WiWo App Jetzt gratis testen!
Anzeigen

Großbritannien Wie junge Einwanderer auf schottische Inseln gelockt werden

Imagekampagnen für schottische Inseln sollen Auswandererfantasien schüren. Doch die Insulaner selbst können wenig mit diesen Träumen anfangen.

Das Dorf Whitehall ist der Hauptort der schottischen Insel Stronsay. Hier arbeitet Shirley Whiteman als Insel-Krankenschwester. Quelle: Photolibrary/Getty Images

LondonShirley Whiteman hat es einfach gemacht. Im August 2012 packte die Engländerin aus der Grafschaft Leicestershire die Sachen und zog mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen Dan, 5, und Sam, 4, auf die schottische Insel Stronsay. Das nur zwölf Kilometer lange Eiland gehört zur Gruppe der Orkney-Inseln nördlich vom schottischen Festland.

Whiteman hatte sich auf eine Stellenanzeige als Insel-Krankenschwester beworben. Ihr Mann Andy musste sich erst Arbeit suchen, inzwischen hat er mehrere Teilzeit-Jobs: Er arbeitet als Postbote, Feuerwehrmann, Bademeister und hilft bei den Lebensmittellieferungen auf der Insel. „Wir haben es nicht bereut, dieses Inselparadies zu unserem ständigen Zuhause gemacht zu haben“, schreibt Whiteman auf der neuen Webseite von Stronsay.

Leben auf einer schottischen Insel – den Traum der Whitemans haben viele Menschen. Einschlägige Fernsehprogramme schüren die Aussteigerfantasien. Inselverwaltungen versuchen, Umzugswillige zu sich zu locken – nicht zuletzt, um den Altersdurchschnitt zu senken. In ihrer neuen Imagekampagne wirbt Stronsay mit weißen Stränden und dem einfachen Leben in einer engen Gemeinschaft. Die meisten der 370 Einwohner leben im Dorf Whitehall, dazu kommen pro Jahr rund 600 Besucher auf die Insel. Für Touristen gibt es drei Unterkünfte mit insgesamt zwölf Gästezimmern.

Auch die britischen Zeitungen machen regelmäßig Appetit auf Schnäppchen im Meer. Nur 250.000 Pfund für eine ganze Insel, schwärmte das Boulevardblatt „The Sun“ vergangenes Jahr, als die Shetland-Insel Vaila Sound zum Verkauf stand. Das 26 Hektar große Eiland koste nur halb so viel wie eine Londoner Drei-Zimmer-Erdgeschosswohnung, rechnete die Zeitung vor, und habe sogar einen eigenen See.

Die außer Kontrolle geratenen Londoner Immobilienpreise dienen immer als Maßstab, um das vergleichsweise gute Preis-Leistungs-Verhältnis in der schottischen Einöde herauszustreichen. So wechselte Little Ross Island im vergangenen August binnen weniger Wochen den Besitzer, nachdem die nationalen Medien die Neugier der Immobilienjäger geweckt hatten. Nach Angaben des Maklers Galbraith gab es Dutzende Interessenten, der Kaufpreis lag am Ende über den geforderten 325.000 Pfund. Der neue Besitzer bekam dafür zwölf Hektar idyllischen Grund und Boden sowie ein Cottage mit sechs Schlafzimmern. Nur der Leuchtturm auf der Insel gehörte nicht zum Paket.

Insgesamt gibt es rund 800 schottische Inseln, 93 davon sind bewohnt. Die Einwohnerzahl hat laut den neuesten verfügbaren Zahlen zwischen 2001 und 2011 leicht auf 103.700 zugenommen – ein Plus von 4.000. Doch trotz des statistischen Anstiegs kämpfen die meisten Inseln gegen Bevölkerungsschwund. Denn egal ob die Insel in privater Hand ist oder im Staatsbesitz: Die Isolation bedeutet zusätzliche Kosten und Probleme.

Je weniger Menschen auf einer Insel leben, desto weniger investiert die Regierung in die Infrastruktur, was wiederum weitere Bewohner in die Flucht treibt. Gerade jungen Familien ist das Inselleben häufig zu hart. Es fehlen attraktive Arbeitsplätze, und der Alltag dreht sich zu sehr um die Fähranbindung, die Schule, die Häufigkeit der Lebensmittellieferungen, das Breitband-Internet.

Beim Werben um neue Bewohner müssen die Inselverwaltungen daher aufpassen, keine falschen Erwartungen zu wecken. Sonst ist die Enttäuschung hinterher groß, wie der National Trust of Scotland erfahren musste. Vor einigen Jahren hatte die Organisation die Kampagne „Call to Canna“ gestartet, um neue Familien für die kleine Hebriden-Insel Canna vor der Westküste Schottlands zu finden. Die Bevölkerung war auf 15 gefallen, das reichte nicht für eine florierende Gemeinschaft.

Die Kampagne schien zunächst erfolgreich: Die sechsköpfige Familie Guthrie zog auf die Insel, ein weiteres Paar wurde für die kleine Pension gewonnen. Doch nach nicht einmal zwei Jahren zogen alle erbittert wieder weg. Zusagen, weitere Familien anzusiedeln, sollen nicht eingehalten worden sein, und ganz so offen und freundlich waren die Alteingesessenen gegenüber den Neulingen wohl auch nicht. Die Schule wurde wieder geschlossen – es gab keine Kinder mehr zum Unterrichten.

Aufgeben werden die Lokalpolitiker deshalb jedoch nicht. Sie versuchen, die Nachteile der geografischen Abgeschnittenheit durch das Internet auszugleichen, der Breitband-Zugang gilt als entscheidender Zukunftsfaktor. „Die Leute verlieben sich schnell in diese Orte und wollen gerne bleiben“, sagte der schottische Parlamentsabgeordnete Michael Russell dem „Guardian“. „Ein besserer Breitbandzugang erlaubt es ihnen, überlebensfähige Unternehmen zu führen. Das ist der Schlüssel, um den Bevölkerungsschwund umzukehren.“

Die Whitemans jedenfalls scheinen noch nicht vom Inselkoller befallen zu sein. Ihre beiden Söhne seien zu selbstbewussten kleinen Persönlichkeiten herangewachsen, schreibt Whiteman. Wenn Dan und Sam 15 werden, muss die Mutter sie allerdings ziehen lassen: Die weiterführende Schule ist auf der Hauptinsel in Kirkwall, die Kinder schlafen unter der Woche im Internat. Auch im Paradies kann man nicht alles haben.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%