WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Green Finance Welche Rolle die Finanzwelt im Kampf gegen den Klimawandel spielt

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret will die Banken für die Risiken des Klimawandels sensibilisieren. Das trifft auch deutsche Institute.  

Der Bundesbank-Vorstand kämpft gegen den Klimawandel. Quelle: dpa

FrankfurtNormalerweise sind es eher trockene, zahlenlastige Themen, die die Teilnehmer der alljährlichen Bundesbank-Symposien zur Bankenaufsicht diskutieren. Dieses Jahr jedoch legt die Bundesbank ihren Schwerpunkt auf nachhaltige Finanzierung. „Soll es heute statt um Kreditrisiken, Eigenmittel oder die Bankenunion um Treibhausgase, schmelzende Pole und sterbende Tierarten gehen?“, fragt der Gastgeber, Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret, halb im Scherz.

Der Schwerpunkt ist aber ganz ernst gemeint. „Wenn die Weltgemeinschaft das ehrgeizige Ziel einer Zwei-Grad-Beschränkung auch nur einigermaßen konsequent verfolgen will, sind weitreichende Eingriffe in die bestehenden Wirtschaftssysteme notwendig“, sagt er. Davon sei auch der Finanzsektor betroffen. Dombrets Botschaft: Klimaschädliches Engagement kann auch der Finanzwelt gefährlich werden, Klimaschutz hingegen bietet auch Geschäftschancen.

Als Beispiel für die Risiken nennt er die Hurrikan-Saison im vergangenen Jahr, deren versicherte Schäden sich auf rund 135 Milliarden Dollar bezifferten. Es sei nicht gesagt, dass sich solche wetter- und klimabedingten Schadensfälle auch künftig noch versichern ließen, sollten sich die Eintrittswahrscheinlichkeiten und die erwartbaren Schadenssummen wegen des Klimawandels drastisch erhöhen.

Das könnte Banken und Sparkassen dann treffen, wenn sie betroffene Immobilien, Produktionsanlagen oder Handelsgüter finanziert haben.

Doch Dombret sieht weitere Risiken: Denn auch der nötige Wandel in der Wirtschaft werde Sieger und Verlierer hervorbringen. „Zweifelsohne werden Marktteilnehmer im Rahmen dieser Umwälzungen viele Vermögenswerte neu bewerten müssen“, warnt der Bundesbank-Vorstand.

Wenn etwa Rohstoffunternehmen künftig bestimmte Brennstoffvorräte nicht mehr erschließen oder ausbeuten dürfen, kann das für solche Firmen zum Existenzrisiko werden. Die Marktkapitalisierung großer amerikanischer Kohleunternehmen sei in den vergangenen zehn Jahren um etwa 90 Prozent gefallen, in einer Zeit, in der der amerikanische Aktienmarkt immer neue Rekorde feierte.

Auf den ersten Blick wirken solche Risiken vernachlässigbar: Die Millionenkredite deutscher Banken an Unternehmen im Kohlebergbau belaufen sich nach Erkenntnissen der Bundesbank gerade einmal auf knapp eine Milliarde Euro. Bei einzelnen Instituten können davon allerdings ein bis zwei Prozent ihres Großkreditengagements betroffen sein und damit ein bedeutender Teil des Kreditportfolios.

Nimmt man noch andere betroffene Branchen hinzu wie Firmen, die Erdöl- und Erdgas gewinnen oder verarbeiten, erhöht sich laut Dombret das Volumen der Millionenkredite auf fast 20 Milliarden Euro. „Einzelne Institute haben bis zu sechs Prozent ihrer Millionenkredite in diesen Sektoren vergeben“, warnt Dombret.

Inklusive der Energieversorger wird die Zahl noch größer: Rund 60 Banken vergeben mehr als zehn Prozent ihrer Millionenkredite an die betroffenen Wirtschaftszweige, bei einigen sind es sogar über 20 Prozent.

Aus diesen Gründen ist „Greener Finance“ nicht nur ein Thema für die Corporate-Social-Responsibility-Abteilungen von Banken. „Mögliche klimabezogene Risiken müssen im Rahmen des Risikomanagements berücksichtigt werden“, fordert Dombret.

Banken und Sparkassen müssten wissen, inwieweit ihre Kunden von Klimarisiken betroffen seien könnten und was das für die Kredite bedeutet, die Banken ihnen ausgereicht haben.

Neue Geschäftschancen

Umgekehrt bietet der Klimawandel neue Geschäftschancen. „In ihrer Rolle als Kreditgeber für die Realwirtschaft können Banken und Sparkassen vom grünen Wandel unternehmerisch profitieren und ihn gleichzeitig mitgestalten“, meint der Bundesbank-Vorstand.​​​​​​​

Der globale Investitionsbedarf, der notwendig ist, um die globale Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, wird auf einen zweistelligen Billionen-Betrag geschätzt.

Für den europäischen Wirtschaftsraum rechnet die EU-Kommission mit einem zusätzlichen jährlichen Investitionsbedarf von 180 Milliarden Euro. Solche Investitionen müssen finanziert werden – von den Banken oder von der wachsenden Zahl privater Investoren, die in grüne Vermögenswerte Geld anlegen wollen. Auch mit solchen Anlageprodukten lässt sich verdienen.

Doch so sehr Dombret die Finanzbranche für solche Themen „sensibilisieren“ will – einige Vorschläge der EU-Kommission zur Förderung grüner Finanzierungen hält er für gefährlich.

Die Brüsseler Behörde würde Kredite für grüne Investitionen in den Bank-Bilanzen durch einen „Green Supporting Factor“ gerne bevorzugt behandeln. Nachhaltigkeit gehe aber nicht automatisch mit verminderten Risiken einher, warnt der Bundesbank-Vorstand.

Schließlich können innovative Unternehmen auch scheitern. Wenn Banken mit solchen Risiken laxer umgehen dürften, könnte auch das die Finanzstabilität gefährden.

Bei der Frage, mit wie viel Eigenkapital Banken solche grünen Geschäfte absichern sollen, sollte es für Dombret daher auch weiterhin nur ein Kriterium geben: der Risikogehalt dieses Kredits.

Für überlegenswert hält er dagegen negative Anreize für „Brown Finance“ – „allerdings nur über klassische Instrumente wie etwa Steuerregelungen“, ist der Bundesbank-Vorstand überzeugt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%