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„Für eine harmonische Entwicklung“ Wie China seine Bürger trackt – und Unternehmen davon profitieren

Wie China seine Bürger trackt – und Unternehmen davon profitieren

China will ein „Social Credit System“ aufbauen, mit dem jeder Bürger digital überwacht wird. Die Pläne lösen bei vielen Albträume aus – und schaffen zugleich Champions der aufblühenden KI-Industrie.

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Das chinesische Startup Sensetime führt Besuchern gerne mit einem kleinen Spaß vor Augen, wie präzise die Gesichtserkennung des jungen Unternehmens arbeitet. Wer die Firmenräume im Nordwesten Pekings, dem Technologie-Viertel der Stadt, betritt, wird sofort von einer Kamera erfasst. Im gleichen Moment erscheint das eigene Gesicht auf dem Display darunter und dazu eine ganze Reihe von Daten: Mann, 33 Jahre, gut gelaunt, hat der Computer aus den Gesichtszügen errechnet.

Stimmt alles.

Dann teilt das System noch mit, dass man der bislang attraktivste Besucher des Tages sei. „Du bist auch der erste Besucher heute“, holt der Mitarbeiter am Empfang den Gast schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.

Die intelligente Bilderkennungs- und Analysesoftware von Sensetime setzt Maßstäbe. Das finden auch Investoren, die Schlange stehen und die Firma bis dato auf eine Bewertung von mehr als 4,5 Milliarden US-Dollar taxiert haben. Sensetime ist damit nach eigenen Angaben das weltweit wertvollste Start-up für künstliche Intelligenz.

Gleich nebenan gibt es mit Megvii einen anderen Anbieter, der mit ähnlicher Technik eine Milliardenbewertung erreicht hat. Das Geschäft mit der Gesichtserkennung dank KI-Technologiesprüngen boomt wie kaum ein anderes in China.

Dass die KI-Start-ups sich vor Geldgebern kaum retten können, haben sie vor allem ihrem wichtigsten Kunden zu verdanken: Dem chinesischen Staat, der den Firmen mit seinen Aufträgen traumhafte Wachstumsaussichten verschafft. Schon heute wachen Tausende intelligente Kameras über Kreuzungen und in U-Bahnstationen der chinesischen Hauptstadt und erfassen alles, was an ihnen vorbeiläuft oder -fährt. Im ganzen Land hängen derzeit um die 180 Millionen Überwachungskameras. 2020 sollen es nach einigen Schätzungen mehr als 600 Millionen sein.

Was technisch möglich ist, zeigt Sensetime in seinen Vorführräumen. Von dort ist eine ballförmige weiße Kamera auf eine hundert Meter entfernte Kreuzung unter dem Firmensitz gerichtet. Trotz der Entfernung hat das System keine Probleme, Autos, Passanten und Rollerfahrer mit digitalen Vierecken zu umfassen und daneben Informationen wie Geschlecht oder Fahrzeugtyp anzuzeigen. Hat das System einen Fußgänger einmal markiert, kann er theoretisch durch die ganze Stadt verfolgt werden.

Kameras, die von der chinesischen Polizei eingesetzt werden, sehen nicht nur alles, sondern werden dank Firmen wie Sensetime oder Megvii auch immer schlauer.

Unter dem Projektnamen „Viper“ arbeitet Sensetime an einem Supercomputer, der Bilder von Zehntausenden Überwachungskameras gleichzeitig auswerten soll. Das Unternehmen hat ohnehin weltweit eine der fortschrittlichsten KI-Technologien entwickelt. Seine Deep Learning Plattform „Parrots“ verfügt über 1200 verschiedene Netzwerk-Schichten. Je mehr dieser Layer vorhanden sind, desto komplexer und genauer funktionieren solche KI-Systeme. Die meisten Konkurrenten weltweit kommen hier lediglich auf Hunderte Schichten. Das gilt auch für die Konkurrenz in den USA. Sensetime ist seit Februar dieses Jahres etwa Partner des MIT bei einem groß angelegten KI-Forschungsvorhaben. Der Sensetime-Gründer Xiao’ou Tang hat dort einst seinen Doktor gemacht.

Besonders deutlich wird der technologische Vorsprung bisher aber vor allem im Geschäft mit der Überwachung: Die Software kombiniert blitzschnell. Und wer von ihr erwischt wird, kann nicht mehr entkommen.

Wer als Fußgänger eine rote Ampel missachtet, auf die Straße spuckt, als Autofahrer drängelt oder zu schnell fährt, könnte in Sekundenschnelle ein Bußgeld erhalten. An großen Kreuzungen in Städten wie Peking hängen bereits „digitale Pranger“. Wer dabei gefilmt wird, wie er oder sie bei Rot über die Ampel geht, wird identifiziert und immer wieder als mahnendes Beispiel auf die Leinwand gebeamt.

Was die chinesische Führung derzeit vorhat, und in einigen Städten auch schon getestet wird, droht zum größten Überwachungsprogramm zu werden, das die Menschheit je erlebt hat.

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