J.P. Morgan-Experte "Blockchain ist die technologische Zukunft der Banken"

Server- statt Bankentürme Quelle: Getty Images, Imago

Wie sieht der digitale Wandel im Bankensektor aus? Viele Experten sehen in der Blockchain das größte Disruptionspotential für die Branche. Dan Zinkin von J.P. Morgan erklärt, wo die Chancen liegen.

WirtschaftsWoche: Die Digitalisierung ist eine der großen Herausforderungen für Banken in der Zukunft, doch viele Menschen haben keine genaue Vorstellung, wie sich das auf die Banken auswirken wird – können Sie das erklären?
Dan Zinkin: Viele verwechseln Digitalisierung mit elektronisch. Nur weil ich beispielsweise Verträge als PDF online an einen Kunden sende, statt per Brief, ist das keine Digitalisierung. Das ist derselbe Prozess wie vorher, eben nur elektronisch. Die wesentliche Neuerung der Digitalisierung ist, dass Abläufe durch Automatisierung deutlich beschleunigt werden. Um beim Beispiel Vertrag zu bleiben: In einer digitalen Welt gebe ich meine Daten online in ein Formular ein, und ein Algorithmus kontrolliert sie in Echtzeit. In dem Moment, in dem ich sie abschicke, ist der Vertrag bereits geprüft und wird abgeschlossen.

In dem Zusammenhang fällt auch immer wieder das Stichwort Blockchain. Wie kann die Blockchain bei einem solchen Prozess helfen?
Mit der Blockchain können künftig Verträge zügig abgeschlossen werden, ohne dass es einen Menschen bräuchte, der den Vorgang überprüft. Die Blockchain ist eine dezentrale Datenbank. Die Datensätze sind auf allen Rechnern, die an der Transaktion beteiligt sind, hinterlegt, und werden ständig aktualisiert. Eine Blockchain kann nicht verändert werden. Sogenannte „Smart Contracts“ beispielsweise basieren auf der Technologie. Wenn Sie, sagen wir, ein Haus kaufen, kann ein Smart Contract sicherstellen, dass Geld und Eigentümerurkunde automatisch am vereinbarten Datum den Besitzer wechseln und der Grundbucheintrag geändert wird; vorausgesetzt, der Verkäufer ist tatsächlich Eigentümer des Hauses und das Geld ist verfügbar. Das wird automatisch überprüft.

Wozu braucht es dann in Zukunft überhaupt noch Banken, wenn die Blockchain automatisch Zahlungen abwickeln und überprüfen kann?
Banken werden auch in Zukunft wichtige Aufgaben erfüllen;  sie können aber einige der heutigen Prozesse automatisieren. Den digitalen Wandel zu ignorieren wäre eine sehr riskante Strategie. Die großen Digitalunternehmen und Fintechs stoßen immer weiter in Geschäftsbereiche wie beispielsweise den Peer-to-Peer-Zahlungsverkehr vor. JPMorganChase investiert jedes Jahr fast zehn Milliarden US-Dollar in Technologie – davon auch große Summen in neue Digitalprojekte, um eigene Lösungen anbieten zu können. Das ist keine Wahl, das ist ein Muss.

Zur Person

Entwickeln Sie die Konzepte selber, oder brauchen Sie dafür das Knowhow von Start-up-Unternehmen?
Sowohl als auch. Wir arbeiten mit diversen Fintechs zusammen. Wir können von ihrer technologischen Innovationskraft, Geschwindigkeit und ihren Fähigkeiten profitieren und lernen und sie von unserer Kundenerfahrung, unserem Kapital und unseren Möglichkeiten, technologische Neuerungen einem großen Rahmen umzusetzen. Das ist keine Einbahnstraße. Gleichzeitig entwickeln wir auch unsere internen Kapazitäten, beispielsweise mit unserem Blockchain Center of Excellence. Und wir investieren in die Weiterentwicklung unserer Mitarbeiter. Auf einem Hackerthon in diesem Jahr haben mehr als fünftausend unserer Mitarbeiter einen Tag lang digitale Projekte entwickelt, statt ihrer normalen Arbeit nachzugehen.

Dann helfen ihre Mitarbeiter also dabei, ihren eigenen Job abzubauen. Durch die Automatisierung werden in Zukunft doch tausende Stellen bei ihnen überflüssig.
Unternehmen streben schon immer danach, Prozesse zu automatisieren und Ineffizienzen abzubauen. Die neuen Technologien bieten dazu viele Möglichkeiten. Gleichzeitig haben wir die Gelegenheit, neue Stellen in anderen Bereichen zu schaffen. Die Zahl der Entwickler in unserem Haus wird in Zukunft sicher steigen.

Wir reden also von einer Verschiebung von Arbeit, die effizienter von einem Computer erledigt werden kann, hin zu Aufgaben, in denen menschliche Eigenschaften zum Tragen kommen, wo also beispielsweise Innovationsgeist oder Beziehungen im Fokus stehen.

Welche Angebote die auf Blockchain basieren, werden Sie denn in Zukunft anbieten?
Wir arbeiten an vielen Projekten, an manchen in Partnerschaften mit anderen Banken, an anderen mit FinTechs und an wieder anderen allein. Wir haben Quorum entwickelt, ein auf Ethereum basierendes Protokoll, und arbeiten an eigenen Anwendungsfeldern dafür. Es gibt aber einen großen Hype in der Technikszene, und wir sind noch relativ am Anfang. Es gibt noch keine Standards, sondern viele Blockchain-Varianten, die verwendet werden, und auch bei der Regulatorik gibt es noch offene Fragen. Wir experimentieren auf vielen Feldern, und schauen, was sich in Zukunft  durchsetzen wird. Von jedem Versuch können wir etwas lernen. Ich kann nicht genau sagen, wie die Lage in zehn Jahren sein wird, doch ich bin mir zu 100 Prozent sicher: Blockchain ist die technologische Zukunft der Banken.

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