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In eigener Sache Gabor Steingarts Ära beim Handelsblatt endet

Nach über sieben Jahren verlässt der Herausgeber und Geschäftsführer die von ihm entscheidend mitgeprägte Verlagsgruppe. Ein Rückblick.

Seit 2013 Handelsblatt-Herausgeber und in Personalunion Geschäftsführer der Verlagsgruppe. Quelle: Marco Urban für Handelsblatt

DüsseldorfTownhall Meetings gehören heute zum guten Ton innerbetrieblicher Kommunikation in jedem größeren Unternehmen – auch beim Handelsblatt. Aber das kurzfristig anberaumte Treffen, zu dem die Mitarbeiter der Handelsblatt Media Group am Freitagnachmittag eingeladen wurden, war doch in jeder Hinsicht außergewöhnlich: Verleger Dieter von Holtzbrinck gab die Trennung von Gabor Steingart bekannt.

Man habe sich, so von Holtzbrinck, „nach sieben Jahren äußerst erfolgreicher und freundschaftlicher Zusammenarbeit“ auf eine „Beendigung der beruflichen Partnerschaft geeinigt“. Und das, obwohl er Steingart zugleich als „mutigen und charismatischen Führer“ lobte, der die Verlagsgruppe „auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert“ habe, wofür er „höchsten Respekt und größten Dank“ verdiene.

Warum dann die Trennung? Der Verleger nannte zwei Gründe, die für den Schritt ausschlaggebend gewesen seien: „Erstens: Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen. Hinzu kam zweitens: eine nicht generell, aber im Einzelfall unterschiedliche Beurteilung journalistischer Standards.“

Es gab demnach einen eher grundsätzlich angelegten strategischen Dissens, aber auch einen kurzfristigen Anlass für den Abschied, dessen Hintergründe andere Medien schon am Donnerstagabend beleuchteten: Dieter von Holtzbrinck hatte sich beim Noch-SPD-Vorsitzenden Martin Schulz für eine seiner Meinung nach zu scharf formulierte Kritik im „Morning Briefing“ von Steingart entschuldigt.

Holtzbrinck am Freitag: „Beide Seiten bedauern die Trennung, wollen aber den freundschaftlichen Kontakt aufrechterhalten und schließen eine andere Form der Zusammenarbeit in der Zukunft nicht aus.“ Klar war indes auch: Damit ging eine Ära zu Ende, die die Verlagsgruppe nachhaltig geprägt hat.

Für Steingart, 55, war das Handelsblatt einst auch eine Rückkehr zu seinen publizistischen Ursprüngen: Nach einem Studium der Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre sowie Germanistik in Marburg und Berlin hatte er seine berufliche Grundausbildung an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten in Düsseldorf erhalten. Seine erste Station nach der Ausbildung: Reporter für die zur Handelsblatt Media Group gehörende „Wirtschaftswoche“.

1990 wechselte Steingart zum „Spiegel“, seit 1995 war er dort als Co-Ressortleiter des Wirtschaftsressorts aktiv. 2001 übernahm er das Hauptstadt-Büro des Nachrichtenmagazins, ab 2007 berichtete er aus Washington. 2010 dann der Wechsel nach Düsseldorf – erst als Chefredakteur des Handelsblatts, knapp drei Jahre später als dessen Herausgeber und in Personalunion Geschäftsführer der Verlagsgruppe.

Steingart hat nicht nur das von ihm konzipierte „Morning Briefing“ zu großen Publikumserfolgen geführt, sondern auch das Handelsblatt zurück in die Erfolgsspur. Er ließ eine englischsprachige Global Edition entwickeln sowie das „Handelsblatt Magazin“, das dieses Jahr achtmal als Supplement erscheinen wird. Zugleich hat er etliche Veranstaltungsreihen wie das „Deutschland Dinner“ oder die „Terrassengespräche“ in der Düsseldorfer Zentralredaktion entwickelt.

Überhaupt Journalismus Live – den machte er mit alljährlich stattfindenden Konferenz-Events wie „Pathfinder“ ebenso zur neuen Säule des Handelsblatt-Geschäfts wie mit dem Aufbau des Wirtschaftsclubs. Die Zukunft des Journalismus – das wurde immer mehr zu Steingarts Credo – könne nur im Digitalen liegen. So wuchsen unter Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe und seinem Team auch die Print- und Online-Redaktionen zusammen. So lancierte man jüngst die Handelsblatt App, die alle

journalistischen Angebote bündelt. Und so begann zuletzt in Berlin der Aufbau einer Einheit, die die Inhalte des Verlags für digitale Abonnenten noch besser aufbereiten soll.

Mit seiner Umtriebigkeit habe er die Geduld seines Verlegers wohl „nicht nur strapaziert“, ließ Steingart verlauten, „sondern oft genug auch überstrapaziert. Dass unsere dennoch – oder deshalb? – so erfolgreiche Zusammenarbeit jetzt abrupt endet, lässt uns beide nicht unberührt.“ An seiner „Freundschaft und Wertschätzung“ gegenüber dem „wunderbaren Menschen und erfahrenen Verleger“ Dieter von Holtzbrinck ändere die Trennung nichts.

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