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Geldpolitik EZB nimmt verstärkt steigende Zinsen an den Märkten ins Visier

Die steigenden Anleiherenditen verunsichern Investoren. Die Notenbank bekräftigt, die Entwicklung genau zu beobachten – und betont ihre Eingriffsmöglichkeiten.

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Die EZB hatte zuletzt versprochen, weiterhin günstige Finanzierungsbedingungen zu gewährleisten. Quelle: dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) blickt mit wachsenden Sorgen auf die steigenden Zinsen und Renditen an den Finanzmärkten. Dies deuteten ihr Chefvolkswirt Philip Lane und EZB-Direktorin Isabel Schnabel am Donnerstag an.

Dahinter steht die Befürchtung, dass diese Entwicklung womöglich höhere Kreditkosten für Unternehmen und Haushalte zur Folge haben und damit die erhoffte wirtschaftliche Erholung von der Coronakrise gleich wieder abwürgen könnte.

Angeführt von den US-Staatsanleihen waren die Marktzinsen zuletzt merklich gestiegen, was auch an höheren Inflationserwartungen liegt. Die EZB hatte zuletzt versprochen, weiterhin günstige Finanzierungsbedingungen zu gewährleisten.

„Die EZB schaut sich genau die Entwicklung der langfristigen nominalen Anleihe-Renditen an“, sagte der irische EZB-Chefvolkswirt Lane bei einem Webinar. Seine deutsche Kollegin im sechsköpfigen EZB-Direktorium warnte im Interview der lettischen Agentur Leta vor einem Hochschnellen der um die Inflationsrate bereinigten Zinsen an den Märkten. „Ein zu abrupter Anstieg der Realzinsen auf dem Rücken sich verbessernder weltweiter Wachstumsaussichten könnte die Konjunkturerholung gefährden“, sagte Schnabel. „Daher beobachten wir die Finanzmarkt-Entwicklungen genau.“ Schnabel ist im EZB-Führungsgremium für das wichtige Ressort Marktoperationen und damit für die konkrete Umsetzung der Geldpolitik zuständig.

Die Renditen der zehnjährigen US-Staatsanleihen waren zuletzt auf ein Zwölf-Monats-Hoch geklettert. Viele Anleger hatten sich aus Furcht vor einer anziehenden Inflation von den Papieren getrennt und damit die Renditen nach oben getrieben.

Renditen der Bundesbonds steigen deutlich

Auch die Renditen europäischer Staatspapiere zogen merklich an. Zehnjährige Bundesanleihen, die in Europa als Richtschnur gelten, rentierten am Donnerstag bei minus 0,275 Prozent nach minus 0,576 Prozent noch zu Beginn des Jahres. Auf Monatssicht steuern die zehnjährigen Bundesrenditen auf ihren größten Sprung seit Januar 2018 zu. Bei den von Schnabel genannten Realzinsen ist der Anstieg allerdings bislang eher gering ausgefallen.

Lane zufolge sind bei der Bewertung der Finanzierungsbedingungen die Sätze bei kurzlaufenden Zinsswaps (OIS) und die nominalen Bondrenditen besonders wichtig. „Banken nutzen diese Sätze als einen Bezugspunkt, wenn sie die Preise ihrer Kredite an Haushalte und Firmen festlegen,“ sagte er. Ebenso hatte sich bereits Notenbank-Chefin Christine Lagarde zu Wochenbeginn geäußert.. Sie versprach, die EZB werde weiter alle Sektoren der Wirtschaft unterstützen, indem sie günstige Finanzierungsbedingungen sicherstelle.

Sowohl Lane als auch Schnabel wiesen nun darauf hin, dass die EZB im Rahmen ihres billionenschweren Anleihekauf-Programms PEPP noch über reichlich geldpolitische Munition verfüge. Das Programm ist auf 1,85 Billionen Euro angelegt und soll bis mindestens Ende März 2022 laufen. Noch immer sind daraus aber rund eine Billion Euro ungenutzt. Die Notenbank könnte etwa ihre monatlichen PEPP-Käufe, wenn erforderlich jederzeit hochfahren.

In den USA versuchte Notenbank-Chef Jerome Powell die Inflationssorgen zu dämpfen, die zum Teil hinter den gestiegenen Anleiherenditen stehen. In seiner zweitägigen Anhörung vor dem US-Kongress signalisierte er, dass die Federal Reserve vorerst an ihrer konjunkturstützenden Geldpolitik nicht rütteln wird. Powell erwartet zudem auf absehbare Zeit keinen nachhaltigen Inflationsanstieg in den USA.

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