WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Spendenwirtschaft Wie digitale Anbieter Wohltäter locken

Spenden in der Weihnachtszeit Quelle: dpa Picture-Alliance

Smartphone statt Überweisung? Gemeinnützige Organisationen sammeln ihr Geld noch weitgehend analog ein. Unternehmen wie GoFundMe wollen das ändern.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Da sitzt er nun an einem Konferenztisch in Düsseldorf und fläzt sich auf seinem Stuhl. Rob Solomon gibt den typischen Unternehmer aus dem Silicon Valley: „Mit uns beginnt die digitale Transformation in der Spendenwirtschaft“, sagt der Vorstandschef von GoFundMe. „Die arbeitet bisher noch sehr traditionell“, fügt er hinzu. Sein Unternehmen werde diese Verwandlung nun auch in Deutschland zügig anführen.

Seit Anfang Dezember ist das Portal mit eigenem Büro in Berlin und deutschsprachiger Webseite hierzulande aktiv: Vor Weihnachten beginnt die Zeit, in der auch die Deutschen Gutes für andere tun wollen. Gegründet wurde GoFundMe schon 2010 im kalifornischen San Diego. Mehr als fünf Milliarden Dollar an Spenden sammelte es bisher ein und ist damit die größte Onlinespendenplattform der Welt. Wichtiger Unterschied zu hiesigen Organisationen: 90 Prozent aller Kampagnen des US-Unternehmens stammen von Einzelpersonen, die andere Menschen unterstützen; zudem ist GoFundMe ein gewinnorientiertes Unternehmen – für das Deutschland attraktiv ist: 5,3 Milliarden Euro spendeten Privatpersonen hier im vergangenen Jahr. Aber es ist auch ein besonders schwieriger Markt.

Sanitäter auf dem Weihnachtsmarkt

Die ohnehin im Digitalen eher zögerlichen Deutschen tun sich mit dem Geldspenden per Smartphone-Wisch schwer. Das liegt auch an der Altersstruktur. Mit einem Anteil von 40 Prozent am gesamten Spendenaufkommen sind die über 70-Jährigen die mit Abstand spendenfreudigste Gruppe. Ob der Sanitäter auf dem Weihnachtsmarkt, der Spenden für das Rote Kreuz sammelt, oder die Naturschützer von Greenpeace, die in der Fußgängerzone Passanten ein Überweisungsformular unter die Nase halten – der Großteil der Spenden wird bis heute analog eingetrieben.

Diese Milliardäre spenden ihr Vermögen
Der US-Milliardär George Soros Quelle: dpa
Warren Buffet Quelle: dpa
Michael Otto Quelle: dpa
Apple-Chef Tim Cook Quelle: AP
Bill und Melinda Gates Quelle: AP
Philip Knight Quelle: REUTERS
Michael Bloomberg Quelle: REUTERS

Das stellt Organisationen wie Unicef, Ärzte ohne Grenzen oder die Welthungerhilfe vor Herausforderungen: Verstirbt die Stammklientel, kommt irgendwann vielleicht kein Geld mehr zusammen. Kann ausgerechnet ein auf Profit getrimmtes Unternehmen aus Kalifornien den Markt aufmischen? Fünf Prozent Provision streicht GoFundMe für jede Kampagne ein, Investoren sind Wagnisgeldgeber aus dem Silicon Valley.

Erste Schritte, die jüngeren Zielgruppen möglichst digital anzusprechen, haben auch die großen Hilfsorganisationen eingeleitet. Die Aktion Deutschland Hilft etwa hat Mitte dieses Jahres den bekannten YouTuber Gronkh als ersten Digitalbotschafter gewonnen. Über seine Webvideos sammelt er nun Spenden bei seinen meist jugendlichen Fans ein. World Vision Deutschland hat vor gut zwei Jahren begonnen, die Kinderpatenschaften, die die Organisation vermittelt, zu digitalisieren: So können Paten etwa Bilder und Videos vom eigenen Patenkind in einem Onlinepatenportal abrufen. Doch solche Ansätze sind rar: „Der wichtigste Weg, Spender anzusprechen, ist nach wie vor der Versand von Werbebriefen“, sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) in Berlin. Und das ist teuer. Die Organisationen geben für jeden gespendeten Euro geschätzt 30 Cent für Marketing aus.

Spendenverhalten in Deutschland von 2005 bis 2016

Rob Solomon verspricht mit GoFundMe Abhilfe, auch weil die Plattform soziale Netzwerke für ihre Zwecke einzusetzen weiß. Spendenaufrufe auf GoFundMe gingen leicht auf Facebook oder Twitter viral – und würden viel mehr Geldgeber anziehen: „Im alten Paradigma galt die Regel: eine Spende nach der anderen. Auf GoFundMe können es aber auch mal 10.000 Spenden auf einmal sein.“

Über das Start-up haben mehr als 50 Millionen Menschen gespendet; die durchschnittliche Geldmenge je Transaktion beträgt 50 Dollar. Hierzulande beträgt die Durchschnittsspende laut Spendenrat 35 Euro. Es sei also Luft nach oben, sagt Solomon. Seine Plattform sei auch für Menschen attraktiv, die wenig Geld haben, aber dennoch helfen wollen, „etwa Handwerker, die Arbeitskraft spenden“. GoFundMe und Konkurrenten wie Betterplace.org haben also eher den Charakter von Crowdfunding-Anbietern. Gerade darin sehen Vertreter des deutschen Spendenwesens das Hauptproblem: „Diese vermitteln den Eindruck, sie würden für die Kampagnen die Verantwortung übernehmen“, sagt Daniela Geue, Geschäftsführerin des Deutschen Spendenrats. Eine gründliche Prüfung „findet jedoch nicht statt“, so Geue weiter. Rob Solomon beteuert, die Kampagnen nach Hassaufrufen oder Gesetzesverstößen zu durchforsten. Und gibt wieder den Angreifer: Mehr Kampagnen, mehr Optionen – und Unicef und Co. wolle man keine Konkurrenz machen, vielmehr die eigene Plattform zur Verfügung stellen, und überhaupt: „Wer disruptiv einen Markt ändern will, muss ein gewinnorientiertes Unternehmen sein.“

Was Sie beim Spenden beachten sollten

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%