Start-ups Warum Gründer immer groß denken sollten

Wer in Deutschland ein Start-up gründen will, der sollte sich zunächst mal eine Weile im Silicon Valley umsehen – und vor allem etwas von der dortigen Energie mitnehmen.

Jenny von Podewils, Gründerin des Start-ups Leapsome, war Fellow der Singularity University im Silicon Valley. Quelle: Presse

Unsere Aufgabe war nicht weniger als die Rettung der Menschheit. Knapp fünf Monate habe ich mich ihr gewidmet, von Juni bis November vergangenen Jahres im Silicon Valley. Gemeinsam mit Stanford-Professoren, erfahrenen Gründern und Investoren aus Südamerika, einem Animationskünstler aus Kenia und einem promovierten Experten zur künstlichen Intelligenz.

Ich habe damals an der Singularity University an einem Programm für Unternehmensgründer teilgenommen. Ich lernte, diskutierte und wohnte zusammen mit knapp 80 Menschen aus der ganzen Welt. Es war ein großer „Melting Pot“ der unterschiedlichsten Ideen, Ansichten und Erfahrungen.

Gemeinsam überlegten wir, wie wir künstliche Intelligenz (KI), Robotik, Nanotechnologie, Blockchain oder digitale Biologie nutzen können, um große globale Herausforderungen zu meistern. Die Singularity University legt die Latte hoch und stellt jedem die Frage: Wie verbesserst DU das Leben für eine Milliarde Menschen?

Impressionen der FutureBoard-Reise: USA
Auftakt der FutureBoard-Reise in den USA: Jan Geldmacher, Manager beim amerikanischen Telekommunikationskonzern Sprint, und Roni Bahar, Entwicklungschef des Bürovermittlers WeWork, im Gespräch mit Teilnehmer Wolfgang Bauer, IVG Immobilien AG. Quelle: Viviana Peretti
"Machines talk, we listen": Gründer Saar Yoskovitz erklärt die Idee hinter Augury und… Quelle: Viviana Peretti
… Miriam Meckel, Herausgeberin der WirtschaftsWoche, inspiziert die mitdenkenden Messgeräte von Augury. Quelle: Viviana Peretti
Unterwegs zur nächsten Station: Achim Leder hat das Start-up Jetline gegründet, das den Jetlag bei Flügen senkt. Die nächsten Tage verbringt er im Reisebus. Quelle: Viviana Peretti
Sabine Hansen von der Unternehmensberatung Kienbaum macht sich mit der Tagesroute vertraut und wieder… Quelle: Viviana Peretti
…andere aus der Reisegruppe nutzen die Busfahrten zwischen den FutureBoard-Stationen für eine Sightseeingtour – so wie Lea Treese von der Unternehmensberatung Accenture. Quelle: Viviana Peretti
FutureBoard, 3. Tag: Ankunft in New Haven und zu Gast bei der Yale University. Quelle: Viviana Peretti
Das Social Robotic Lab der Yale University macht seinem Namen alle Ehre. Quelle: Viviana Peretti
Das "StreamTeam" mit Miriam Meckel und Léa Steinacker, WiWos Frau für Innovation, sendet live aus der Yale University - zu Gast diesmal: Astrid Maier, Ressortleiterin für Unternehmen sowie Innovation & Digitales bei der WiWo. Quelle: Viviana Peretti
Aha-Erlebnis unter den Mitreisenden – hier bei Arnab Chakraborty von Accenture. Quelle: Viviana Peretti
Auf dem Weg nach Harvard nutzt die Gruppe die Gelegenheit fürs Erinnerungsfoto. Quelle: Viviana Peretti
Norbert Basler, Aufsichtsratsvorsitzender des Technologieunternehmens Basler, macht gleich selbst noch ein paar Schnappschüsse. Quelle: Viviana Peretti
Heike Hanagarth, Aufsichtsrätin beim Chemiekonzern Lanxess, ist beeindruckt von den 3D-Drucken von Formlabs – ebenso wie… Quelle: Viviana Peretti
…Constantin von Rundstedt, von Rundstedt Executive Search. Quelle: Viviana Peretti
Bei dem Unternehmen wird viel ausprobiert: Jeder Mitarbeiter findet hier einen Platz für sein Lieblings-3D-Objekt. Quelle: Viviana Peretti

Zurückgekommen bin ich mit zwei Erkenntnissen. Erstens: einem Verständnis, wie schnell und grundlegend der technologische Wandel in den nächsten Jahren unsere Arbeitswelt verändern wird. Zweitens mit der Überzeugung, dass ich dazu meinen Teil beitragen will – und dass es sich dabei lohnt, eine Nummer größer und vielleicht ein wenig amerikanischer zu denken.

Wie stark künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt bereits in fünf bis zehn Jahren verändert haben wird, unterschätzen die Deutschen noch massiv. Ein Großteil der Tätigkeiten, bei denen es nur um das immer gleiche Abarbeiten vorgegebener Aufgaben geht, werden dann bereits Maschinen erledigen. Der Mensch wird sich stärker auf Tätigkeiten spezialisieren, bei denen Kreativität, Intuition oder Fingerspitzengefühl gefragt sind. Ich befasse mich seit einiger Zeit mit diesen Themen, aber erst im Silicon Valley habe ich wirklich verstanden, wie weitreichend dieser Wandel sein wird.

Start-up-Ökosystem 2017: So sieht der Markt in Deutschland aus Sicht von Start-ups, Gründern und Investoren aus

Die zentrale Frage ist nicht: Welche Jobs fallen weg? Sondern: Wie schaffen wir es, Menschen kontinuierlich weiterzubilden und auf neue Anforderungen der Arbeitswelt vorzubereiten? Mein Aufenthalt an der Singularity University hat mich darin bestätigt, dass ich mich mindestens die kommenden zehn Jahre der Suche nach Antworten auf diese drängende Frage widmen möchte. Stetes Lernen wird für alle Menschen und auch für Firmen extrem wichtig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.

Aus dem Silicon Valley habe ich eine besondere Energie mitgenommen. Ich habe dort gelernt, ja, fast schon gespürt, welch eine enorme Kraft es einem verleiht, eine Vision zu haben – und daran zu arbeiten, diese Schritt für Schritt in die Wirklichkeit umzusetzen. Gemeinsam mit Kajetan von Armansperg habe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland das Start-up Leapsome gegründet. Wir bieten Unternehmen eine Plattform, über die sich Mitarbeiter kontinuierlich Feedback geben können – und so jeder die Fähigkeiten weiterentwickeln kann, auf die es ankommt. Wir arbeiten in engem Austausch mit unseren Kunden daran, dass jeder Mitarbeiter Verantwortung für seine eigene Entwicklung übernimmt, dass Führungskräfte ihre Mitarbeiter wirklich coachen, dass Unternehmen zu Orten des kontinuierlichen Lernens werden.

Dass wir Leapsome dann doch in Deutschland gegründet haben, liegt nicht nur daran, dass die Kosten für solch ein Vorhaben hier deutlich niedriger sind als im Valley. Deutschland ist unsere Heimat. Das Land, in dem der größte Teil unserer Familien und unserer Freunde lebt. Das Land, dem wir den größten Teil unserer Ausbildung verdanken.

"Wenn man alles gut macht, kommt die Kohle von allein"
Zwölf deutsche Gründer erzählen in "Lionhearted" von ihrem Weg in die Selbstständigkeit Quelle: Pressebild, Montage
Anna Alex, Outfittery: "Wir haben nicht angefangen zu überlegen, was alles schiefgehen könnte. Wir haben eher überlegt, was alles gut gehen könnte." Quelle: Bastien Carrillo
Albrecht Krockow, Post Collective Quelle: Bastien Carrillo
Detlef Isermann, P&M Cosmetics: "Man kann kein Unternehmen gründen oder führen, wenn man nicht lernbereit ist und konstant daran arbeitet." Quelle: Bastien Carrillo
Fridtjof Detzner, Jimdo: "Wenn mehr Leute das tun, was sie lieben, macht es die Welt ein bisschen besser." Quelle: Bastien Carrillo
Kai Böringschulte, Compeon: "Wenn ich es jetzt nicht tue und in ein paar Jahren lese, jemand anderes hat es getan, dann würde ich es bereuen." Quelle: Bastien Carrillo
Franziska von Hardenberg, Bloomy Days: "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass noch niemand diese Idee hatte." Quelle: Bastien Carrillo
Maurice Schadowske, Paulibird: "Man darf es nicht machen, nur weil man selbständig sein möchte. Man muss wirklich viel Spaß daran haben." Quelle: Florian Greschkowiak
Mirco Wiegert: "Man kann nur große Ziele erreichen, wenn man große Ziele hat." Quelle: Bastien Carrillo
Titus Dittmann, Titus: "Man muss sich inhaltliche Ziele setzen. Und wenn man das alles gut macht, kommt die Kohle von alleine hinterher." Quelle: Rieke Penninger
Wolfgang Hölker, Die Spiegelburg: "Du musst aufzeigen, wenn es den Kuchen zu verteilen gibt." Quelle: Hermann Willers
Lea-Sophie Cramer, Amorelie: "Es heißt nicht, nur weil Rocket alles anders macht, dass es auch der beste Weg für deine Company sein muss." Quelle: Bastien Carrillo
Bruno Lammers, Saertex Quelle: Rasmus Schübel

Wir wollen etwas zurückgeben: Den hiesigen Firmen etwas an die Hand geben, um die enormen Herausforderungen der Arbeitswelt von morgen zu meistern. So wollen wir unseren Teil dazu beitragen, dass Deutschland auch für unsere Kinder und deren Kinder ein lebenswertes Land sein wird.

Allem Genörgel zum Trotz, sind die Bedingungen für Gründer in Deutschland gut: Es gibt hier echte Talente und die Europäische Union ermöglicht zudem, ohne große Hürden und Kosten auch den gesamten europäischen Talentpool anzuzapfen. Zwar gibt es hier nicht so viele Start-ups wie in San Francisco oder in Boston an einem Fleck. Aber immer noch genug, um sich auszutauschen und Rat zu suchen. Der Konkurrenzkampf unter den Gründern ist in Berlin noch nicht so heftig wie im Valley. Und es gibt auch hier mehr und mehr Risikokapital.

Dennoch: Um eine der führenden oder besser noch die führende Plattform für kontinuierliches Feedback und personalisiertes Lernen aufzubauen, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft auch den amerikanischen Markt in Angriff nehmen. Er ist größer. Und die dortigen Unternehmen sind offener, auf Dienste wie unsere zu setzen. Deutschland aber wird immer unsere Heimat bleiben. Auch für unsere Firma.

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