Hans-Werner Sinn Die Bringschuld der Ökonomen

Volkswirte haben eine wichtige gesellschaftliche und politische Funktion. Wie sollen sie ihre Arbeit verstehen, wie ihre Erkenntnisse kommunizieren? Ganz klar: als Sachwalter des Staates.

Hans-Werner Sinn. Quelle: Bernhard Haselbeck für WirtschaftsWoche

Mein wichtigster akademischer Lehrer hieß Herbert Timm. Timm war ein Finanzwissenschaftler an der Universität Münster, Keynesianer der ersten Stunde, Vorsitzender des finanzwissenschaftlichen Beirats, Theoretiker, Praktiker, Wehrmachtsoffizier, Kriegsverweigerer, gefühlter Sozialdemokrat. Die Ordoliberalen waren ihm suspekt, weil zu salbungsvoll, doch die mikroökonomische Allokationspolitik und die Verteilungstheorie waren fester Bestandteil seiner Lehre. Die Erdnähe, Politikrelevanz, theoretische Stringenz und Unbestechlichkeit seiner Analyse waren mir stets ein Vorbild. „Betreiben Sie keine Glasperlenspiele“ – so lautete das Motto, das er uns Studenten mitgab.

Der Volkswirt, wie Timm ihn verstand, arbeitet nicht in erster Linie als Philosoph, Mathematiker oder Ökonometriker, sondern als Sachwalter des Staates, ja des Volkes. Er soll dem Volk helfen, dafür erhält er ein aus Steuern bezahltes Gehalt. Herbert Giersch, langjähriger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sprach davon, dass Volkswirte eine „Bringschuld“ gegenüber der Öffentlichkeit haben.

Als ich in jungen Jahren an meinen Theorien bastelte, hatte ich häufig ein schlechtes Gewissen, wenn ich an Timm dachte. Ich hoffe aber, dass ich seinem Motto in den späteren Jahren meiner beruflichen Karriere etwas mehr gerecht geworden bin. Gleichwohl verteidige ich das Recht junger Ökonomen, eben doch erst einmal die Theorie zu studieren – weil sie besser mathematisch denken können und die Theorie später als Kompass benötigen.

Ein guter Volkswirt muss sich in seiner Karriere zunächst eine feste theoretische Basis erarbeiten, bevor er sich an die institutionelle Wirklichkeit und die Zahlen herantraut, die häufig einem Dschungel gleichen, in dem man sich ohne den Kompass leicht verirrt. Ökonomische Fragen, insbesondere solche, die im Zusammenhang mit neuen, wichtigen Ereignissen auftauchen, betreffen oft Wirkungszusammenhänge, die im Nebel liegen. Irgendetwas passiert, man hat Indizien und Begleitumstände des Geschehens, aber man bringt die Puzzleteile nicht zusammen.

Daten gibt es in der Regel nicht, weil Datensätze meistens im Hinblick auf konkrete Fragen erstellt werden, doch nicht im Vorfeld für Ereignisse, von denen man gar nicht weiß, dass sie auftreten können. Und selbst wenn empirisch forschenden Wissenschaftlern später Daten zur Verfügung stehen, erkennt man in ihnen nichts, wenn man nicht mit einer Theorie im Kopf nach Mustern zu suchen vermag.

Die großen Themen der WirtschaftsWoche
20er Jahre: Inflation und KonsumKrieg kostet Geld. Großer Krieg kostet großes Geld. So könnte man die Hyperinflation begründen, die Deutschland von 1918 bis 1923 ereilte – als Folge des Ersten Weltkrieges. Auf dem Höhepunkt wurde 1923 die Rentenmark geschaffen, 1924 die Reichsmark. Es folgten die Goldenen Zwanziger mit viel Konsum, Musik – und der Gründung der WiWo-Mutter „Der deutsche Volkswirt“ 1926. Quelle: Fotolia
30er: DeflationNew York, Donnerstag der 24. Oktober 1929: Nach Jahren der immer steigenden Kurse, kommt es an der Wall Street zu Panik. Investoren fürchten eine Blase. Am 29. Oktober, vier Handelstage später, versuchen alle gleichzeitig, ihre Aktien abzustoßen. Die Wall Street steht still. Der schwarze Dienstag markiert bis heute den Beginn der Great Depression – der ersten Weltwirtschaftskrise. Quelle: Fotolia
40er: Bretton WoodsAm 1. Juli 1944 treffen sich in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire die Vertreter von 44 Nationen, um eine umfassende Neuordnung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zu planen. Man will sich vor Abwertungswettläufen schützen und Protektionismus reduzieren – und beschließt so den globalen Gold-Devisen-Standard, gründet die Weltbank und auch den IWF. Quelle: dpa
50er: WirtschaftswunderNach dem Zweiten Weltkrieg, begünstigt durch die Aufbauphase, eine expansive Geldpolitik in den USA, eine ordoliberale Wirtschaftspolitik in Deutschland und natürlich den Marshallplan, erlebt West-Deutschland seine Renaissance: Die Einkommen steigen, die Investitionen auch. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt. 1955 herrscht Vollbeschäftigung – ein Grund für den Babyboom. Quelle: AP
Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (2.v.l.) Quelle: dpa
70er: StagflationErste Belastungsprobe für Nachkriegsdeutschland: Die Inflationsrate steigt, ebenso die Schulden. Das Wirtschaftswunder endet mit gesättigter Nachfrage, steigenden Arbeitslosenzahlen und sinkenden Einkommen. 1973 herrscht die Ölpreiskrise. 1975 sinkt das Inlandsprodukt. Steigende Preise bei hoher Arbeitslosigkeit und stagnierendem Wachstum wird seither Stagflation genannt. (Das Archivbild zeigt eine Wanderung auf einer autofreien Autobahn im Dezember 1973. Die Sonntagsfahrverbote wurden wegen der anhaltenden Ölkrise angeordnet). Quelle: dpa
80er: UmweltbewegungNach der Friedensbewegung in den Siebzigern formiert sich ab 1980 eine politische Umwelt- und Sozialbewegung: Die Grünen treten an, Wirtschaft und Gesellschaft aufzumischen. Zwar verpasst man 1980 den Einzug in den Bundestag, erobert aber die Landtage von Hamburg, Hessen und Niedersachsen. 1983 entsendet die Partei dann erstmals Abgeordnete ins Bonner Parlament. Quelle: Fotolia
90er Jahre: DeregulierungNach der Wende wird aufgeräumt: Bundespost und später Telekom werden teilweise verkauft, das Fernmeldemonopol aufgehoben, öffentliche Unternehmen privatisiert, der Finanzmarkt neu geregelt: Das Trennbankensystem wird aufgelöst, zahlreiche Gesetze entschärft. Es entsteht mehr Wettbewerb – aber es gibt auch Exzesse, die heute als Ursache für die Weltfinanzkrise 2008 gelten. Quelle: dpa
00er: GlobalisierungNachdem die Märkte weitgehend dereguliert und harmonisiert sind, gibt es in der deutschen Wirtschaft nun ein großes Interesse, Geschäft über Grenzen und Handelsräume hinweg zu machen. 2002 wird der Euro eingeführt, mithilfe des Internets können Geschäfte überall auf der Welt getätigt werden. Die Handelsbilanz wächst stetig an. Deutschland wird zum Exportweltmeister. Quelle: Fotolia

Echte volkswirtschaftliche Forschung ist Detektivarbeit. Man entwickelt Hypothesen, verwirft sie und tastet sich allmählich an das Geschehen heran, bis man es verstanden hat und in der Lage ist, seine Erkenntnisse anderen widerspruchsfrei mitzuteilen. Schafft man das nicht, hat man den Sachverhalt meist selbst noch nicht richtig verstanden. Erst wenn Ökonomen einen Sachverhalt durchdrungen und die Wirkungszusammenhänge entschlüsselt haben, sollten sie Politikempfehlungen abgeben. Der Volkswirt soll sich öffentlich äußern, aber seine Meinung ist unnütz, wenn er zu dem jeweiligen Phänomen nicht geforscht oder gelehrt hat.

In diesem Fall äußert er sich bestenfalls als Staatsbürger, so wie es jeder andere auch könnte. Wer sich zu vielen Themen öffentlich äußert, sollte auch über viele Themen in seinem akademischen Leben geforscht oder zumindest gelehrt haben. Eine Handvoll Publikationen in Fachjournalen allein ist noch kein Nachweis für einen verantwortlichen Umgang mit dem Vertrauen, das ihm die Öffentlichkeit entgegenbringt.

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