor. Der Anteil derer, die einen Wegfall von Arbeitsplätzen befürchten, ist mit 38 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der Beschäftigten, die Digitalisierung eher als Jobmotor sehen. Der größte Anteil der Befragten (45 Prozent) geht allerdings davon aus, dass sich der Wegfall und der Zuwachs von Arbeitsplätzen bei der Digitalisierung die Waage halten werden.

Diese Berufe lassen sich am einfachsten durch Computer ersetzen

Die Studie des Digitalverbandes Bitkom ergab, dass sich 85 Prozent der befragten Unternehmen wünschen, dass die Digitalisierung zum Top-Thema der künftigen Regierung wird. 53 Prozent meint jedoch, dass der Politik das Verständnis für das Thema fehle. 92 Prozent der Befragten sprach sich dafür aus, dass die Digital-Strategie in der künftigen Regierung an einer zentralen Stelle koordiniert wird.

Trotz der großen Erwartungen in die digitale Transformation in der Wirtschaft sehen dennoch 25 Prozent der Unternehmen durch die Entwicklung die eigene Existenz gefährdet. 60 Prozent sehen sich als digitale Nachzügler, 57 Prozent erleben, dass Wettbewerber aus der Internet- und IT-Branche auf ihren Markt drängen. Der Bitkom fordert deshalb eine klare Digitalstrategie, Investitionsbereitschaft sowie eine aktive Rolle der Politik. „Dabei geht es darum, eine Vision für Deutschland zu entwickeln, bevor man in die kleinteilige Ausgestaltung geht“, sagte Berg.

Diese Jobs mischen Roboter auf
IndustrieSchon heute werden viele Arbeitsschritte von Maschinen übernommen - doch die vernetzte Produktion setzt auch in den Werkshallen eine weitere Automatisierungswelle in Gang. Das muss unterm Strich aber nicht zwangsläufig zu Jobverlusten führen, heißt es aus der Wirtschaft: Bereits Ende 2016 lag Deutschland bei der „Roboter-Dichte“ weltweit auf Platz drei hinter Südkorea und Japan - und trotzdem sei die Beschäftigung auf einem Rekordstand, erklärt der Maschinenbau-Verband VDMA. Auch der Präsident des Elektronik-Branchenverbandes ZVEI, Michael Ziesemer, sagt: „Es können auch mehr Jobs entstehen als wegfallen.“ Die Digitalisierung werde eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle und damit neue Stellen hervorbringen. „Wer kreativ ist, rangeht und sich Dinge überlegt, hat jede Menge Chancen.“ Quelle: dpa
Das vernetzte und automatisierte Fahren dürfte künftig viele Jobs überflüssig machen Quelle: dpa
BüroSchreibarbeiten, Auftragsabwicklung und Abrechnungen - Büro- und kaufmännische Fachkräfte erledigen nach Experteneinschätzungen Arbeiten, die heute schon zu einem hohen Grad automatisierbar sind. Dadurch könnten auch viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen: Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind in solchen Berufen tätig. Quelle: dpa
Der Handel wurde als eine der ersten Branchen von der Digitalisierung erfasst - entsprechend laufen im Online-Handel viele Prozesse automatisiert ab Quelle: dpa
Sie melken die Kühe, füttern, misten aus und helfen beim Ernten - Roboter haben längst auch auf den Bauernhöfen Einzug gehalten Quelle: dpa
Roboter in der Pflege - was in Japan bereits zum Alltag gehört, bereitet vielen Menschen in Deutschland noch eher Unbehagen Quelle: dpa
Auch im Haushalt tun Roboter schon ihren Dienst Quelle: dpa
E-Learning gibt es zwar längst. Doch in Kindergarten, Schule oder Ausbildung geht es um mehr als um das reine Vermitteln von Stoff. Quelle: dpa
Tendenziell schütze eine akademische Ausbildung besser davor, ersetzt zu werden Quelle: dpa-Zentralbild

Aus dem BKK-Report geht hervor, dass mehr als zwei Fünftel der Beschäftigten nach eigenen Angaben durch die Digitalisierung Aufgaben schneller sowie mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen. Mehr als jeder Fünfte gibt an, sich durch die Digitalisierung überlastet beziehungsweise ausgebrannt zu fühlen. 29 Prozent erledigen auch in ihrer Freizeit Arbeit.

Bezüglich der psychischen Gesundheit sehen 28 Prozent der Befragten eine stärkere Belastung durch die Digitalisierung. Nur einer von zehn Befragten fühlt sich dagegen eher weniger belastet. Die Mehrheit sieht sich durch die Auswirkungen der Digitalisierung ihrer Arbeit nicht mehr oder weniger gesundheitlich beeinträchtigt. Für mehr als jeden zweiten Beschäftigten ist die Digitalisierung fester Bestandteil der Arbeit, für weitere 38,5 Prozent spielen entsprechende Werkzeuge zumindest zeitweise eine wichtige Rolle.

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