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China KI für Xi

Go-Spieler Ke Jie unterlag 2017 der Maschine. Quelle: AP

Für die Regierung in Peking geht es beim Thema Künstliche Intelligenz um alles oder nichts: Das Land soll Weltmarktführer werden und an den USA vorbeiziehen. Dafür sind keine Opfer heilig – nicht einmal nationale Superhelden wie Go-Spieler Ke Jie.

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Es begann mit einer Partie Go. Am 25. Mai 2017 schlug Alpha Go, das Programm der britischen Alphabet-Tochter Deep Mind, den weltweit stärksten Spieler des asiatischen Strategiespeils.

Ke Jie war damals 19 Jahre alt und sicher, gegen einen Computer zu gewinnen. Schließlich taugten Go-Programme bis dahin höchstens als Gegner für Anfänger. Anders als Schach, bei dem mit viel Rechenkraft die strategisch besten Züge berechnet werden können, braucht man für Go Intuition. Go galt deshalb stets als das „uralte Spiel, das Computer nicht gewinnen können“. Superstar Ke hingegen hatte mit zehn Jahren das erste Mal eine nationale Meisterschaft gewonnen. Und war seitdem immer nur besser geworden.

Alpha Go dagegen war nicht einmal speziell für das Spiel programmiert, sondern eine Anwendung einer allgemeinen Plattform für künstliche Intelligenz (KI). Das System hatte sich die besten Strategien selbst beigebracht, indem es Tausende von archivierten Partien nachvollzogen hatte. In China gab es damals kein vergleichbar starkes KI-System. Die chinesischen Zensoren hatten vorsichtshalber den Medien dennoch die Anweisung gegeben, das Spiel nicht live zu streamen, obwohl das Match im Rahmen einer Konferenz in China stattfand – die Staatsmedien filterten das Ergebnis entsprechend schonend in die Öffentlichkeit.

Alpha Go gewann im Mai 2017 gegen Superstar Ke. Das war für China in etwa so, als hätte in Deutschland eine Truppe von Robotern die Nationalmannschaft im Fußball geschlagen.

Ke Jie selbst zeigte sich tief beeindruckt von der Leistung des Rechners. „Die Menschheit hat Jahrtausende an den besten Go-Strategien gearbeitet“, sagte der geschlagene Champion. „Aber jetzt sieht es aus, als hätten wir völlig falsch gelegen.“ Kein Mensch habe auch nur angefangen, Go so tief zu verstehen wie das Programm.

Das soll sich in China ändern. Die Wirtschaftsmacht in Fernost hat auf eine radikale Förderung der KI-Forschung umgeschaltet, die durch die Ke-Jie-Affäre einen zusätzlichen Schub erhielt.

Nicht wenige sprechen vom detailliertesten staatlichen Wirtschaftsförderprogramm aller Zeiten. Chinas Staatsführung pumpt Milliarden in die Förderung von KI-Unternehmen und Wissenschaft. Bis 2030 will das Land Weltmarktführer werden auf dem Gebiet und bis dahin einen Eine-Billion-Dollar-Markt aufgebaut haben.

Einzelne Tech-Unternehmen erhalten staatliche Förderaufträge, sich zu KI-Technologieführern in bestimmten Industrien zu positionieren. Der Suchmaschinenkonzern Baidu etwa soll das Geschäft mit dem autonomen Fahren anführen, das Tech-Konglomerat Tencent jenes mit der Gesundheit. „Es handelt sich um den neuen Brennpunkt des internationalen Wettbewerbs und die strategische Technologie der Zukunft“, lautet eine der vielen öffentlichen Verlautbarungen dazu.

Noch liegt China in Vergleichsstudien hinter den USA, was die Anzahl an KI-Unternehmen angeht. Seit dem vergangenen Jahr steht das Land aber dicht dahinter auf dem zweiten Platz – deutlich vor Japan, Großbritannien und Deutschland. Die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur KI kommen bereits aus China.

Mit ihren KI-Anstrengungen will sich die aufstrebende Weltmacht nicht nur als Produktionsstandort für die nächste Generation Hightech positionieren. China will damit auch viel schneller als erwartet am globalen Rivalen USA vorbeiziehen. Denn wer KI beherrscht, sichert sich auch militärische und geostrategische Vorteile. Chinas erklärtes Ziel ist es, eine „technisch-wirtschaftliche Großmacht“ zu werden. 

China: Triumph der Maschine

KI ist in China deshalb Chefsache. Präsident Xi Jinping hat sie in einer Grundsatzrede zu den wichtigsten Pfeilern seiner Wirtschaftspolitik erklärt. „Es gilt, die tief greifende Integration von Internet, Big Data, künstlicher Intelligenz und der Realwirtschaft  zu fördern“, sagte er auf einer programmatischen Parteitagsrede im vergangenen Jahr. Fördermilliarden fließen nicht nur an Gründerinnen und Gründer. Provinzen und selbst benachbarte Stadtteile wetteifern um Subventionen, überbieten sich in der Ansiedlung von KI-Firmen. 

Die Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers spricht von einem „KI-Rüstungswettlauf“ zwischen China und den USA. Viel wichtiger als der Handelskrieg sei der laufende Krieg um „Forschung, Investitionen und fähige Köpfe“. 

Der chinesische Planungsapparat verfolgt dabei einen langfristigen Ansatz – und investiert kräftig vor allem in die Ausbildung. Künstliche Intelligenz ist landesweit zum Pflicht-Thema im Informatikunterricht auserkoren worden. Eine erste Einführung gibt es schon in der Unterstufe. Zunächst 40 ausgewählte Schulen bieten KI-Unterricht auch für die Oberstufe an – auf einem Niveau, das anderswo eher an der Uni zu erwarten ist. Das Bildungsministerium stellt seit April dafür ein eigenes Schulbuch zur Verfügung, berichtet die Zeitung „South China Morning Post“. Chinas Hochschulen wiederum bieten verstärkt Lehrveranstaltungen an und ermutigen ihre Studenten zu Ausgründungen eigener Firmen. 

Die Initiative knüpft an beachtliche Erfolge und  vorhandenes Wissen an. Allein im Pekinger Technik-Viertel Zhongguancun zählt die Pekinger Stadtverwaltung 400 KI-Firmen. Viele davon sind Ausgründungen der umliegenden Universitäten, die wiederum den Unternehmergeist nach Kräften fördern. So wie Horizon Robotics. Die Firma ist erst drei Jahre alt, gilt aber bereits als eine der aussichtsreichsten KI-Firmen der Welt. „Unsere Mission ist es, eine weltweit führende Plattform für Künstliche Intelligenz zu schaffen“, gibt Firmengründer Yu Kai die Richtung vor. 

Yu hat vor der Gründung das Institut für Neuronale Netze des IT-Konzerns Baidu geleitet, bevor er sich hier mit Gleichgesinnten selbständig gemacht hat. Die von Horizon entwickelten KI-Chips können in zahlreichen Branchen wie Automobilwirtschaft, Luftfahrt, Sicherheit, Robotik und Militär eingesetzt werden. Audi kooperiert bereits mit der Pekinger Firma, um seine Ambitionen vom selbst fahrenden Auto zu verwirklichen. 

Auch Chinas Onlineshopping-Gigant Alibaba treibt mit Verve die KI-Forschung voran. In teilnehmenden Offline-Geschäften identifizieren Kameras die Online-Kunden des Unternehmens per Gesichtserkennung und fügen die Artikel, die sie ansehen, in die Liste der für sie interessanten Produkte hinzu. Die Software berechnet zudem laufend Kaufempfehlungen – und zwar überraschend treffsicher auf den Geschmack der Kunden fokussiert. Sie sagt auch voraus, welche Ware wann besonders nachgefragt sein wird, und fordert Händler auf, rechtzeitig für Nachschub zu sorgen.

Für China einzigartig ist zudem, dass der Staat begonnen hat, KI zur Totalüberwachung der Bevölkerung einzusetzen. Das Social Credit System, eine Art übergreifendes Schufa-Programm für alle Chinesen, das ab 2020 landesweit gestartet werden soll, wäre ohne Fortschritte in der KI nicht möglich.

Inzwischen gibt es auch eine chinesische KI, die extrem gut Go spielen kann: Sie heißt „Golaxy“ und hat Ke Jie ebenfalls geschlagen. Über den Triumph der Maschine berichteten diesmal auch die Staatsmedien. Es war ja heimische Technologie, die gewann.

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