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Hickhack um Griechenland So warnen die Märkte vor dem Grexit

Die Verhandlungen über die zukünftige Finanzierung Griechenlands stocken, ein Zahlungsausfall des Landes wird wahrscheinlicher. Anleger sind nervös, wie einige Daten deutlich zeigen. Ein Streifzug durch zittrige Märkte.

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Die Märkte schlagen Alarm: Wir hoch ist die Ansteckungsgefahr für europäische Märkte, falls es zu einem Grexit kommt? Diese Warnsignale gibt es. Quelle: Getty Images

Düsseldorf/ Frankfurt Es gibt, sie die Experten die cool bleiben. Bei der renommierten Frankfurter Privatbank Metzler gehört Frank Naab zu diesem Lager. Der Leister des Portfolio-Managements für die wohlhabenden Kunden des Hauses, schaut gelassen einem möglichen „Grexit“ entgegen. Beim Aussscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone seien „weder eine Destabilisierung des europäischen Finanzsystems, noch nachhaltige Verwerfungen bei südeuropäischen Staatsanleihen zu erwarten“, so Naab. Doch ganz so sicher sind sich viele Marktteilnehmer nicht, wie ein Blick auf verschiedene Segmente deutlich macht.

Bundesanleihen

Die Rentenmärkte sind in unruhiges Fahrwasser geraten. Griechenland ist in den Fokus gerückt und hat die Flucht der Investoren in Anleihen, die als relativ ausfallsicher gelten, in den vergangenen Tagen erneut angefacht. So sind vor allem deutsche Bundesanleihen wieder gefragter, und ihre Kurse sind in den vergangene Tagen deutlich gestiegen. Entsprechend sind die Renditen wieder abgesackt.

Die Rendite der besonders im Fokus stehenden zehnjährigen Bundesanleihe liegt inzwischen wieder bei nur noch rund 0,8 Prozent, nachdem sie vor einer Woche noch an der Ein-Prozent-Marke geknackt hatte. „Deutsche Anleihen profitieren von der steigenden Unsicherheit über das Schicksal Griechenlands“, meint dazu Alessandro Bee, Volkswirt bei der Bank J. Safra Sarasin. Eine Trendwende hin wieder zu deutlich fallenden Renditen, erwartet Bee aber nicht. Zur Erinnerung: Vor zwei Monaten lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fast an der Null-Prozent-Grenze, bevor ein Ausverkauf einsetzte und die Rendite wieder hoch trieb.“ Der Finanzmarkt hat sich in den letzten Monaten an den Gedanken gewöhnt, dass Griechenland vor dem Bankrott steht“, sagt Bee. Träte dieser  dieser tatsächlich ein, dürfte die Unsicherheit nur von kurzer Dauer sein und auch die Bundesanleihen nicht nachhaltig unterstützen.

Griechische Anleihen

Griechische Anleihen stehen schon lange wieder unter Druck. Im April stieg die Rendite der zehnjährigen Anleihe mit 12,8 Prozent auf den höchsten Stand seit Ende des Jahres 2012. Inzwischen ist die Rendite wieder auf 12,4 Prozent gefallen, aber das ist natürlich immer noch extrem hoch. Der Kurs dieser Anleihe, ist auf etwa die Hälfte des theoretischen Rückzahlungswerts von 100 Prozent gefallen. Das signalisiert eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit.

Wenn die EZB die griechischen Banken nicht mehr mit ELA-Notkrediten versorgt, wäre ein faktischer Grexit unausweichlich. Griechenland bliebe zwar offizielles Mitglied des Euro-Raums, müsste aber Geld in einer eigenen Währung ausgeben, um seine Banken zu rekapitalisieren. Dabei ist Griechenland nach Ansicht von Daniel Lenz, Analyst bei der DZ Bank auf einen Grexit nicht vorbereitet: „Dieser könnte sich somit als ein vor allem für Griechenland in jeglicher Hinsicht riskantes Experiment erweisen.“

Spätestens wenn die Europäische Zentralbank die Versorgung der griechischen Banken mit Notkrediten stoppe, müssten laut Lenz Kapitalverkehrskontrollen eingeführt und Banken einstweilen geschlossen werden. Bevor die Regierung einen Plan ausarbeiten könnte, dürfte die Bevölkerung in Griechenland in große in große Sorge geraten. Aus Furcht vor einer  Versorgungsknappheit, die sich im Hinblick auf einen Mangel an Devisen einstellen könnte, wären Panikkäufe bei Lebensmitteln. Wahrscheinlich, meint Lenz. Sogar die öffentliche Ordnung könnte in Gefahr geraten.

Großinvestoren parken Bares

Die Sorge um den Pleite-Staat treibt internationale Großinvestoren aus Risiko-Anlagen: Fondsmanager stoßen Aktien ab und parken das Kapital. Noch mehr Anleihen aufzubauen sind keine Alternative, Zinspapiere halten sie nach wie vor für zu teuer. Das ergibt die wichtigste monatliche Umfrage unter Großinvestoren der US-Großbank Bank of America Merrill Lynch unter 207 internationalen Fondsmanagern, die insgesamt 562 Milliarden Dollar Vermögen verwalten.

Die Fondsprofis haben Aktien verkauft und den Anteil Bargeld in ihren Fonds erhöht. Die Liquiditätsquote ist um knapp ein Zehntel auf 4,9 Prozent gestiegen, das ist der höchste Anteil seit sechs Monaten. Der Anteil der Fondsmanager, die Aktien gegenüber Börsenvergleichsindizes noch übergewichten, ist nach den jüngsten Aktienverkäufen auf ein Acht-Monatstief gesunken. Noch netto 38 Prozent der Fondsmanager gewichten Aktien über. Das sind 38 Prozent mehr Profis, die Aktien höher gewichten als diejenigen, die weniger stark auf Dividendentitel setzen.

Der Grund sind extreme Befürchtungen zur Zukunft Griechenlands: Die Mehrheit der Fondsprofis rechnet mit einem negativen  Ausgang des Schulden-Pokers. 42 Prozent der Vermögensverwalter meinen, dass das schuldengebeutelte Land zahlungsunfähig wird. 15 Prozent rechnen damit, dass das Land die Euro-Zone verlassen wird.


Wie ansteckend wäre der Grexit?

Panik an der griechischen Börse

Nach einem kurzen Hoch am 11. Juni – bedingt durch eine vermeintliche Positiv-Meldung zum Schuldenstreit – fallen die Indizes seitdem steil ab: Der griechische Leitindex Athex hat innerhalb der vergangenen sechs Tage mehr als 100 Punkte verloren und liegt momentan bei einem Kurs von 710 Zählern. Zuvor ging der Athex nach oben – es gab Gerüchte einer Einigung, die kurz darauf von Bundeskanzlerin Angela Merkel und anderen Griechenland-Verantwortlichen dementiert wurden.

Von da an gab es einen Stimmungswechsel: Neben dem niedrigen Leitindex, ging auch der Bankenindex regelrecht auf Talfahrt. Aktuell kursiert er bei 518 Punkten. Kein Wunder, die vier größten Banken Griechenlands starteten sehr schlecht in die Woche: die Alpha Bank mit einem Minus von acht Prozent, die Eurobank Ergasias mit 13 Prozent Tiefgang sowie die Piräus mit fallenden 16 Prozent.

Nationalbank wird zum Penny-Stock

Die National Bank of Greece trifft es momentan am härtesten: Weil die Papiere Anfang der Woche 15,2 Prozent auf 0,89 Euro nachgegeben haben, ist die Bank zu einem Penny-Stock verkommen. Das passiert, wenn der Wert unter die Ein-Euro-Marke fällt. Die US-Ratingagentur Standard & Poor's hatte die Kreditwürdigkeit der Nationalbank bereits am Wochenende auf „CCC“ gesenkt. Das ist die letzte Stufe vor der Pleite. Standard & Poor's hat jetzt auch die Kreditwürdigkeit Griechenlands auf „CCC“ herabgesetzt.

Elke König, Direktorin der neuen EU-Abwicklungsbehörde für Banken befürchtet, dass mit dem Grexit auch eine griechische Bankenpleite einher ginge. Noch seien die Banken zwar solvent, doch das „könnte sich ändern, wenn der Staat zahlungsunfähig wird“, sagte König dem Handelsblatt. Über den griechischen Instituten hänge ein „gefährliches Damoklesschwert“. Denn: Das Eigenkapital der Banken besteht vermehrt aus steuerlichen Verlustvorträgen. „Wenn der griechische Staat insolvent wird, dann werden diese 'deferred tax assets' vermutlich wertlos“, sagte König.

Die Ansteckungsgefahr

„Die Ängste vor einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone wachsen“, konstatiert Janet Henry, Volkswirtin bei HSBC in London. Sie fürchtet vor allem dann eine Ansteckungsgefahr, wenn die Geldgeber am Donnerstag die Reformvorschläge der griechischen Regierung erneut  für nicht glaubwürdig halten, und die griechische Regierung die geforderten Reformen als Demütigung abtut. Auch die Analysten von Barclays rechnen mit  kurzfristig weiter steigende Risikoprämien, wenn die Sorgen um Griechenland weiter eskalieren.

Dabei sind die Anleihen gerade der Euro-Südländer Spanien und Italien zuletzt unter Druck geraten, und ihre Renditen stiegen. Sie liegen zwar für zehnjährige Papier mit Renidten von um die 2,25 Prozent noch meilenweit entfernt von den 12,3 Prozent, die Anleger für zehnjährige griechische Anleihen fordern. Aber:  Die auch Risikoprämien oder Spreads genannten Renditeabstände zu Bundesanleihen sind deutlich  gestiegen und signalisieren damit zumindest einen kleinen Dominoeffekt. In Spanien und Italien  liegen die Risikoprämine für zehnjährige Anleihen bei knapp 1,5 Prozentpunkten und damit so hoch wie zuletzt vor knapp einem Jahr.

Und genau das dürfte so weiter gehen: Die UBS warnt sogar vor einem „Ausverkauf“ an den Märkten, wenn es tatsächlich zum Grexit kommt. Die Experten der Bank erwarten zwar einen Kompromiss in letzter Minute, aber die Grexit-Risiken sind auch nach Ansicht der Schweizer Großbank gestiegen. Die Märkte würden dieses Risiko aber noch nicht ausreichend widerspiegeln, von daher seien Kursverluste vorprogrammiert. Noch stärker als Anleihen würden diese aber wohl voraussichtlich die Aktienmärkte der Euro-Randländer treffen. Der Grund: Anders als die Anleihen der Euro-Länder gibt es für die Aktien keine Unterstützung durch Käufe der Europäischen Zentralbank. Die EZB kauft seit Mitte März monatlich Anleihen über 60 Milliarden Euro, der Löwenanteil davon entfällt auf Staatsanleihen.

Mittelfristig sehen Experten die Lage deshalb gelassen und erwarten wieder eine Beruhigung der Märkte. „Kurzfristig dürften die Peripheriemärkte unruhig handeln, und die Risikoaufschläge gegenüber Bundesanleihen dürften volatil bleiben“, heißt es bei der Commerzbank. In der zweiten Jahreshälfte wird sich die Nervosität nach Ansicht der Commerzbanker aber legen und durch das stetige Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) dürften die Risikoprämien wieder fallen.

Votalität und die Angst

Fallen die Kurse an den Aktienmärkten, steigt fast immer ein anderer Index, der VDax new. Der auch Angstbarometer der Märkte bezeichnete Index  misst die sogenannte implizite Volatilität, also die zu erwartende Dax-Schwankungsbreite in den kommenden 30 Tagen. Dieser Index wird anhand der Dax-Optionen berechnet, die am Terminmarkt gehandelt werden. Und bildet somit die Erwartungen der Profi-Händler ab.


400 Millionen Euro abgehoben – an einem Tag

Derzeit liegt notiert dieser VDax bei rund 27,5 Prozent und damit nahe am Vier-Monats-Hoch. Bei einem Dax von rund 11.000 Zählern erwarten die Terminmarkt-Händler eine Handelsspanne zwischen 11.788 Punkten auf der Ober- und 10.212 auf der Unterseite. Der Blick in die Historie zeigt:  Der VDax ist von einem Extremwert aber noch weit entfernt. Ende Januar dieses Jahres, als in Griechenland die Linkspartei Syriza die Wahl gewann, lag das Angstbarometer mit einem Wert von 30 höher. Seinen bislang höchsten Wert markierte der VDax während der Finanzkrise 2008. Damals erreichte der Index einen Wert von 80.

Anleger stoßen Risikopapiere ab

Dazu passt: Investoren wollen auch andere Papieren mit Verlustrisiken los werden. Aus Fonds mit US-Junk-Bonds, also Anleihen von US-Firmen mit geringer Bonität, zogen Anleger in der ersten Juni-Woche  2,6 Milliarden Dollar aus US-Junk-Bond-Fonds ab. Das ist so viel  wie zuletzt Mitte Dezember. Das stellt die US-Analysefirma EPFR Global fest. Zuvor waren die Kurse dieser Anleihen deutlich gestiegen. Investoren sicherten sich also Gewinne.

Die Cash-Flut

Griechenland hebt ab – und zwar Bargeld. Allein am Montag haben die Banken laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters einen Geldabfluss von 400 Millionen Euro verzeichnet. Aus diesem Grund will EZB-Chef Mario Draghi die griechischen Geldinstitute weiterhin finanziell unterstützen – solange diese solvent sind und über genug Sicherheiten verfügen. Inzwischen hat die EZB Griechenland rund 118 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Zu einem möglichen Grexit sagte Draghi: „Wir haben alle Werkzeuge zur Hand, um die Situation bestmöglich zu managen.“ Die wirtschaftliche Lage des Landes sei dramatisch, es dürfe aber keine monetäre Staatsfinanzierung betrieben werden. Er nehme die Regierung in Athen beim Wort, dass sie ihre Zahlungsverpflichtungen vollständig und rechtzeitig leisten werde.

Die Flucht ins Baugeld

Für Häuslebauer sind die jüngst wieder gesunkenen Renditen der Bundesanleihen eine gute Nachricht. Denn der bekannte Zusammenhang, dass sinkende Anleiherenditen nachgebende Baugeldzinsen zur Folge haben, bleibt bestehen. „Es ist davon auszugehen, dass auch die Baufinanzierungszinsen nachziehen werden“, sagt Stephan Gawarecki, Vorstandssprecher des Baufinanzierungsvermittlers Dr. Klein. Allerdings nicht bei jedem Institut sofort. Einige Banken reagierten täglich auf den Anleihemarkt, andere böten sogenannte Tableau-Konditionen, die in längeren Intervallen angepasst würden, erläutert der Experte.

Sollte es zum Grexit kommen, sind für Gawarecki zwei Szenarien vorstellbar: Im ersten werden deutsche Staatsanleihen erst recht als sicherer Hafen wahrgenommen, so dass die Renditen weiter zurückgehen, was nochmals sinkende Hypothekenzinsen mit sich bringen würde. Das zweite, für Immobilienfinanzierer sehr viel unangenehmere Szenario, sieht so aus: Die Angst vor dem Zerfall der Euro-Zone wächst. Gleichzeitig nehmen die Zweifel an der Rückzahlungssicherheit von Staatsanleihen zu, so dass eine Flucht großer Investoren aus Staatsanleihen einsetzt. Das würde die Anleiherenditen und mit ihnen die Baugeldzinsen hochtreiben.

Gegen dieses Risiko können sich Anleger durch Forward-Darlehen versichern. Sie werden typischerweise zur Anschlussfinanzierung eingesetzt. Der Bankkunde sichert sich das aktuelle Zinsniveau zu einem späteren Zeitpunkt. Als Versicherungsprämie zahlt er einen Aufschlag auf den aktuellen Zins, der zurzeit zwischen 0,02 und 0,03 Prozent pro Monat beträgt. Wer im Dezember Baugeld braucht, kann Forward-Aufschläge umgehen. Denn inzwischen sei es Standard der Banken, erst nach sechs Monaten Bereitstellungszinsen zu verlangen. Manche Banken bieten noch längere Zeiträume. Bereitstellungszinsen erheben Banken für Darlehen, die nicht innerhalb des vereinbarten Zeitraums abgerufen werden.

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