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Internationaler Handel Warum Putin den Schulterschluss mit China sucht

Die russische Flagge weht vor der Großen Halle des Volkes in China. Quelle: imago images

Lange Zeit sah Russland Chinas Seidenstraßenpläne als Bedrohung. Nun forciert Putin das Projekt nach Kräften. Davon könnten auch deutsche Konzerne profitieren.

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Der unfertige Brückenbau war über Jahre ein steingewordenes Armutszeugnis: Während Russland und China auf höchster Ebene ihre Freundschaft priesen, endete die Brücke über den Grenzfluss Amur zwischen beiden Ländern von chinesischer Seite kommend im Nirgendwo. Das Problem: Russland hatte über Jahre den Bau seines Teils der einzigen Eisenbahnbrücke in diesem über 4000 Kilometer langem Grenzabschnitt im Örtchen Nischneleninsk im Osten des Landes verschleppt.

China dagegen hatte seine Bauarbeiten bereits vor Jahren pflichtgemäß abgeschlossen. Von bürokratischem Chaos war die Rede, von mangelnder Finanzierung oder gar der Angst der Sicherheitsorgane, eine Brücke nach China würde Russlands militärische Sicherheit bedrohen. Damit ist jetzt bald Schluss, denn vor wenigen Tagen haben Bauarbeiter die klaffende Lücke geschlossen. „Ein historischer Moment“, heißt es aus dem russischen Transportministerium. Die Bauarbeiten liefen zuletzt rund um die Uhr.

Schon im kommenden Jahr werden nach fast sechs Jahren Bauzeit die erste Güterzüge den Amur-Fluss zwischen Russland und China queren und Nordchina an das russische Eisenbahn-Netz anschließen. Dass es nun am Ende doch noch geklappt hat, ist auch ein Zeichen dafür, dass Wladimir Putin sein Reich im Eiltempo als Landverbindung für den Handel zwischen Asien und Europa in Stellung bringen will.

Züge, die von Chinas Industriezentren nach Wien, Duisburg oder Paris rollen, sollen dies möglichst nicht an russischem Territorium vorbei tun. Erst kürzlich hatte Putin ein neues Infrastrukturprogramm unterzeichnet, das unter anderem auch den Ausbau der transsibirischen Eisenbahn und der Containerterminals an den Grenzen zu China vorsieht. In sechs Jahren, so der Wunsch der Kremlherren, soll der Containertransit über russisches Territorium um das Vierfache steigen.

Allein für den dafür nötigen Ausbau der Infrastruktur hat die russische Staatsbahn Kosten in Höhe von fast drei Milliarden Euro veranschlagt. „Sieben Tage“, so Putins Versprechen, werde ein Containerzug dann von Wladiwostok bis zu Russlands Westgrenze brauchen. Und Schnelligkeit ist Trumpf in diesem Geschäft. Während ein Container auf dem deutlich günstigeren Seeweg über einen Monat von China bis nach Deutschland braucht, schafft es der teurere Zug in weniger als zwei Wochen.

Dass die Eisenbahninfrastruktur derzeit wieder auf der Prioritätenliste Moskaus hochgerückt ist, dürfte auch westliche Konzerne freuen, die an den beiden wichtigsten Lokomotivenherstellern des Landes beteiligt sind. Denn die geplanten Investitionen werden längst nicht nur dem Streckennetz zugutekommen, sondern den ohnehin schon großen Erneuerungsbedarf bei der Technik weiter anheizen. Immerhin beträgt das Durchschnittsalter der Triebwagen im russischen Güterverkehr satte 27 Jahre. So hat das Moskauer Institut für Probleme der Natürlichen Monopole errechnet, dass die Eisenbahn in den kommenden zehn Jahren etwa 4000 neue Loks benötigt, um die Zielvorgaben der Regierung in Sachen Schnelligkeit und Gütervolumen zu erfüllen. Kostenpunkt: umgerechnet etwa acht Milliarden Euro. Den russischen Markt teilen sich die Transmash Holding, an der der französische Konzern Alstom beteiligt ist, und Uralloko, ein Joint Venture von Siemens und der russischen Sinara Group. Transmash hatte bereits im Frühjahr einen Auftrag für 300 Loks im Wert von 1,7 Milliarden Euro an Land gezogen. Beide Unternehmen wollen zudem ihre Eisenbahnsparte demnächst fusionieren.

Die Pläne der russischen Regierung klingen auf den ersten Blick gelinde gesagt ambitioniert. Noch bleibt unklar, wie viel Geld die russische Eisenbahn mit staatlicher Unterstützung aufbringen kann. Zumal transkontinentale Containerlieferungen per Bahn heute noch eher ein Nischendasein fristen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger machten sie im Handel zwischen Asien und Europa lediglich ein Prozent aus. Dennoch ist das Wachstum schon jetzt beachtlich. Allein im vergangenen Jahr wuchs der Transit zwischen China und Europa über russisches Territorium um 80 Prozent auf insgesamt 262 Tausend Standardcontainer (TEU), hatten die Experten der Eurasischen Entwicklungsbank EABR berechnet.

Auch im laufenden Jahr dürfte das Wachstum weitergehen. So meldete das Logistik-Unternehmen OTLK, das jeweils zu einem Drittel den Eisenbahngesellschaften Russlands, Weißrusslands und Kasachstans gehört, einen Anstieg des Containertransits Richtung Westen von weiteren 80 Prozent für die ersten acht Monate des laufenden Jahres. Ein lohnendes Geschäft, bei dem die Zugunternehmen etwa 4000 Euro pro Container berechnen, zumal China die Lieferungen nach Europa mit etwa ein Tausend Euro pro TEU-Container bezuschusst, schätzen EABR-Experten.
Doch dabei geht es Moskau längst nicht nur um gute Geschäfte für seine staatliche Eisenbahngesellschaft. Als China 2013 seine Seidenstraßen-Initiative ausgerechnet in der kasachischen Hauptstadt Astana vorstellte, sei der Kreml hellhörig geworden, meint etwa Artjom Lukin, Professor für internationale Politik an der Universität von Wladiwostok. Kasachstan, Mitglied der von Moskau vorangetriebenen Eurasischen Wirtschaftsunion, wird von Moskau als enger Verbündeter betrachtet, der möglichst nicht zu gut mit anderen Mächten ins Gespräch und schon gar nicht ins Geschäft kommen sollte.

Zumal seit Beginn des Projekts auch eine Route vorbei an Russland von China aus über Zentralasien, den Südkaukasus und die Türkei nach Europa im Raum stand. Nicht wenige kremlnahe Experten sahen dadurch den russischen Einfluss in der Region schwinden. Am Ende entschied sich Putin, die Flucht nach vorne zu ergreifen und sich selbst als wichtigsten Partner für Chinas Vorhaben ins Spiel zu bringen.

Zumindest erste Erfolge, kann der Kreml vorweisen. Vor wenigen Wochen hatte das Staatsfernsehen stolz verkündet, Putin werde im kommenden Jahr zum „Ein-Gürtel-eine-Straße“-Forum nach China reisen, wohin ihn der chinesische KP-Chef Xi persönlich eingeladen habe. Dort wird sich der Kremlherr wieder als Mann präsentieren, ohne den nichts geht, schon gar keine kontinentalen Großprojekte. Zumindest für die nun fast fertige Brücke wird er sich dann wohl nicht mehr schämen müssen.

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