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Cyber Valley Die Zukunft spricht Schwäbisch

Körperscanner am MPIIS Quelle: MPI_IS / W.Scheible

Baden-Württemberg gilt als Autoland. Nun soll dort das deutsche Stanford entstehen – ein Zentrum für Topforscher und Gründer. Eine entscheidende Zutat fehlt aber noch.

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Katherine Kuchenbecker genügt ein Streichholz, um ihre Mission deutlich zu machen. Die Wissenschaftlerin zeigt dafür ein Video, das ein Kollege mit einer Probandin gedreht hat. Eine junge Frau greift darin mit der rechten Hand in eine Streichholzschachtel. Für das Experiment hat sie sich die Hand betäuben lassen. Die Frau schafft es nur mit großer Mühe, eines der Hölzchen zu ergreifen.

Als sie es schließlich am Zündstreifen hält, fällt es ihr durch die Finger und auf den Tisch. Kuchenbecker stoppt das Video, richtet sich auf. „So ist es auch bei den meisten Robotern. Sie verhalten sich tollpatschig, weil sie nicht fühlen können“, sagt sie. Mit solchen Versuchen will Kuchenbecker ergründen, was Menschen Robotern voraus haben – und wie die Maschinen diesen Vorsprung vielleicht bald einholen können.

Die Amerikanerin bringt Robotern den Tastsinn bei. Sie ist eine von fünf Direktoren am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme (MPIIS) in Stuttgart und Tübingen. Bald sollen drei weitere dazukommen. Das MPIIS expandiert derzeit kräftig, ein neues Zentrum der künstlichen Intelligenz (KI) entsteht gerade im Schwabenland – eines, das Deutschlands Zukunft im digitalisierten Industriezeitalter sichern soll.

Getauft haben es die Initiatoren um den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, auf den Namen Cyber Valley. Die Ambitionen könnten kaum größer sein: Mit seiner Hilfe soll „ein ähnlich fruchtbares Umfeld für erfolgreiche Unternehmensgründungen“ entstehen, „wie dies der Universität Stanford im Silicon Valley auf dem Gebiet der digitalen Technologie gelungen ist“, heißt das Motto des Gründers. Das Rezept dafür: Wissenschaft und Industrie sollen hier näher zusammenrücken.

Die schwergewichtigsten Unternehmen Deutschlands sind dem Ruf schon gefolgt. Sie heißen BMW, Daimler, Porsche oder Bosch. Eine Eintrittskarte ins Cyber Valley kostet mindestens 1,25 Millionen Euro. Dafür können die Konzerne gemeinsam mit den Experten von Max Planck forschen, Innovationen vorantreiben – und sich womöglich die vielversprechenden gleich einverleiben. Die Digitalisierung rüttelt an den angestammten Geschäftsmodellen, die die Region rund um die Automobilindustrie reich gemacht hat. Nur: Das Cyber Valley muss schnell wachsen, will es das Vorbild Stanford tatsächlich jemals erreichen.

Diese Jobs mischen Roboter auf
IndustrieSchon heute werden viele Arbeitsschritte von Maschinen übernommen - doch die vernetzte Produktion setzt auch in den Werkshallen eine weitere Automatisierungswelle in Gang. Das muss unterm Strich aber nicht zwangsläufig zu Jobverlusten führen, heißt es aus der Wirtschaft: Bereits Ende 2016 lag Deutschland bei der „Roboter-Dichte“ weltweit auf Platz drei hinter Südkorea und Japan - und trotzdem sei die Beschäftigung auf einem Rekordstand, erklärt der Maschinenbau-Verband VDMA. Auch der Präsident des Elektronik-Branchenverbandes ZVEI, Michael Ziesemer, sagt: „Es können auch mehr Jobs entstehen als wegfallen.“ Die Digitalisierung werde eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle und damit neue Stellen hervorbringen. „Wer kreativ ist, rangeht und sich Dinge überlegt, hat jede Menge Chancen.“ Quelle: dpa
Das vernetzte und automatisierte Fahren dürfte künftig viele Jobs überflüssig machen Quelle: dpa
BüroSchreibarbeiten, Auftragsabwicklung und Abrechnungen - Büro- und kaufmännische Fachkräfte erledigen nach Experteneinschätzungen Arbeiten, die heute schon zu einem hohen Grad automatisierbar sind. Dadurch könnten auch viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen: Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind in solchen Berufen tätig. Quelle: dpa
Der Handel wurde als eine der ersten Branchen von der Digitalisierung erfasst - entsprechend laufen im Online-Handel viele Prozesse automatisiert ab Quelle: dpa
Sie melken die Kühe, füttern, misten aus und helfen beim Ernten - Roboter haben längst auch auf den Bauernhöfen Einzug gehalten Quelle: dpa
Roboter in der Pflege - was in Japan bereits zum Alltag gehört, bereitet vielen Menschen in Deutschland noch eher Unbehagen Quelle: dpa
Auch im Haushalt tun Roboter schon ihren Dienst Quelle: dpa

Der Start ist gut gelungen. Bosch etwa investiert rund sieben Millionen Euro, damit soll hier an den ganz großen Themen wie Cybersicherheit für die vernetzen Fabriken und effizientere Fertigungsprozesse geforscht werden. Was das Cyber Valley aber so besonders macht: Es zieht selbst die großen Internetkonzerne aus Kalifornien wie Facebook an. Neulich hat sich Amazon der Bewegung angeschlossen.

Der Onlineversandhändler steuert 1,25 Millionen Euro für Forschungsgruppen bei und lobt dazu einen mit 420.000 Euro dotierten Forschungspreis aus. Außerdem baut Amazon auf dem Campus in Tübingen ein eigenes Forschungsteam auf. 100 Wissenschaftler will der Digitalkonzern binnen fünf Jahren in Tübingen einstellen. Schon erkennt Christoph Peylo, Leiter der KI-Entwicklung bei Bosch, Zeichen für die „Anziehungskraft des Cyber Valleys jenseits der Automobilindustrie“.

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