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China Die Angst vor der Robo-Armee

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Erst die Armee, dann der Staat

Doch genau das könnte schon zu spät sein. Militärs und Politiker in den USA, China und Russland begründen ihre höheren Ausgaben und ethisch fragwürdigen Neuerungen mit den Anstrengungen der Konkurrenz. „Wer im Bereich KI führt, wird der Herrscher der Welt“, sagte Russlands Präsident Wladimir Putin. Der unter seiner Herrschaft entwickelte Kampfpanzer „T-14 Armata“ ist bereits automatisiert: im Geschützturm werkeln keine Soldaten mehr, ein Mechanismus lädt die Munition nach und dreht die Kanone in beliebige Richtungen.

Noch weiter ist das Pentagon, der derzeitige Technikführer im Bereich Militär und smarte Software. Die Amerikaner bringen den Drohnen gerade bei, sich im Schwarm selbst zu organisieren wie Bienen oder Vögel. Diese „Gremlins“ sollen ihre Missionen eigenständig durchziehen, sobald ein Transportflugzeug sie ausgesetzt hat. Noch befinden sich die Gremlins auf der Stufe der Grundlagenforschung, das Schwarmverhalten sieht beeindruckend aus, doch von eigenständigem Entscheiden sind die Drohnen noch ein Stück weit entfernt.

Die USA forschen hier gleichwohl auf zwei Ebenen. Völlige Autonomie ist derzeit zumindest offiziell nicht das Ziel. Denn das Pentagon kann den Druck der Öffentlichkeit nicht ignorieren, Sicherheitsmechanismen einzubauen. Es hat versprochen, für den Einsatz tödlicher Gewalt immer noch einen Menschen dazwischenzuschalten. Die chinesische Führung muss sich dagegen nicht mit Zweiflern auseinandersetzen. Präsident Xi als Oberbefehlshaber und Chef der Militärkommission hat das letzt Wort. Für ihn ist der Fall klar: China hat nur Vorteile zu erwarten, wenn es auf KI setzt.

Ob nun im Volkskongress oder in der Schule: Ausgehend vom Militär greift die ordnende Logik von Algorithmen auf das ganze Land über Quelle: Bloomberg

Der Offizier Chen Hanghui von der Armeehochschule in Nanjing hat in einem – inzwischen aus dem Netz gelöschten – Aufsatz bereits darüber nachgedacht, wie „künstliche Intelligenz die Regeln der Kriegsführung verändert“. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass hier eine „technologische Singularität auf dem Schlachtfeld“ bevorstehe. Den Begriff „technologische Singularität“ verwenden Informatiker, um die Folgen einer schnellen Weiterentwicklung zu beschreiben, die einen Lebensbereich völlig umkrempelt. Auf die Kriegsführung bezogen rechnet Chinas Armee also mit einem Moment in der Zukunft, ab dem eine Truppe alten Stils keine Chance gegen ein durchautomatisiertes Heer hat. Um auf die in eigenständiger Schwarmintelligenz organisierten US-Drohnen antworten zu können, arbeitet China etwa gerade an einer ähnlichen Technik, die unbemannte U-Boote entsenden kann.

Erst die Armee, dann der Staat

Profite im Form ziviler Anwendungen sind ebenfalls zu erwarten. Schon jetzt arbeiten der Privatsektor und die staatlichen Rüstungsfirmen zusammen, um Wissen auszutauschen. „China ist hier sehr wettbewerbsfähig aufgestellt“, sagt John Sneller, Luftfahrtexperte bei der Forschungsfirma IHS Markit. Ein Beispiel ist die Firma Megvii, die im Pekinger Technikviertel Zhongguancun sitzt. Ihre Spezialität ist Software für Gesichtserkennung, die auf neuronalen Netzen basiert. Sie erkennt Personen auch auf unscharfen Bilder und in Menschenmengen mit Tausenden von Leuten absolut zuverlässig. Ihr größter Kunde ist der Staat: In Peking fängt die Polizei inzwischen reihenweise Verbrecher, die einfach nur den Fehler gemacht haben, in Sichtweite einer Kamera die Straße herunterzugehen.

Ein autoritär geführter Staat verschafft sich auf diese Weise einen soliden technischen Vorsprung. Der Gedanke einer absoluten Technikführerschaft Chinas klingt für viele Beobachter paradox. In ihrer Erfahrung ist Demokratie mit überlegener Technik verbunden. „Der Grund für Chinas Erfolge in KI und Data Mining ist jedoch gerade das Fehlen des Datenschutzes“, sagt Dong Tao, China-Ökonom bei der Großbank Credit Suisse. Allein die Kommunikations-App WeChat verarbeite täglich sieben Milliarden Fotos, die dem Staat und den KI-Forschern potenziell zur Verfügung stehen.

Immerhin gibt aber auch ein robotertechnisch aufgerüstetes System die Diplomatie nicht ganz auf: Die nächste Anwendung für intelligente Software soll Chinas Außenpolitik sein. Das Außenministerium plant gerade ein Pilotprojekt für den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der internationalen Strategie, berichtet die „South China Morning Post“. Die Rechner können jeden Gesprächsfetzen nutzen, den hellhörige Mikrofone auf Empfängen und Partys auffangen. Das Ziel ist ein „Unterstützungssystem“ für strategische Entscheidungen. Die Frage ist dann nur: Wenn Algorithmen künftig Soldaten und andere Algorithmen Diplomaten ersetzen – wie lässt sich dann verhindern, dass nur noch Maschinen mit Maschinen über die Geschicke von Menschen verhandeln?

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