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Glyphosat im Bier Wie Umweltschützer das Bier vergiften

Die Aufregung ist groß: Die Umwelthilfe hat Pflanzenschutzmittel im Bier gefunden. Doch die Organisation nutzt das Lieblingsgetränk der Deutschen bloß, um für seine politischen Ziele zu streiten. Ein Kommentar.

Maßkrüge stehen auf der Schänke in einem Biergarten auf dem Oktoberfest in München. Quelle: dpa

Es gibt Studien, deren Ergebnis steht schon fest, bevor überhaupt eine Zeile geschrieben ist. Ein schönes Beispiel ist eine Untersuchung der Kampagnen-Organisation Foodwatch zum Zuckergehalt von Kinderlebensmitteln. Darunter zählten die selbsternannten Verbraucherschützer zahlreiche Sorten von Haribo-Weingummis. Das allzu erwartbare Ergebnis: Die Lebensmittelindustrie verzuckert die Kleinsten. Mission erfüllt: Die spendenfinanzierte Organisation war in den Schlagzeilen – und die Industrie stand dumm da.

Genauso funktioniert die aktuelle Aufregerstudie zum Bier. Wenig überraschend ist, dass auch Bier geringe Mengen an Pflanzenschutzmitteln enthält. Denn, oh Wunder, neben Wasser sind auch pflanzliche Stoffe im Bier enthalten: Hopfen und Malz, Gott erhalt’s.

Die zehn größten Biermythen
Mythos 1: Abgelaufenes Bier darf man nicht mehr trinkenIm Keller finden Sie ein Sixpack Bier, das lange abgelaufen ist. Bloß nicht mehr trinken, denken Sie. Falsch: Auch abgelaufenes Bier können Sie problemlos trinken, wenn die ungeöffnete Flasche richtig gelagert wurde – also trocken kühl und vor allem dunkel. Der Grund: Hopfen konserviert und hält das Bier frisch. Lediglich der Geschmack kann sich leicht verändern. Quelle: dpa
Mythos 2: Bier hat viele KalorienEin großes Bier ist wie eine Bratwurst, heißt es oft. So rechtfertigt mancher seinen Bierbauch. Doch Bier ist eigentlich keine Kalorienbombe und schon gar kein Dickmacker. Selbst ein Glas Apfelsaft (250 Kalorien) ist ungesünder als ein halber Liter Gerstensaft (200 Kalorien). Da Bier jedoch den Appetit anregt, greift man oft neben einem Glas Bier zu heimlichen Dickmackern wie Erdnüssen, einer Wurst oder einer Brezel – so entsteht das Hüftgold, dessen Ursache fälschlicherweise dem Bier zugeschrieben wird. Quelle: dpa
Mythos 3: Ein gutes Bier braucht sieben MinutenDer Wirt zapft und zapft und zapft – mindestens sieben Minuten soll ein Pils gezapft werden, damit es gut schmeckt, so die Argumentation. Das ist Quatsch. Ein gutes Bier ist kalt, um die acht Grad, aber eine lange Zapfzeit verbessert nicht den Geschmack. Im Gegenteil, wird ein Bier zu lange gezapft, kommt es bereits schal beim Gast an. Moderne Zapfhähne brauchen daher zwischen zwei und drei Minuten für ein frisches Pils.   Quelle: dpa
Mythos 4: Bier macht große BrüsteAngeblich soll Hopfen pflanzliche Östrogene enthalten, das die Brüste wachsen lässt. Wer den Test macht, stellt jedoch schnell fest, dass  auch das ein Mythos ist. Nach fünf Bier sind die Brüste noch genau so groß wie vorher. Auch wissenschaftlich ist die These nicht bewiesen. Zwar enthält Bier tatsächlich Östrogene, die sogenannten Phytoöstrogene, allerdings in so geringen Mengen, dass sie keine Wirkung zeigen. Quelle: dpa
Mythos 5: Auf Hawai gibt es kein Bier……sang einst Paul Kuhn. Das ist ein Mythos, denn auf Hawai gibt es sogar gleich mehrere Brauereien und auf vielen deutschen Bierbörsen wird die südländische Spezialität sogar verkauft.Beispielsweise das „Volcano Red Ale“ der Mehana Brewery Company. Quelle: dpa
Mythos 6: Bier auf Wein, das lass sein…….heißt es im Volksmund. Auch das ist ein Mythos, denn zumindest wissenschaftlich es ist egal, wann man was trinkt. Trotzdem hat der Spruch einen Grund: In der deutschen Trinkkultur galt Wein lange als höherwertiges Getränk. Wer also nach dem Weinkonsum ein Bier bestellte, gesellte sich in die niederen Ränge. Quelle: dpa
Mythos 9: Alkoholfreie Biere enthalten Null Prozent AlkoholReingefallen. Alkoholfreie Biere schmecken nicht nur wie normales Bier, sie enthalten immer auch ein ganz klein Wenig Alkohol. Laut Gesetz darf jedes Bier mit weniger als 0,5 Prozent Alkohol als alkoholfrei verkauft werden. Trotzdem muss sich niemand Gedanken machen, der zu einem alkoholfreien Bier greift. Um ein kritisches Level zu erreichen müsste man enormen Mengen trinken. Quelle: dpa

Es muss also für das Umweltinstitut München von vornherein klar gewesen sein, dass Pflanzenschutzmittel im Bier nachweisbar ist, wenn man nur mit ausreichend empfindlichen Messmethoden sucht – so wie Zucker in Gummibärchen. Ansonsten wäre das Geld für die Studie sinnlos ausgegeben worden: Eine Studie ohne Befund kann keine Lobbyorganisation gebrauchen.

Ganz offensichtlich geht es dem Umweltinstitut gar nicht ums Bier. Die Kampagneros haben schlichtweg das beliebteste Getränk der Deutschen gewählt, um in einem schon länger laufenden Konflikt Munition zu bekommen: dem Streit um Glyphosat. Das hochpotente Unkrautvernichtungsmittel halten etliche Wissenschaftler und noch mehr Umweltschützer für krebserregend und gefährlich.

Doch bislang können sie sich bei den Regulierern in der EU nicht durchsetzen: Die Behörden wollen den Einsatz in der Landwirtschaft weiter erlauben. So lange das so ist, finden sich in den meisten Agrarprodukten Rückstände davon. Das kann man für bedenklich halten – oder wie das Bundesinstitut für Risikobewertung eben nicht. Am Donnerstag hat sich zumindest der Bundestag für eine baldige Neuzulassung des umstrittenen Pflanzenschutzmittels in der EU ausgesprochen.

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In diesem Streit will das Umweltinstitut Rückenwind für das Anti-Glyphosat-Lager bekommen – und nutzt dafür die Bierliebe der Deutschen aus. Als Kollateralschaden trifft die Empörung nun die Bierbrauer, die für die Belastung ihrer Produkte gar nichts können. Das Umweltinstitut nimmt das für sein höheres Ziel in Kauf.

Fair ist das nicht. Auch nicht gegenüber den Verbrauchern, die – wieder einmal – verunsichert werden. Denn wer kann schon als Laie einschätzen, welche Menge Glyphosat nun gefährlich ist. Die meisten Journalisten ebenso wenig wie Verbraucher – das erklärt Schlagzeilen und Interesse. Die Menge in einem Glas Bier jedenfalls ist wohl nicht wirklich schädlich.

Bei der Gesamtbelastung in der Umwelt kann man nicht so sicher sein. Aber das ist ein ganz anderes Kapitel.



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