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GDL versus Verdi An Streiktagen verdienen Lokführer mehr als Erzieher

Wer sich 500 Euro pro Woche dazu verdienen will, sollte in die GDL eintreten – und einen Streik anzetteln. Lokführer verdienen an Streiktagen erheblich mehr als Verdi-Mitglieder, also mehr als Erzieher und Postboten.

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Die Lokführergesellschaft GDL streikt erneut – gleichzeitig hat Weselsky den Streiksatz pro Tag auf 100 Euro erhöht. Quelle: dpa

Düsseldorf/ Berlin Eins ist klar: Claus Weselsky, Chef der Lokführergesellschaft GDL will seine Mitglieder bei der Stange halten. Mit jedem weiteren Streiktag bei der Deutschen Bahn müssen die Lokführer mit Gehaltseinbußen rechnen. Deshalb hat Weselsky am Montag das Streikgeld für alle GDL-Mitglieder erhöht: Ab sofort bekommen Lokführer 100 Euro pro Tag, wenn sie streiken und das ganz ohne Unterstützung des Beamtenbundes (dbb), dem Dachverband der GDL und anderer Gewerkschaften.

Die GDL hatte dieses Mal, für die neunte Runde, keine Streikgeldunterstützung beim dbb beantragt. Ein Antrag müsse 24 Stunden vor Beginn des Arbeitskampfs gestellt werden und bisher liege keiner vor, sagte ein Sprecher des Beamtenbundes dem Handelsblatt. Auch für einige der früheren Streikrunden habe die GDL keinen Antrag gestellt. Jeder gestellte Antrag sei aber bewilligt worden.

Der Beamtenbund zahlt Mitgliedsgewerkschaften aus einem „Aktionsfonds“ Streikgeldunterstützung – pro Streikendem täglich maximal 50 Euro. Die GDL, die momentan mit mindestens 5000 Streikenden rechnet, ist dabei nicht die einzige Mitgliedsgewerkschaft, die die Hilfe in Anspruch nimmt. Auch die Kommunikationsgewerkschaft DPVKOM hat im Tarifkonflikt bei der Post oder die Gewerkschaft Komba in der Auseinandersetzung im Sozial- und Erziehungsdienst Streikgeldunterstützung beim Beamtenbund beantragt.

Verdi hingegen stemmt die Kosten alleine. Die Streikkasse wird von der Verdi-Vermögensverwaltungsgesellschaft (VVG) verwaltet, speist sich aber auch aus anderen Quellen wie aus Erträgen der Verdi-Immobilienverwaltung oder dem Anlagevermögen, das vorwiegend aus festverzinslichen Wertpapieren besteht. Von den Mitgliedsbeiträgen fließen acht Prozent in die Streikkasse, bis 2012 waren es nur drei Prozent.

Tatsächlich gibt es große Unterschiede bezüglich der Streikgelder. Während der Betrag bei der GDL festgesetzt und unabhängig vom Bruttogehalt des einzelnen Mitarbeiters ist, muss sich bei Verdi jede Erzieherin, jeder Postbote, jedes Flughafenbodenpersonal sein tägliches Streikgeld selbst ausrechnen.

Nimmt man beispielsweise eine Erzieherin mit fünf Jahren Berufserfahrung, verdient diese im Monat laut der WSI-Lohnspiegel-Datenbank 2335 Euro brutto. Weil der Mitgliedsbeitrag bei Verdi in der Regel ein Prozent des Brutto-Gehalts beträgt, muss die Erzieherin monatlich 23,35 Euro in die Gewerkschaft einzahlen. Angenommen, sie ist länger als seit 12 Monaten Verdi-Mitglied, hat 40 Stunden gestreikt und arbeitet sonst 38 Stunden in der Woche, bezieht sie ein Streikentgelt von 307,25 Euro. Insgesamt. Falls die Erzieherin zwei Kindergeldberechtigte Kinder hat, bekommt sie 25 Euro mehr. Zum Vergleich: Ein Lokführer zahlt bei einem Bruttogehalt von 2335 Euro knapp 15 Euro in die GDL-Kasse und bekommt 100 Euro Streikgeld pro Tag, also 500 pro Arbeitswoche.


GDL zahlt Millionenbetrag für letzte Streikrunde

An der Streikrunde vom 4. bis zum 10. Mai hatten laut GDL circa 3000 Lokführer teilgenommen. Zu dem Zeitpunkt hat die Gewerkschaft noch einen Tagessatz in Höhe von 75 Euro gezahlt. Demnach haben Weselsky und Co. alleine dafür mehr als 1,5 Millionen Euro hingeblättert. Weselsky selbst sagt: „Die Deutsche Bahn muss endlich aufhören, hunderte Millionen für Streiks zu verpulvern, und schlicht und einfach mit uns über unsere Mitglieder unabhängig von ihrer Hausgewerkschaft verhandeln, so wie es viele andere Eisenbahnunternehmen schon getan haben.“

Letztendlich würde dafür der Steuerzahler geradestehen, weil die Deutsche Bahn quasi keine Dividende abführe. „Deshalb muss der Eigentümer Bund nicht das Zugpersonal zur Mäßigung rufen, vielmehr sollte er dem Vorstand die Verschwendung von Steuergeldern untersagen.“

Wie die GDL selbst ihre Streikkasse füllt, daraus macht Weselsky ein Geheimnis. Neben den Mitgliedsbeiträgen, die wie bei Verdi abhängig von den Brutto-Gehältern sind, kommen dafür noch Spenden in Frage, externe wie interne. So steht in der Gewerkschaftssatzung, dass Spenden von Mitgliedern erlaubt sind, wenn diese nicht höher als 15 Prozent des eigenen Beitrages sind.

Aktuell streikt Verdi an mehreren Branchen-Fronten. Bundesweit sind hunderte Kindergärten geschlossen. Morgens stehen Streikposten vor manchen Einrichtungen, um Eltern und Kindern Rechenschaft abzuliefern, es gibt Demonstrationszüge und Diskussionsrunden sowie Solidaritätsveranstaltungen, die von Verdi organisiert werden. Für die Streikrunde bei der Post, rechnet die Gewerkschaft mit 5000 Teilnehmern, 7000 hatten sich bereits am Samstag geweigert, Briefe und Pakete abzufertigen.

Doch, es sind nicht nur Dienstleister vom Streik-Unwesen betroffen. Im Frühjahr gab es lange Tarifauseinandersetzungen in der deutschen Industrie, diese haben die Kassen der Gewerkschaften aber geschont. In der Metall- und Elektroindustrie blieb es bei Warnstreiks, für die die IG Metall kein Geld zahlt. In der Chemiebranche blieben die Protestaktionen sogar noch unter der Warnstreikschwelle, so dass auch dort die Kriegskasse geschont wurde.

Die IG Metall zahlt im Falle eines Ausstands je nach Dauer der Zugehörigkeit das Zwölf- bis Vierzehnfache eines Monatsbeitrags pro Streikwoche als Streikgeld. Die IG Bergbau, Chemie, Energie ersetzt Streikenden im Schnitt rund 90 Prozent des letzten Nettoentgelts. Den letzten echten Streik in der Chemiebranche gab es allerdings vor 44 Jahren.

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