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Geldpolitik Neue EZB-Mitarbeiterbefragung sorgt für Ärger

Die Notenbank hat Teile einer neuen Umfrage veröffentlicht. Sie betont die hohe Zufriedenheit der Beschäftigten. Der Personalratschef dagegen kritisiert, die Ergebnisse seien in Wahrheit schlechter als nach außen hin dargestellt.

Eine neue Mitarbeiterbefragung sorgt für Streit in der Notenbank. Quelle: imago/Rainer Unkel

FrankfurtDie Ergebnisse einer neuen Mitarbeiterbefragung sorgen für Ärger in der Europäischen Zentralbank (EZB). Am Donnerstag hatte die Notenbank ausgewählte Resultate der Befragung ihrer Beschäftigten veröffentlicht und „signifikante Fortschritte in den Bereichen Arbeitsbelastung, Arbeitszeit und Flexibilität“ hervorgehoben. Die vollständigen Ergebnisse sollen am Freitag in einer Betriebsversammlung den Mitarbeitern präsentiert werden.
„Wir sind ermutigt durch die Fortschritte die wir seit 2015 gemacht haben“, sagte der für Personal zuständige Chief Service Officer der EZB, Michael Diemer. Der Personalratschef der EZB, Carlos Bowles, teilt diese positive Einschätzung hingegen nicht. „Die Zahlen, die die EZB veröffentlicht hat, lassen die wichtigsten Ergebnisse weg“, kritisiert er. „Die Resultate zu den Fragen der Vetternwirtschaft werden beispielsweise nicht genannt, und sie sind aus meiner Sicht ziemlich beunruhigend“.

Die Notenbank verweist darauf, die allermeisten Mitarbeiter seien stolz darauf, für die EZB zu arbeiten. 59 Prozent der Befragten bewerteten die Zahl ihrer Arbeitsstunden als angemessen – das sind zehn Prozent mehr als bei der letzten Umfrage 2015. Außerdem hätten 69 Prozent der Befragten gesagt, sie würden fair behandelt im Hinblick auf Unterschiede nach Alter, Geschlecht, Nationalität oder Behinderung. Der Wert liegt etwas unter dem Niveau bei der letzten Befragung, aber etwas höher als bei vergleichbaren Institutionen.

Personalratschef Bowles hält das vermittelte Bild für unvollständig. „Aus meiner Sicht lassen die Ergebnisse nicht den Schluss zu, dass sich die Situation gegenüber der Umfrage 2015 stark verändert hat“, sagt er. „Eines der Hauptprobleme für die Mitarbeiter sind fehlende Karrieremöglichkeiten und Vetternwirtschaft.“ In dem Punkt gebe es im Vergleich zur letzten Umfrage „zumindest keine Verbesserung“.

Bei der letzten Erhebung im Mai 2015 hatten die meisten Befragten auf die Frage, warum Mitarbeiter typischerweise befördert werden, geantwortet: Indem man die "richtigen Leute" kennt. Erst an vierter Stelle nannten die Mitarbeiter gute Leistung im Job als Kriterium.

Die neuen Ergebnisse dazu wurden von der EZB nicht veröffentlicht, liegen aber dem Handelsblatt vor. Die meisten Befragten nannten demnach besonders sichtbare Arbeitsaufgaben als wichtigstes Kriterium(70 Prozent). Danach folgten „indem man die richtigen Leute kennt“ (67 Prozent) und eine „gute Beziehung zum direkten Vorgesetzten“ (56 Prozent). 46 Prozent nannten gute Leistung im Job als ausschlaggebend. Auch bei der Frage, ob die EZB gut darin sei, die kompetentesten Leute zu befördern, gab es kaum Veränderungen: 2015 stimmten 19 Prozent der Aussage zu – 2018 waren es 20 Prozent. Außerdem stimmten 45 Prozent der Befragten der Aussage zu, die Mitarbeiter meldeten Probleme und Fehler nur zögerlich an ihre Vorgesetzten.

Bowles sieht auch hinsichtlich prekärer Arbeitsverhältnisse und Jobunsicherheit „keine Veränderung der Situation gegenüber 2015“. Eine deutliche Mehrheit der EZB-Mitarbeiter wertet ihre Arbeitsplatzsicherheit positiv, was wohl auch daran liegt, dass langjährige Mitarbeiter mit unbefristeten Verträgen den größten Anteil der Belegschaft stellen. In der neuen Umfrage bewerteten 17 Prozent ihre Arbeitsplatzsicherheit negativ - 2015 waren es 19 Prozent.

Bowles räumt ein, dass es eine gewisse Normalisierung der Arbeitszeiten drei Jahre nach dem Start der EZB-Bankenaufsicht gibt. Außerdem wirke sich die Umsetzung der EU-Arbeitszeitdirektive aus. Auch hier sieht er aber keinen Grund zur Entwarnung. „Die Situation hinsichtlich Arbeitsbelastung und Stress ist weiterhin ziemlich schlecht, und es gibt hohe Burn-Out-Risiken“, sagt er. Die Frage, ob ihre Arbeit einen negativen Einfluss auf die eigene Gesundheit habe, beantworteten 29 Prozent der Befragten mit „Ja“ – vor drei Jahren waren es 37 Prozent.

An der Befragung nahmen 87 Prozent der Mitarbeiter teil. Der Anteil entspricht damit etwa dem Niveau von vor drei Jahren. Dieses Mal waren auch Trainees dabei, die etwa zehn Prozent ausmachen - Zeitarbeiter hingegen nicht. Personalratschef Bowles hält die Ergebnisse daher für „nicht vergleichbar“. „Trainees sind normalerweise besonders jung und haben weniger Probleme mit Burn-Out und Stress als langjährige Mitarbeiter. Auf der anderen Seite wurden Zeitarbeiter nicht mehr einbezogen, die eine wesentlich höhere Burn-Out-Quote haben.“ Außerdem seien 500 Befragte hinzugekommen, die neu bei der EZB seien und noch nicht über einen längeren Zeitraum mit langen Arbeitszeiten zu tun gehabt hätten. „Um Vergleiche machen zu können und bewerten zu können, was sich positiv verändert hat, brauchen wir die Aufschlüsselung der Ergebnisse nach Mitarbeiterkategorien, aber die EZB weigert sich bisher, uns diese Ergebnisse mitzuteilen“, sagt Bowles.

Erst vor wenigen Tagen hatte die EZB die Zusammenarbeit mit den Belegschaftsvertretern in einer Stellungnahme für das Europaparlament gelobt. „Größtenteils in enger Zusammenarbeit mit den Belegschaftsvertretern“ seien „substanzielle Schritte“ unternommen worden, um die bei der letzten Mitarbeiterbefragung identifizierten Probleme ¬- etwa bei beruflicher Entwicklung, Arbeitsbelastung und - Stress anzugehen, schrieb die Notenbank an die Parlamentarier.

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