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Handelsblatt-Tagung in Berlin Deutsche Banken wollen viel lieber kooperieren statt fusionieren

LBBW-Chef Neske kontert Forderungen nach Fusionen im öffentlich-rechtlichen Lager mit einer Alternative: mehr Kooperationen.

Deutsche Banken wollen lieber kooperieren statt fusionieren Quelle: dpa

BerlinGeht es um Deutschlands Bankenlandschaft, fällt in Branchenstudien seit Jahren immer wieder derselbe Begriff: Deutschland sei „overbanked“. Es gebe zu viele Geldinstitute mit zu vielen Filialen und zu wenig Gewinn. Daher wird stets von einer notwendigen Konsolidierung geredet, von Fusionen, um neue wettbewerbsfähige Strukturen zu schaffen – weniger sei mehr. Der große Wurf ist bisher aber ausgeblieben.

Rainer Neske, seit mehr als einem Jahr Chef der Landesbank Baden Württemberg (LBBW), plädiert jetzt für einen Mittelweg: Man müsse neue Formen der Zusammenarbeit finden, die nicht notwendigerweise sofort in Fusionen mündeten, sagte Neske am Freitag auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunftsstrategien für Sparkassen“ in Berlin. Man müsse eine Diskussion darüber eröffnen, forderte er. Mehr Zusammenarbeit könne es beispielsweise bei der IT geben oder im Auslandszahlungsverkehr. „Da stehen wir in der Gruppe noch ganz am Anfang“, sagte Neske.

Der öffentlich-rechtliche Bankensektor besteht in Deutschland aus knapp 400 Sparkassen und sechs Landesbanken. Noch vor der Finanzkrise gab es elf Landesbanken, die Zahl der Sparkassen lag bei mehr als 450. Nach dem voraussichtlichen Verkauf der HSH Nordbank an Finanzinvestoren wird es noch eine Landesbank weniger geben. Für Iris Bethge, Hauptgeschäftsführerin des öffentlichen Bankenverbands VÖB, ist die Konsolidierung im Landesbankensektor damit abgeschlossen: „Wir verfügen dann über fünf Institute, die regional verteilt sind und über ein starkes Geschäftsmodell verfügen.“

Doch das System, vor allem im Sparkassenlager, sei nach wie vor verzwergt, wenden Kritiker ein. Sparkassenpräsident Helmut Schleweis sagte jüngst im Handelsblatt-Interview, die Strukturen der Sparkassen-Gruppe sei „so nicht zukunftsfähig“. Aus dem Lager der öffentlich-rechtlichen Institute kommt hinter vorgehaltener Hand noch ein anderer Vorwurf: Man mache sich teilweise gegenseitig Konkurrenz und versuche auf Kosten des anderen zu wachsen.

Die Kritik schließt auch die LBBW ein, die beispielsweise 2015 ein Büro in Hamburg eröffnet hat, um dort Unternehmenskunden zu betreuen. Neske verteidigt das Vorgehen: Wenn es um den Kunden gehe, gebe es hierzulande eine ganze Reihe von Banken , die miteinander konkurrierten. Da mache es keinen so großen Unterschied, ob da möglicherweise auch ein paar Landesbanken darunter seien. „Aber überall da, wo es nicht um den Kunden geht, da sollten wir uns keine Konkurrenz machen“, betonte der LBBW-Chef.

Sein Plädoyer für mehr Zusammenarbeit begründete Neske mit einer Reihe von Faktoren: So seien Sparkassen beispielsweise wichtige potenzielle Kunden für die Landesbanken. Mehr Kooperation sei daher sinnvoll – auch um beispielsweise „in Brüssel mit einer Stimme zu sprechen, wo wichtige Entscheidungen fallen“. Wenn man enger zusammenrücke, könne man sich dem starken Gegenwind aus verschiedenen Richtungen wie von Regulierungsseite besser entgegen stemmen.

Neske sprach sich auch gegen einen Vergleich der Bankenlandschaft hierzulande mit dem US-Finanzsektor aus. Bankkunden jenseits des Atlantiks finanzierten sich stärker über den Kapitalmarkt, hier dagegen finanzierten Finanzhäuser Kunden in einem weitaus größeren Maße über Kredite. Man könne daher keine einheitliche Regeln für Banken in Europa und den USA einführen.

Bei einem Vergleich zwischen Banken jenseits und diesseits des Atlantiks schneiden europäische Institute deutlich schlechter ab. „Die US-Banken sind den EU-Konkurrenten in Sachen Profitabilität weit enteilt“, sagt VÖB-Hauptgeschäftsführerin Bethge. Die zehn größten US-Finanzhäuser haben im ersten Halbjahr 2017 mehr als 46 Milliarden Dollar verdient, die Top-10 der EU hingegen fast ein Drittel weniger. „Wir sollten dennoch aufhören, unser Licht unter den Scheffel zu stellen“, betonte Neske. „Wir leben in einer der stärksten Volkswirtschaften.“ Man dürfe diesen Teil der Gleichung nicht einfach ausblenden.

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