Hochwasser nach Starkregen Wenn die Versicherung nicht zahlt

Bei einem vollgelaufenen Keller hilft die gewöhnliche Wohngebäudeversicherung nicht. Zusätzlich muss eine Elementarversicherung abgeschlossen werden. Doch das machen nur etwa ein Drittel der deutschen Hausbesitzer.

Vollgelaufener Keller? Die gewöhnliche Wohngebäudeversicherung hilft hier nicht. Quelle: dpa


Es ist mittlerweile leider schon fast traurige Tradition. Im vergangenen Jahr überflutetet ein kleiner Bach den niederbayerischen Ort Simbach am Inn den kompletten Ortskern, nun erlangt die bislang überregional ebenfalls kaum bekannte Holtemme in Niedersachsen eine Berühmtheit, auf die die Anwohner gerne verzichten würden. Die höchste Warnstufe 4 wurde dort ausgerufen. Und die Kreisstadt Hildesheim südlich von Hannover bereitet sich schon auf die Evakuierung vor.

Stark- und Dauerregen, heftige Gewitter und Überschwemmungen gehören mittlerweile in Deutschland zum Sommer. Die Frage ist lediglich, welche Region es trifft. Und welchen Namen die Meteorologen sich nebenher für die jeweiligen Tiefs ausdenken. Rasmus und Paul hießen sie vor zwei Wochen, diesmal hört die Schlechtwetterfront auf den Namen Alfred. Gemeinsam ist beiden, dass es jedes Mal tendenziell eher den Norden des Landes traf.

„Extreme Wetterlagen mit Sturm, Hagel und stärksten Regenfällen sind auch in Deutschland nichts Ungewöhnliches“, beobachtet Bernhard Gause, Mitglied der Geschäftsführung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Sie könnten jederzeit in jedem Landstrich auftreten und hohe Schäden anrichten. Das böse Erwachen kommt vielen betroffenen Hausbesitzern erst hinterher. Nämlich dann, wenn sie merken, dass sie gegen Sturzfluten gar nicht versichert sind. Dafür braucht es innerhalb der Wohngebäudeversicherung den Zusatzbaustein der erweiterten Naturgefahrenversicherung. Erst dann werden Überschwemmungsschäden an Häusern und Hausrat von der Versicherung ersetzt. Andere Worte dafür lauten Elementarversicherung oder Elementarschadenversicherung.

Diese Versicherungen helfen bei Regen und Sturm
Wenn sich ein heftiges Gewitter zusammenbraut, hat der Glück, der versichert ist. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat einige Tipps im Umgang mit Naturgewalten veröffentlicht. Grundsätzlich gilt: Für Sturmschäden haften Gebäude-, Hausrat- und Kaskoversicherungen. Wer sie in Anspruch nehmen möchte, sollte jedoch auf die Beaufort-Skala schauen. Die Versicherungen übernehmen die Schäden nur für Regionen, in denen das Unwetter mit einer Windstärke von acht Beaufort wütet - also mit einer Windgeschwindigkeit von 61 Stundenkilometern pro Stunde. Praktisch: Hat der Sturm Ziegel und Dachpappe mitgehen lassen, muss man den Schaden nicht einzeln nachweisen. Die Versicherungen lassen eine offizielle Sturmwarnung gelten oder wenn die Häuser in der Nachbarschaft ebenfalls beschädigt sind. Wichtig ist, dass der Schaden der Versicherung sofort gemeldet werde, warnen die Verbraucherschützer. Und: Kaputte Gegenstände sollten erst nach der Rücksprache mit der Versicherungsgesellschaft entfernt werden, sonst könnte das die Feststellung des Schadens behindern. Quelle: Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Quelle: dpa
Für den Hausrat haftet die Versicherung nur, wenn er während der Böen in einem Gebäude untergebracht war. Ausnahme bilden Antennen und Markisen, die einem Mieter gehören und ausschließlich durch diesen genutzt werden. Manche Hausratspolicen enthalten sogar Zusatzklauseln, die den Verderb von gefrorenen Lebensmitteln abdecken. Quelle: dpa
Hat der Sturm Dachziegel auf ein parkendes Auto geschleudert, muss die Teilkasko des Autohalters zahlen. Wichtig: Versichert ist der Wert des Autos zum Zeitpunkt der Schadensmeldung, nicht sein Neuwert. Oft hat der Versicherte außerdem eine Selbstbeteiligung zu leisten, die von der Entschädigungssumme abgezogen wird. Quelle: AP
Wenn ein Auto auf einen umgestürzten Baum fährt, haftet die Vollkaskoversicherung. Ist Baum nachweislich morsch, umgestürzt und hat das Haus oder Auto beschädigt, muss der Baumbesitzer oder seine Haftpflichtversicherung für den Schaden aufkommen. Ist ein gesunder Baum umgefallen, gilt dies als „höhere Gewalt”, und der Eigentümer haftet nicht für den Schaden. Quelle: dpa
Wenn durch das Unwetter Keller überflutet und Wände und Inventar beschädigt worden sind, dann ist es besser, wenn man eine „Elementarschaden-Versicherung” abgeschlossen hat. Gebäudeversicherungen haften nicht für Schäden durch eindringendes Wasser. Quelle: dpa
Schäden durch Überschwemmungen sind bei der Kfz-Teilkasko mitversichert. Hier gibt es keine Schadensfreiheitsrabatte, Fahrzeughalter brauchen also keine Rückstufung zu befürchten. Auch hier gilt: Bei einer Selbstbeteiligung wird der vereinbarte Betrag von der Entschädigungssumme abgezogen. Ob Kindersitze, Warndreieck und Verbandskasten ebenfalls versichert sind, hängt von der Versicherungsfirma ab. Quelle: dpa
Ist der Blitz direkt in ein Haus eingeschlagen, kommt der Gebäudeversicherer für die Schäden am Haus auf. Was durch die Überspannung kaputt geht, ersetzt die Versicherung nur, wenn der Blitz direkt in das versicherte Grundstück oder Gebäude eingeschlagen ist. Sonstige Schäden durch Überspannung, Überstrom oder Kurzschluss sind nur dann über die Gebäudeversicherung abgedeckt, wenn eine Überspannungsklausel vereinbart wurde. Das gilt auch für die Hausratversicherung. Quelle: dpa

Damit wird zwar die Wohngebäudeversicherung grundsätzlich teurer. Weil die Schäden bei Überflutungen indes oft in den fünf- oder gar sechsstelligen Bereich gehen können, ist das in der Regel eine sinnvolle Absicherung. Gerade im Hinblick darauf, dass die Zahl der Wetterkapriolen in den vergangenen Jahren auch in Deutschland rapide zugenommen hat. Die reinen Zahlen zeigen indes noch eine erhebliche Unterversorgung. So sind in Deutschland zwar 85 Prozent der Wohngebäude gegen Sturm und Hagel versichert, allerdings nur 35 Prozent, wenn der Keller vollläuft, heißt es von den Wetterexperten der Munich Re.

Nach den heftigen Regenfällen Ende Juni und Anfang Juli haben die deutschen Versicherer insgesamt 600 Millionen Euro an ihre Kunden überwiesen. Diesmal könnte die Zahl sogar noch übertroffen werden. Eine genaue Prognose ist indes schwierig, hält der Dauerregen in vielen Regionen Deutschlands wohl noch mindestens bis Donnerstag an. Vielerorts steigen deshalb im Moment die Pegel, ohne dass bisher schon Konsequenzen zu erkennen sind.

Das waren die teuersten Stürme Europas
Bei dem Hundewetter wollen noch nicht einmal die Vierbeiner vor die Tür. Das Orkantief Christian leitete gestern die Sturmsaison ein. Entwurzelte Bäume, zerstörte Autos, verspätete Züge und spektakuläre Landeversuche von Linienflugzeugen prägten gestern das Bild und nagten an den Nerven von Pendlern. Auch wenn sich die genauen Kosten noch nicht beziffern lassen gilt schon jetzt als sicher: Der gestrige Sturm war im Vergleich zu anderen Orkanen noch vergleichsweise harmlos. Quelle: dpa
Das Sturmtief Jeanett raste vom 26. bis zum 30. Oktober 2002 über Europa. Extreme Temperaturunterschiede über dem Nordatlantik verwandelten das Tiefdruckgebiet in einer der verheerendsten Stürme, die Europa in der letzten Zeit trafen. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 183 km/h, gemessen am Fichtelberg im Erzgebirge, forderte Jeanett 37 Menschenleben. Die Münchener Rück errechnete einen Gesamtschaden in Höhe von 2,7 Milliarden Euro. Davon versichert waren knapp zwei Milliarden Euro. Quelle: dpa
Vom 7. bis zum 9. Januar 2005 sorgte Orkan Erwin für Schäden in Höhe von 4,5 Milliarden Euro, wovon zwei Milliarden Euro versichert waren. Mit Geschwindigkeiten von bis zu 145 km/h fegte Erwin über Nordeuropa. Die größten Schäden verursachte er in Schweden, wo in einer Nacht circa 160.000 Hektar Waldfläche zerstört wurden – das entspricht in etwa 300.000 Fußballfeldern. Sturmtief Erwin fielen 18 Menschen zum Opfer. Quelle: dpa
Das Sturmtief Xynthia erreichte vom 26. bis zum 28. Februar 2010 Windgeschwindigkeiten jenseits der 200 km/h. In den Pyrenäen wurden Geschwindigkeiten bis zu 238 km/h gemessen. In Deutschland raste der Sturm mit bis zu 180 km/h über den Brocken. Insgesamt belief sich der Schaden, den Xynthia in Europa hinterließ auf 4,5 Milliarden Euro. Rund 2,3 Milliarden Euro musste von den Rückversicherungen übernommen werden. Mit einer Todesopferzahl von 65 gehört der Orkan zu einer der Tödlichsten der vergangenen Jahre. Quelle: dpa
Schäden in Höhe von drei Milliarden Euro verursachte der Orkan Anatol. Davon versichert waren immerhin 2,4 Milliarden Euro. Vom 3. bis zum 4. Dezember 1999 brach er überwiegend über Nordeuropa ein. Im Durchschnitt fegte er mit 136 km/h übers Land. Einzelne Böen erreichten sogar Geschwindigkeiten von bis zu 183 km/h. Auslöser des Orkans waren starke Druckveränderungen. Besonders hart traf es Dänemark. Dort gilt Anatol als schlimmster Orkan des 20. Jahrhunderts. Quelle: dpa
Die Schäden des Orkan Klaus beliefen sich auf vier Milliarden Euro. Die Rückversicherer wurden mit 2,4 Milliarden Euro belastet. Entstanden ist der Orkan auf dem atlantischen Ozean, wo das Tiefdruckgebiet innerhalb von 24 Stunden einen Druckunterschied von 34 Hektopascal erfuhr. Er wütete vom 24. bis zum 27. Januar 2009 über Südeuropa. Die Höchstgeschwindigkeit wurde in Andorra mit 216 km/h verzeichnet. Sturmtief Klaus forderte 26 Menschenleben. Quelle: dpa
Direkt nach dem verheerendsten Orkan aller Zeiten, dem Sturmtief Lothar, folgte ein weiterer, kaum weniger zerstörerischer Sturm. Vom 27. bis zum 28. Dezember 1999 raste Sturmtief Martin über Frankreich, Spanien und die Schweiz. Er verursachte Schäden in Höhe von 4,1 Milliarden Euro. Rückversicherer übernahmen rund 2,5 Milliarden Euro der Schadenssumme. Insgesamt fielen 30 Menschen Orkan Martin zum Opfer. Quelle: AP


Hohe Schadensumme möglich

Möglicherweise könnte so die Schadensumme, die die deutschen Versicherer allein im Juli auszahlen, bereits in die Nähe der Gesamtzahlung für 2015 kommen. Damals lag die Leistung in der Sachversicherung bei 1,9 Milliarden Euro. Verglichen mit dem Jahr 2013, als 7,2 Milliarden Euro für die Beseitigung von Schäden durch Naturkatastrophen gezahlt wurden, ist das aber überschaubar.

Gedanken sollten sich Betroffene auch um das machen, was sich innerhalb der eigenen vier Wände befindet. Also Möbel und Küche, Kleidung und Elektronik. Dafür ist die Hausratversicherung zuständig. Eine solche haben zwar die meisten Deutschen, sehr unterschiedlich ist indes die Ausgestaltung. Mit jedem Baustein, der aufgenommen wird, steigt der Beitrag. Das gilt übrigens auch für die Wohngebäudeversicherung. Wer also zum günstigen Sparangebot greift, der bleibt im Schadensfall möglicherweise an einem Gutteil der Summe selbst hängen. Ein realistischer Blick auf den Wert des eigenen Inventars, womöglich mit Hilfe eines lokalen Versicherungsvertreters, schützt hier vor unliebsamen Überraschungen. Im Vergleich zu anderen Regionen dieser Welt kommen die Bürger in Deutschland bei Naturkatastrophen jedoch noch immer glimpflich davon.

Im ersten Halbjahr sind knapp die Hälfte der Schäden durch Naturkatastrophen durch Gewitter und Tornados in den USA entstanden. Bei 18,5 Milliarden Dollar lag die Schadenssumme dort, hervorgerufen durch insgesamt sechs schwere Gewitter und Tornados vor allem im ersten Quartal des Jahres. Weltweit betrog die Schadensumme durch Naturkatastrophen 41 Milliarden Dollar.

Das hat Peter Höppe, Leiter der Geo Risiko Forschung beim weltgrößten Rückversicherer Munich Re, errechnet. Dabei war das teuerste Schadensereignis mit 3,1 Milliarden Dollar das Hochwasser in Peru im Februar und März. Insgesamt hat die Datenbank NatCat-Service der Munich Re im ersten Halbjahr 350 schadenrelevante Ereignisse erfasst und damit 40 weniger als im Vorjahreszeitraum.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%