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Hans-Werner Sinn Die Bringschuld der Ökonomen

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Unterscheidung zwischen Mitteln und Zielen der Politik

Die Volkswirte, die im 19. Jahrhundert Bismarcks Sozialreformen vorbereiteten, nannte man Kathedersozialisten, weil sie sich einmischten, um Deutschland mit vorauseilenden Sozialreformen vor der befürchteten Revolution zu schützen. Max Weber hatte recht, als er sie wegen ihrer eigenmächtigen Werturteile kritisierte. Indes teilte er die Auffassung, dass die Theorie sich mit Fragen von gesellschaftlicher Relevanz beschäftigen soll.

Webers Unterscheidung zwischen Mitteln und Zielen der Politik ist noch heute essenziell für die Arbeitsweise des Faches. Die Politik gibt die Ziele vor, doch der Volkswirt diskutiert die Mittel, mit denen er sie erreichen kann, ohne sie selbst einer moralischen Bewertung zu unterwerfen.

Wenn Politiker, Journalisten und Wissenschaftler bereits die Mittel moralisierend diskutieren (insofern also gesinnungsethisch argumentieren), haben sie meistes keine Ahnung vom Sachverhalt. Es gibt aber auch das andere Extrem: Wenn Forscher gar keine Politikempfehlung von sich geben, weil sie sich allein der Erkenntnis verschrieben haben oder ihre Ergebnisse politisch irrelevant sind, müssen sie sich fragen, wofür sie der Steuerzahler eigentlich bezahlt.

Die Volkswirtschaftslehre ist kein leichtes Fach. Die Wirkungsketten sind komplex. Analytische Fehler findet man zuhauf. Es gibt viele schlechte Volkswirte auf der Welt, aber auch viele gute (und natürlich solche, die sich selbst für gut halten). Die Leistung des Fachs besteht darin, dass sich Volkswirte nach einer hinreichend langen Diskussion mit anfangs unterschiedlichen Meinungen am Ende häufig einigen können. Es gibt in unserem Fach so etwas wie objektiv richtige und falsche Argumente.

WiWo-Titel aus neun Jahrzehnten
Neun Jahrzehnte WirtschaftsWoche90 Jahre Magazingeschichte mit vielen Gesichter und einem Thema: Wirtschaft.
1926So viel hat sich gar nicht geändert, wenn es um die Inhalte geht. "Die mexikanische Schuldenregelung" könnte heute die "griechische" sein. Und Joseph Schumpeters "Steuerkraft und nationale Zukunft" hat in seinen Grundzügen seit der ersten Ausgabe des "Der deutsche Volkswirt", dem Vorläufer der WirtschaftsWoche, am 1. Oktober 1926 nicht an Relevanz verloren. Die Nachrichten von den Börsen wünschten sich hingegen derzeit wohl Thyssen und Co. wieder zurück: "Die Montanhausse". Optisch ist in den vergangenen 90 Jahren natürlich viel passiert.
1963"Ich bin ein Volkswirt". Das hätte Kennedy im Juni 1963 vor dem Brandenburger Tor ruhig sagen dürfen. Auch wenn das kaum der dringlichste Wunsch der Autoren der Titelgeschichte gewesen sein dürfte, die wenige Tage vor Kennedys Besuch in Berlin und seinem historischen Spruch erschien. Die großen Ereignisse der Politik, die die Wirtschaft berühren, begleitete "Der Volkswirt" mit einem reduzierten Auftritt, der lediglich durch den historischen Schriftzug auf seine damals schon 37 Jahre alte Geschichte verwies.
19681968 zeigt sich der Volkswirt in einem neuen Kleid. Dessen Elemente wirken bis in die heutige Zeit vertraut und zeitgemäß. Das Rot als Markenfarbe hat seinen Auftritt, die vier Anreißerthemen ebenso. Was aus heutiger Sicht überrascht, ist eher, dass es lange vor der Einführung des Privatfernsehens Probleme gab, im Fernsehen werben zu können. Der Produktmix aus Zigaretten, Weinbrand und Sekt wäre heute so wohl kaum möglich.
1969Die Misere der Sechs, der Sieben, der Acht, der... 28 müsste es heute heißen. Doch 1969 als die Mondlandung möglich, eine Europäische Union des heutigen Zuschnitts jedoch noch utopisch war, war es zunächst die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die die Autoren der Titelstory beschäftigten. Ende der 60er war es übrigens ebenfalls noch möglich, Kernobst zu zeigen, ohne an Apple zu denken.
1977Von der anfänglichen gestalterischen Ruhe machte die WirtschaftsWoche in den 70ern dem Zeitgeist entsprechend ein wenig Pause. Stattdessen: knallige Grafik, drastische Zeilen, schief laufende Anreißer-Zeile für maximalen Effekt.
199335-Stunden-Woche? Lachhaft. 28! War jedenfalls mal eine Idee. 1993. Telefongebühren waren auch damals schon ohne Roaming "Der große Klau" und obacht rechts unten: "Ein Jahr Piëch - Dichtung und Wahrheit". Der VW-Grande ist eben ein steter Geschichtenlieferant.

Wenn Volkswirte in der Öffentlichkeit den Eindruck einer Kakofonie erwecken (oder dieser Eindruck gezielt von Kritikern geschürt wird), liegt das meist nicht an Meinungsverschiedenheiten über konkrete Argumente und Wirkungsketten, sondern an Unterschieden in der Gewichtung derselben, die naturgemäß subjektiven Charakter hat.

Die Zeitschrift „Der Volkswirt“ und die aus ihm hervorgegangene WirtschaftsWoche waren in all den Jahren ein Forum, das uns Volkswirten für die Präsentation politikrelevanter Forschungsergebnisse offenstand. Hier konnten (und können) wir mit unserem theoretischen Hintergrundwissen Politikmaßnahmen kommentieren. Das hat uns Wirtschaftswissenschaftlern geholfen, bloße ökonomische Glasperlenspiele zu vermeiden – und unserer gesellschaftlichen Aufgabe gerecht zu werden.

Dieser Beitrag stammt aus der Jubiläumsausgabe der WirtschaftsWoche. Digitalpass-Kunden lesen das E-Magazin kostenlos. Alle Abo-Varianten finden Sie auf unserer Info-Seite.

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