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Human Challenge Trials Forscherteam schlägt Corona-Studien mit gezielt Infizierten vor

Ein Forscherteam schlägt vor, bei der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus auch sogenannte Human Challenge Trials vorzubereiten.

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Eine medizinische Mitarbeiterin der Oxford-Universität setzt einem Probanden eine Injektion. Quelle: dpa

Eine Gruppe Freiwilliger lässt sich mit einem potenziell tödlichen Virus infizieren, um so die Menschheit schneller vor ebendiesem schützen zu können: Was klingen mag wie aus einem Science-Fiction-Film, schwebt den Initiatoren der Kampagne „1Day Sooner“ tatsächlich vor.

Das Team um den US-amerikanischen Doktoranden Chris Bakerlee von der Harvard University sucht Menschen, die potenziell bereit wären, gezielt an Covid-19 zu erkranken, um so die Entwicklung eines Impfstoffes zu beschleunigen. Mehr als 14.000 Menschen aus über 100 Ländern haben sich bereits registriert.

Klinische Studien zur Entwicklung eines Impfstoffs bestehen aus mehreren Phasen. Zunächst wird der Wirkstoff unter anderem auf Verträglichkeit getestet, später dann auf seine Wirksamkeit. Hierfür bekommen einige Probanden den Wirkstoff verabreicht, eine zweite Gruppe erhält ein Placebo oder eine Standardtherapie. Klassischerweise überprüft man dann, wer sich auf natürlichem Wege mit dem Erreger infiziert und wer nicht.

Das Problem: Wenn ein Erreger nicht besonders verbreitet ist, können unter Umständen Zehntausende Studienteilnehmer nötig sein. Außerdem kann diese Testphase dann sehr lange dauern. Hier setzt die Überlegung von „1Day Sooner“ an: Theoretisch könnte man nämlich alle Probanden - sowohl die geimpften als auch die, die ein Placebo erhalten haben - gezielt mit dem Coronavirus in Kontakt bringen und dann schauen, wer erkrankt und wer nicht. Dann bräuchte man weniger Studienteilnehmer und wäre möglicherweise schneller mit den Tests durch, argumentieren die Initiatoren von „1Day Sooner“.

Doch derartige „Human Challenge Trials“ - so lautet der englischsprachige Fachbegriff - sind unter Wissenschaftlern umstritten. Einige betonen den großen Nutzen, den solche Studien für eine ganze Gesellschaft haben könnten. Andere äußern ethische Bedenken und verweisen auf enorme gesundheitliche Risiken, die die Infektion mit einem in vieler Hinsicht noch unerforschten Erreger wie Sars-CoV-2 haben könnte.

„Angesichts der besonderen Umstände der Pandemie befürworten unser Rahmenmodell und unsere Analyse, eine Grundlage für Sars-CoV-2-Challenges zu legen“, schreibt ein Team um Erstautorin Seema Shah von der Northwestern University in Chicago im Fachjournal „Science“. Die Autoren betonen aber auch, dass Risiken für Studienteilnehmer, Personal und Dritte minimiert werden müssten.

Medizinethiker sind skeptisch

Die Initiatoren von „1Day Sooner“ verweisen auf ihrer Homepage auf „Human Challenge Trials“ in der Vergangenheit. So wurden etwa in den 1970er-Jahren Probanden in den USA gezielt mit Cholera infiziert, um die Wirksamkeit eines Impfstoff-Kandidaten zu erproben. In verschiedenen Studien ließen sich Freiwillige außerdem Malaria-Erreger verabreichen.

In Deutschland habe es vergleichbare Studien mit freiwillig Infizierten in dieser Form bislang nie gegeben, sagt der Medizinhistoriker Norbert Paul von der Universitätsmedizin Mainz. Doch wären sie in der aktuellen Corona-Krise denkbar? Rein theoretisch schon - es müssten dann sowohl das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als auch eine Ethikkommission zustimmen. PEI-Präsident Klaus Cichutek erklärte allerdings kürzlich: „Es gibt eine gewisse fachliche Diskussion zu sogenannten Human Challenge Trials. Das können wir vielleicht später noch einmal abhandeln. Aber das ist nicht der Trend.“

„So eine Challenge-Studie wäre eine absolute Ausnahme“, betont auch Joerg Hasford, Vorsitzender des Arbeitskreises Medizinischer Ethik-Kommissionen in Deutschland, mit Verweis auf den deutschen Wertekanon. „Weil wir in Deutschland nach den Erfahrungen des Dritten Reichs sehr, sehr hohe ethische und auch rechtliche Standards haben.“ Die Nationalsozialisten hatten in Konzentrationslagern an Inhaftierten grausame medizinische Experimente durchgeführt.

„In dem Augenblick, in dem wir zum Beispiel eine sehr wirksame Therapie hätten, wäre das natürlich ethisch vergleichsweise leicht zu vertreten“, sagt Hasford. Der Mediziner verweist auf das ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelte Mittel Remdesivir, das in Deutschland derzeit nur innerhalb eines Arzneimittel-Härtefallprogrammes für Corona-Patienten zugänglich ist: „Wenn sich also zum Beispiel zeigt, dass man mit Remdesivir eine sehr gute, wirksame Therapie hätte für schwerste Verläufe und man nähme Probanden, die definitiv nicht zur Risikogruppe gehören, dann könnte ich mir vorstellen, dass man sowas auch in Deutschland macht.“

Eine weitere Voraussetzung wäre für Hasford allerdings, dass die Studienteilnehmer nachvollziehbar zeigten, dass sie verstanden hätten, worauf sie sich einließen: „Man würde hier an das Verständnis der informierten Zustimmung nach Aufklärung sicher sehr hohe Maßstäbe anlegen.“ Ebenso müsse gewährleistet werden, dass Remdesivir dann auch wirklich zur Verfügung stehe.

Zurückhaltend äußerte sich der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie: „Das Verfahren einer Infektion Freiwilliger mit einem potenziell tödlichen Erreger ist ungewöhnlich“, heißt es in einem Statement auf dpa-Anfrage. Grundsätzlich sei es durchaus begrüßenswert, wenn sich Freiwillige für klinische Prüfungen fänden.

Ein „Human Challenge Trial“ zur Erprobung eines Corona-Impfstoffs ist aber ohnehin eher Zukunftsmusik. Nur ein geringer Teil der mehr als 100 Impfstoffprojekte, die derzeit weltweit laufen, werden überhaupt bereits in klinischen Studien mit Freiwilligen erprobt. Angenommen, man würde ein „Human Challenge Trial“ in Deutschland planen wollen, bräuchte das laut Hasford einige Vorlaufzeit: „Unter sechs Monaten ist das sicher nicht realistisch.“

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