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Hannover Messe Industriekonzerne entdecken die Blockchain für sich

Nach der Finanzbranche erobert die Blockchain nun Industrie- und Logistikkonzerne. Die Hoffnung: eine Welt ohne Papier.

Wer sich in den Messehallen umsieht, bekommt schnell einen Eindruck davon, wie wichtig Software-Entwicklung geworden ist. (Foto: dpa)

HannoverIntelligente Maschinen, die sich selbst steuern können. Roboter, die nach einem Computerprotokoll mit Menschen interagieren. Lieferketten, die sich selbst überwachen: Wer über die Hannover Messe geht, bekommt schnell einen Eindruck davon, wie wichtig Software-Entwicklung geworden ist - selbst in einer so handfesten Branche wie der Industrie.

Eine der wohl spannendsten Innovationen kommt dabei ursprünglich aus der Welt der Finanzen - die Blockchain. Jeder hat schon einmal von ihr gehört, doch kaum einer weiß, wie sie funktioniert. Und doch hat sie das Potenzial, die Welt zu verändern.

Während Digitalkonzerne wie Google und Amazon die Blockchain längst für sich entdeckt haben, ist die Technologie für viele Unternehmen noch ein Novum. Doch sie kann helfen, vernetzte Maschinen vor Hacker-Angriffen zu schützen, digitale Verträge verifizieren oder Lieferketten lückenlos überwachen, ohne dass auch nur ein Mensch ein Dokument lesen muss.

Das US-Marktforschungsinstitut International Data Corporation schätzt, dass Unternehmen 2018 für Blockchain-Lösungen rund 2,1 Milliarden US-Dollar ausgeben werden - bis 2021 soll sich der Betrag verfünffachen. Im Jahr 2027 könnten rund zehn Prozent des weltweiten Wirtschaftsaufkommens über eine Blockchain abgewickelt werden, so eine Berechnung des Weltwirtschaftsforums.

In der Finanzbranche sind die Folgen heute schon spürbar: Auf bis zu 20 Milliarden Euro taxiert das spanische Geldhaus Santander bis 2020 die Kostensenkungen für Banken, wenn sie grenzüberschreitende Zahlungen, den Wertpapierhandel und Compliance über die Blockchain abwickeln.

André Schweizer, Forscher am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT), vergleicht die Idee der Blockchain gerne mit der Internet-Enzyklopädie Wikipedia: „Beim Vorgänger Brockhaus gab es einen zentralen Verlag, der alle Informationen kontrollierte und auswertete. Bei Wikipedia erledigen diese Aufgabe jetzt Millionen Einzelpersonen auf der ganzen Welt.“

Die Sicherheit und Richtigkeit der Information wird in der Blockchain wie bei Wikipedia durch gegenseitige Kontrolle und Transparenz sichergestellt - und nicht durch eine einzelne Autorität. Bei Wikipedia sind das Menschen, bei der Blockchain sind es meist Computerprogramme.

Wie das in der Industrie aussehen kann, zeigt das Beispiel Xage Security. Das kalifornische Unternehmen präsentiert auf der Hannover Messe eine Software, die mittels einer Blockchain Netzwerke von automatisch kommunizierenden Maschinen schützen soll - ohne, dass ein Mensch eingreift.

Bei solchen „Internet of Things“-Anwendungen (IoT) gibt es meist viele Teilnehmer im Netzwerk: Nicht nur jede einzelne Maschine, sondern auch zahlreiche Sensoren senden dabei verschiedene Daten, die wiederum von den anderen Maschinen ausgewertet und überprüft werden müssen.

Ihre dezentrale Struktur mache die Blockchain für solche IoT-Anwendungen besonders interessant, sagt Fraunhofer-Mann Schweizer: „Man braucht mit der Blockchain keinen zentralen Server mehr, der alles steuert.“ Das erhöht die Ausfallsicherheit.


Lieferketten besser überwachen

Dieselbe Funktionsweise machen sich auch Start-ups zunutze, die mittels Blockchain eine Infrastruktur für sogenannte „Smart Contracts“ schaffen, digitale Verträge, die ohne Unterschrift, ohne Notar und ohne Rechtsanwälte auskommen.

Der Logistikriese Maersk arbeitet mit IBM derzeit selbst an einer Lösung, um Frachtpapiere und Kontrakte komplett auf Smart Contracts umzustellen. Die Technik soll den internationalen Schiffsverkehr schneller und effizienter machen. Wo heute Hafenarbeiter Millionen von Dokumenten zur Fracht ausstellen müssen, könnte künftig ein Mausklick reichen. Der Logistik-Softwarekonzern JDA, der Kunden wie Heineken, Infineon, DHL oder Coca-Cola betreut, forscht daher schon seit einiger Zeit an mehreren Blockchain-Projekten zur Überwachung von Lieferketten.

Hans-Georg Kaltenbrunner, Vizepräsident des Bereichs Industry Strategy for Manufacturing bei JDA, erklärt: „Derzeit werden Lieferketten in der Lebensmittelbranche in Deutschland vor allem manuell überwacht. Wären Lieferketten flächendeckend mit einer Blockchain abgesichert, wären Vorfälle wie das berüchtigte Pferdefleisch in der Fertig-Lasagne nicht mehr so einfach umzusetzen.“

Denn die Daten in der Blockchain lassen sich nicht fälschen. Erhöht sich die gelieferte Fleischmenge plötzlich, weil ein Zwischenhändler die Ware panscht, schlägt das System sofort Alarm - bei allen Teilnehmern der Lieferkette, vom Produzenten bis zum Händler.

Ähnlich könnten auch Lieferwege von Arzneimitteln überwacht werden, damit keine Fälschungen in den Handel geraten. So schätzt der Pharmakonzern Pfizer, dass rund zehn Prozent der in Europa verkauften Medikamente gefälscht sind. Auch das ließe sich mit der Blockchain verhindern.

Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) der Universität Potsdam warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen. Zwar haben die Forscher als potenzielle Blockchain-Gewinner unter anderem auch die Logistik und IoT-Anwendungen identifiziert. Ein Problem sei aber die noch fehlende Standardisierung. Denn schließlich müssten alle über die Blockchain verbundenen Maschinen dieselbe Sprache sprechen.

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