WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

HRI-Konjunkturprognose Warum auch Deutschland keine Wachstumsgarantie hat

2018 wird die Wirtschaft laut Prognosen so stark wachsen wie seit sieben Jahren nicht mehr. Doch jede Party geht einmal zu Ende.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
In diesem Jahr dürfte die deutsche Wirtschaft um 2,5 Prozent wachsen – und damit so stark wie seit 2011 nicht mehr. Quelle: dpa

Berlin Die deutsche Wirtschaft wächst bereits das neunte Jahr in Folge, viele Branchen arbeiten laut Ifo-Umfrage am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen. Die Beschäftigung steigt, und die Steuer- und Beitragseinnahmen sprudeln. Allein im vergangenen Jahr machte der Staat fast 37 Milliarden Euro Überschuss. In diesem Jahr wird die deutsche Wirtschaft um 2,5 Prozent wachsen – und damit so stark wie seit 2011 nicht mehr.

Und so scheint es, dass die von der neuen Bundesregierung geplanten Mehrausgaben und Entlastungen von insgesamt 67 Milliarden Euro in der laufenden Legislatur finanzierbar sind. „Noch nie seit der Wiedervereinigung hat eine deutsche Bundesregierung ihre Arbeit unter so guten ökonomischen Bedingungen aufnehmen können“, sagte der Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) Bert Rürup, anlässlich der Vorstellung der neuen HRI-Konjunkturprognose.

Allerdings geht das Institut davon aus, dass der Höhepunkt dieses Aufschwungs bald überschritten sein wird und die deutsche Wirtschaft ab nächstem Jahr nur noch moderat um 0,4 Prozent pro Quartal zulegen wird. Auf das Jahr gerechnet ergibt sich für 2019 damit ein auf 1,8 Prozent abgeflachter realer gesamtwirtschaftlicher Zuwachs. Ungeachtet dessen fällt im kommenden Jahr die Arbeitslosenquote unter die magische Fünfprozentmarke. 45,5 Millionen Menschen werden dann erwerbstätig sein.

Die wohl größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft besteht in einem aufziehenden Protektionismus. Für sich genommen sind die bislang von den USA erlassenen Zölle auf Stahl und Aluminium vor allem symbolischer Natur und wenig dramatisch. Allerdings besteht die Gefahr, dass infolge von Gegenmaßnahmen und Reaktionen die globalen Wertschöpfungsketten in vielen Industrien ernsthaft gestört werden und so die internationalen Warenströme ausgebremst werden.

Eine exportorientierte Volkswirtschaft wie die deutsche wäre davon ganz besonders betroffen. Das HRI hält eine solche Eskalation nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Gleichwohl erwartet das Rürup-Institut, dass die deutsche Exportdynamik in den nächsten Monaten nachlassen dürfte. Da jedoch aufgrund der boomenden Binnenkonjunktur die Importe weiter kräftig zulegen, dürfte der Außenhandel im Jahr 2019 für sich genommen das Wachstum um 0,3 Prozentpunkte dämpfen.

Seit dem Jahr 2010 sind in Deutschland die Lohnstückkosten um mehr als 17 Prozent gestiegen. Der Anstieg war damit fast doppelt so stark wie in Frankreich und dem Durchschnitt der Euro-Zone. In einigen der einstigen Krisenstaaten sanken diese Arbeitskosten sogar. Deutschland verliert also innerhalb der Euro-Zone schleichend an preislicher Wettbewerbsfähigkeit. Spätestens im nächsten Abschwung dürfte sich das bemerkbar machen.

Lohnstückkosten in den USA stark gestiegen

Noch deutlich stärker als in Deutschland sind die Lohnstückkosten allerdings in den USA gestiegen. Dies ist womöglich ein Grund dafür, dass US-Präsident Donald Trump versucht, die heimischen Unternehmen und damit deren Beschäftigte mit Protektionismus zu schützen.

Allerdings gewinnt die Wirtschaft der USA durch Trumps Steuerreform an Profitabilität und damit indirekt an Wettbewerbsfähigkeit – das gilt natürlich auch für ausländische Konzerne mit Betriebsstätten in den USA. Infolge der deutlichen Senkung der Körperschaftsteuer wird es für globale Unternehmen interessanter, Teile der Produktion oder der Entwicklung in die USA zu verlagern.

Deutschland liegt mit seiner Unternehmensbesteuerung im internationalen Vergleich nun im oberen Drittel der „teuersten“ Länder und verliert nach Umsetzung der Reformen in Belgien und Frankreich noch weiter an Boden. Hier müsste die neue Bundesregierung dringend handeln.

Gewichtige gesamtwirtschaftliche Gründe, die privaten Verbraucher zu entlasten, gibt es hingegen nicht. Auch ohne Steuersenkungen bleibt der private Konsum wichtigster Wachstumstreiber. Das wird durch das vom Handelsblatt Research Institute berechnete HDE-Konsumbarometer bestätigt. Dieses steigt seit Jahresbeginn und signalisiert eine steigende Konsumlaune.

Ein weiterer Schub kommt vom Staat. Die neue Bundesregierung will sich vom Sparkurs Wolfgang Schäubles lösen und künftig auf Überschüsse verzichten. Zusätzliche Staatsausgaben in Höhe von rund 30 Milliarden Euro jährlich sind möglich, ohne das erklärte Ziel, die „schwarze Null“, zu reißen – zumindest solange die Wirtschaft noch brummt.

Da die neuen Ausgabenprogramme frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2018 umgesetzt werden können, rechnet das HRI mit einem Plus beim Staatskonsum von gut zwei Prozent in diesem Jahr und von fast vier Prozent im kommenden Jahr. Daher wird der Gesamtstaat dieses Jahr noch einen deutlichen Überschuss von etwa 0,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erzielen. Im kommenden Jahr dürfte dieser Überschuss jedoch weitgehend abgebaut werden, obwohl die Steuereinnahmen weiter kräftig wachsen werden. Angesichts des ordentlichen nominalen Wachstums wird die Schuldenstandsquote dennoch spürbar sinken. Im Jahr 2019 werden die in den Maastricht-Verträgen vereinbarten 60 Prozent in Relation zum BIP erstmals seit 2002 wieder unterschritten.

Im laufenden Jahr stehen in zahlreichen Branchen Tarifverhandlungen an, allein für fast zehn Millionen Tarifbeschäftigte werden die Löhne und Gehälter neu verhandelt. Zudem folgen in tariflich ungebundenen Bereichen die Einkommen meist den Tariflöhnen. Nimmt man den Tarifabschluss in der Metallindustrie als Richtwert, so dürften die realen Lohnzuwächse 2018 wohl deutlich üppiger als im Vorjahr ausfallen.

Nicht zuletzt durch die über dem Produktivitätsanstieg liegenden Lohnerhöhungen werden die Verbraucherpreise in Deutschland weiter steigen und die Inflationsrate bis 2019 auf zwei Prozent zulegen. Für den gesamten Euro-Raum wird die Preissteigerung einen viertel Prozentpunkt geringer sein. Damit wäre erstmals seit längerer Zeit das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank faktisch erreicht. Daher dürfte die EZB in der zweiten Hälfte von 2019 erstmals seit rund acht Jahren die Zinsen wieder leicht erhöhen – wenn auch in homöopathischer Dosis.

Doch es gibt auch Risiken für diese Entwicklung: Schließlich zeigt sich US-Präsident Trump überzeugt, einen Handelskrieg gewinnen zu können. „Eskaliert der Handelskonflikt, steht die Ära des liberalen Welthandels auf dem Spiel“, warnt HRI-Präsident Rürup. Die bewährte internationale Arbeitsteilung geriete in Gefahr. „Damit stehen die ökonomischen Erfolge von vier Jahrzehnten Globalisierung auf dem Spiel.“

Und weil Deutschland von allen Flächenländern am stärksten in die internationale Arbeitsteilung eingebunden ist, würde dies das Land und seine erfolgsverwöhnten Unternehmen besonders hart treffen.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%