Handelsblatt-Test Defizite bei der Anlageberatung

Eine aktuelle Studie zeigt, dass deutsche Geldinstitute zwar gut beraten, doch stets eigene Produkte empfehlen. Indexfonds und Zertifikate meiden die meisten. Testsieger ist die Commerzbank.

Nur wenige Institute bieten bisher solide Hilfestellung zu allen Produktklassen. Zudem schwankt die Beratungsqualität erheblich.

FrankfurtDie Aktienmärkte befinden sich im Höhenrausch, die Zinsen am Boden – da ist es nicht leicht, die richtige Geldanlage zu finden. Die gute Nachricht: Die meisten Bankberater kann man durchaus um Hilfe bitten, denn die Geldhäuser beraten im Schnitt gut. Einziges Manko: Sie empfehlen immer noch oft eigene Produkte oder die ihrer Kooperationspartner. Kostengünstige Indexfonds oder Zertifikate werden allenfalls auf Nachfrage angeboten.

Das zeigt eine Untersuchung des Analysehauses S.W.I. Finance für das Handelsblatt. Das Institut hat Ende 2017 die Anlageberatung bei den sechs größten bundesweit aktiven Filialbanken, der größten Sparkasse und der größten Volks- und Raiffeisenbank in jeweils zehn Testgesprächen untersucht. Dabei wurde sowohl die Beratung für Wertpapier-Interessierte als auch die für Sparer unter die Lupe genommen. Die Teilergebnisse flossen jeweils zur Hälfte in die Gesamtnote ein. Weil die Beratung häufig nach festen Vorgaben bei den Instituten erfolgt, lässt sich aus den Stichproben die allgemeine Qualität der einzelnen Häuser feststellen.

Auf dem Siegertreppchen gab es keine Überraschungen: Ganz oben steht wie im Vorjahr die Commerzbank. Das „gelbe Institut“ überzeugte sowohl bei Wertpapieren als auch bei Sparprodukten mit der besten Leistung. 2016 war noch die Deutsche Bank – die wieder den zweiten Platz einnimmt – zumindest bei der Expertise rund um Aktien noch einen Tick besser. Die Hamburger Sparkasse holte wie im Jahr zuvor den dritten Platz. Deutlich steigern auf der Punkteskala konnte sich die Hypo-Vereinsbank (HVB), genau wie die Schlusslichter vom letzten Mal, die Postbank und die Targobank. Die rote Laterne gaben die beiden Finanzhäuser nun an Santander ab.

Insgesamt haben sich alle Institute gegenüber dem Vorjahr verbessert. Der Branchenschnitt stieg von 70 auf 75 von 100 möglichen Punkten. Erneut bekamen die Beratungsgespräche zu Wertpapieren etwas bessere Bewertungen als die Gespräche zu Sparanlagen, weil die Berater dabei den Bedarf ihrer Kunden im Schnitt gründlicher analysierten. „Die wenigsten Institute haben bisher eine Anwendung, mit der sie alle Produktklassen beraten können“, erklärt Ralph Hientzsch von der Unternehmensberatung Consileon. Die Prozesse und Systeme seien unterschiedlich gut entwickelt.

Grundsätzlich beobachteten die Tester, dass die Bankberater den Bedarf im Vergleich zum Vorjahr besser erfassen, es aber immer noch Lücken gibt. So werden Ausgaben zu Vorsorgezwecken und laufende Darlehen, die im Niedrigzinsumfeld günstig abgelöst werden könnten, noch zu selten abgefragt. Auch ein möglicher Kinderwunsch, der berufliche Status und die vorzeitige Verfügbarkeit werde nicht immer thematisiert.

Welche Produkte die Bankmitarbeiter den Kunden vorstellten, hing dabei stark von den Vorgaben des Geldhauses ab. „Eines kann der Kunde daher von seinem Gespräch nicht erwarten: eine unabhängige Beratung mit einem Angebot, das die ganze Marktbreite abdeckt“, resümieren die Studienmacher. Auf diese Art werde vielfach versucht, bei kostenfreier Beratung Geld zu verdienen. Berater Hientzsch verweist darauf, dass Banken zunehmend Depots mit einer „All-in-fee“ beraten. Der Kunde zahlt eine fixe monatliche Gebühr an den Berater statt Provisionen für einzelne Produkte. „Dadurch wird die Qualität der Beratung deutlich unabhängiger und besser“, erläutert Hientzsch.

Gerade börsennotierte Indexfonds – die sogenannten Exchange Traded Funds (kurz ETFs) – lassen die Berater bisher gern unter den Tisch fallen. Nur der Testsieger Commerzbank und die Targobank boten auf Nachfrage einen ETF an.

Eine ähnlich ablehnende Haltung zeigten die Bankberater bei Zertifikaten. Nur Deutsche Bank und besonders die Hypo-Vereinsbank boten sie an. Die restlichen Häuser wichen bei Fragen entweder aus, gaben keine Auskünfte oder rieten mit Begründungen wie „Zertifikate sind veraltet“ oder „Zertifikate sind immer hochspekulativ“ von Investitionen grundsätzlich ab. „Hier werfen die Erfahrungen aus der Finanzkrise noch Schatten. Einigen Beratern fehlt aber möglicherweise auch die nötige Qualifikation“, urteilt Hientzsch.

Das S.W.I. lobt zwar, dass die Kosten der präsentierten Produkte offen kommuniziert werden, was auch ein Verdienst der neuen Regulierung sei, die die Banken genau dazu verpflichtet. „Durch den fehlenden Vergleich mit günstigeren Produkten (vor allem ETFs) fallen den uninformierten Kunden die hohen Kosten dann jedoch gar nicht auf“, warnen die Tester allerdings.

Da die meisten Berater ihre Kunden nicht zu ETFs und Zertifikaten beraten wollten, passten die Lösungsvorschläge nicht immer optimal auf das Anforderungsprofil der Kunden, stellte das S.W.I. fest. Oft sei auf aktiv gemanagte Fonds verwiesen worden, die nach Auffassung des Instituts insbesondere mit Blick auf die Kosten im Vergleich zu ETFs nicht die beste Wahl darstellten. Es „stellt sich die Frage, mit welchem Mehrwert die Institute bei der Beratung in der Filiale noch gegen die Online-Robo-Advisor bestehen können“, warnt das Analysehaus die Banken mit Blick auf die Zukunft.

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