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Einzelhandel Amazons Wettbewerber schaffen die Kassierer längst ab

Mit der App vors Regal, mit den Chips in den Korb und ohne Schlangestehen an der Kasse wieder raus - so geht's bei Albert Heijn in den Niederlanden. Quelle: imago images

Amazon Go gilt mit seiner Technologie für Supermärkte ohne Kassierer als Bedrohung für den deutschen Handel. Doch andere Unternehmen in Europa und China sind da schon viel weiter.

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Wenn man Pech hat, dann stolpert man als Kunde in der neuen Hema-Filiale in Shanghai über einen der zahlreichen Mitarbeiter. Die wieseln durch die Gänge, kümmern sich aber nicht um Kunden. Sie haben eine graue Tüte in der Hand, scannen Produkte, sacken sie ein und hängen sie am Ende an den Haken eines Transportsystems unter der Decke. Das sind die Waren, die Kunden online bestellt haben und binnen 30 Minuten innerhalb eines Radius von drei Kilometern ausgeliefert werden können.

Der normale Kunde, der sich seinen Korb selbst schnappt und zwischen Regalen mit lebenden Langusten und Papayas schlendert, hat im besten Fall gar keinen Kontakt mit einem Mitarbeiter. Nicht beim Einpacken, nicht beim Suchen, nicht beim Kassieren. Alle Infos zu den Produkten erhält er über die Hema-App, auf Wunsch bis hin zu Erzeuger-Zertifikaten oder Datum der Anlieferung.

Damit geht es zur Kasse, an der es eines nicht gibt: Eine Schlange beim Kassierer. Der Kunde hat die Wahl: Bezahlen per App oder gar per Gesichtserkennung. Ein Mitarbeiter, der die Waren über einen Bandscanner schiebt, gibt es erst gar nicht, der Kunde erfasst alle Waren selbst. Damit er nicht weniger erfasst als er vorhat, mitzunehmen, überprüfen Kameras den Bezahlvorgang.

Willkommen im Supermarkt der Zukunft. Einen Supermarkt, den Amazon unter großer Aufmerksamkeit als Amazon Go im Dezember 2016 vorgestellt hat und Anfang des kommenden Jahres nun wirklich ans Laufen bringen will. Einen Supermarkt, den allerdings der chinesische Konzern Alibaba bereits knapp 70 Mal eröffnet hat und in den kommenden fünf Jahren noch 2000 weitere in Betrieb nehmen will. Alibabas Standbein im stationären Handel heißt Hema. Mit der niederländischen Handelskette teilt die aber lediglich den Namen.
Wer sich eine Vorstellung davon verschaffen will, was Amazon in Zukunft vorhaben könnte mit Amazon Go und den Filialen der im Juni 2017 übernommenen Kette Whole Foods, braucht nicht mehr orakeln - die internationalen Wettbewerber sind schon so weit.

Es beginnt bei kleinen Beispielen wie der niederländischen Gruppe Albert Heijn, die seit Dezember 2017 mit dem Programm "tap to go" das bargeldlose Bezahlen ohne Kassenprozess eingeführt hat. Der Kunde registriert sich für das Programm und braucht eine Kundenkarte im Scheckkartenformat. Diese hält er am Regal an das Preisschild des Produkts, das er kaufen möchte. Das Geld wird binnen zehn Minuten vom Konto abgebucht, ohne dass der Kunde beim Hinausgehen noch mal anhalten muss.

Und auch wenn Händler weltweit bange auf das Schauen, was Jeff Bezos' Unternehmen Amazon mit dem stationären Handel vorhat, kann es durchaus sein, dass es Start-ups sind, die das kassenfreie Kaufen viel schneller marktreif verbreiten. Das Unternehmen Zippin hat in San Francisco ein Geschäft eröffnet, das der Kunde so betritt wie ein Fluggast am Gate mobil eincheckt: Das Smartphone mit der App wird auf den Scanner gelegt, der Kunde betritt das Geschäft, räumt die benötigten Waren in seinen Korb und verlässt es wieder, ohne anstehen zu müssen. Kameras in der Decke und berührungsempfindliche Regale notieren im Hintergrund, was eingekauft wurde. So kann schon im Geschäft die Ware gleich in die eigene Tüte verfrachtet werden, ohne dass es wirkt, als sei man ein Ladendieb.

Die sind eine der größten Sorgen der Händler, sollten die Kunden an keinem Mitarbeiter mehr vorbei müssen. Der deutsche Konzern Würth experimentiert zusammen mit dem Ausrüster für den Handel, Wanzl, an einem Konzept für B2B-Shops. Nach Eintritt via Zugangscode in der App und einem weiteren QR-Code kann der Kunde auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten Schrauben und Muttern holen – ganz allein. Dass sich keine zweite Person unberechtigt im Laden aufhält, kontrolliert eine Kamera.

Das Start-up Aifi aus Santa Clara will von der kleinsten Bodega bis zum großen Supermarkt Händler mit der nötigen Technik ausstatten, die es ihm erlaubt, die Bewegungsmuster der Kunden zu analysieren, ihre Treue zur Marke durch eine App zu stärken und ihnen die Warteschlange zu ersparen. Mit seiner Software ist es dem Unternehmen AiFi gelungen, den Förder-Preis "Everywhere Initiative" zu gewinnen, ausgelobt von einem Unternehmen, das vielleicht noch ein größeres Interesse daran hat, dass Kunden künftig nur aus dem Markt rausgehen und bargeldfrei bezahlen: Das Kreditkartenunternehmen Visa.

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