WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Geldpolitik Was Draghis Pokerface verrät

Japanische Forscher wollen mit künstlicher Intelligenz Notenbankern vom Gesicht ablesen, was sie im Sinn haben.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Was er wohl gerade denkt? Quelle: Reuters

Immer wenn es ernst wird, schaut er ein bisschen deprimiert: Das haben japanische Forscher über Mario Draghi, den Chef der Europäischen Zentralbank, der EZB, herausgefunden. Ein besonders ernstes Gesicht könnte daher ein Anzeichen dafür sein, dass er bald seine großzügige Geldpolitik noch ein bisschen weiter einschränkt.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, lassen die Wissenschaftler Yokiyuki Suimon und Daichi Isami die Änderungen seines Gesichtsausdruck bei wichtigen Pressekonferenzen im Halb-Sekunden-Takt von künstlicher Intelligenz auswerten. Nach ihren Erkenntnissen schaute Draghi zum Beispiel etwas traurig, bevor er im vergangenen Oktober eine Einschränkung des laufenden Programms zum Ankauf von Anleihen ankündigte. Sein Stellvertreter Vítor Constâncio habe erheblich glücklicher ausgesehen, heißt es.

Zuvor haben sie das Programm, das von Microsoft entwickelt wurde, schon an Haruhiko Kuroda, dem japanischen Notenbankchef, ausprobiert. Draghi habe sein „Pokerface“ aber stärker unter Kontrolle als Kuroda, sagen sie.

Tatsächlich lässt Draghi sich bei Pressekonferenzen nur verhalten anmerken, was er gerade denkt oder empfindet. Manchmal überspielt er auch ärgerliche Situationen mit einen Anflug von Lächeln, ab und zu schaut er in der Tat etwas mürrisch drein. Constâncio dagegen, der bei Pressekonferenzen Draghi zur Seite sitzt und kaum zu Wort kommt, kompensiert das durch sehr ausdrucksstarke Mimik und Gestik.

Er schüttelt unverhohlen den Kopf oder zieht dramatisch die Augenbrauen hoch, wenn ihm eine Frage nicht gefällt, bei anderer Gelegenheit nickt er heftig zustimmend. Bekannt für sein Temperament ist auch Peter Praet, der Chefvolkswirt der EZB. Ihn verlässt zwar selten sein Lächeln und noch weniger sein schlagfertiger Humor.

Aber wenn ihn ein Diskussionsbeitrag aufregt, rutscht er so lange nervös auf seinem Stuhl herum, bis er mit einem Schwall von mitunter kompliziert elaborierten Sätzen darauf antworten kann.

Wenn sich die künstliche Intelligenz weiter entwickelt, werden künftig Notenbank-Presse-Konferenzen vielleicht so ablaufen wie manche Wettbewerbe von Musikern: Sie müssen sich, damit ihre Erscheinung nicht ablenkt, beim Vorspiel hinter einem Vorhang verstecken.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%