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Industrie 4.0 Forcam-Chef Franz Gruber fordert Siemens heraus

Das Unternehmen Forcam will im Bereich der Industrie-Cloud groß angreifen. Gründer Gruber hat beste Referenzen im IT-Bereich.

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Der Ex-SAP-Manager fordert mit seinem Unternehmen die Branchenriesen heraus. Quelle: Linkedin

Hannover Franz Gruber hat über seinem Schreibtisch die Zeichnung eines Holzpferdes hängen. Eine gute Idee sei wie ein Trojanisches Pferd, steht daneben. Sie komme attraktiv verpackt daher. Doch im Kern sei sie auf ein einziges Ziel gerichtet: „Eroberung“. Und der frühere SAP-Manager hat sich genau das zum Ziel gesetzt. Er will einen der derzeit wohl begehrtesten IT-Märkte erobern.

Mit seiner Firma Forcam, an der auch SAP-Gründer Dietmar Hopp beteiligt ist, hat er eine Cloud-Plattform für das industrielle Internet der Dinge entwickelt, an die Maschinen in der Produktion angeschlossen werden. Durch die Auswertung von Daten kann so ein Betrieb optimiert werden. Gruber legt sich damit mit Milliardenkonzernen wie beispielsweise Siemens an. Die Münchener haben gerade ihre eigene Plattform namens Mindsphere im großen Stil im Markt ausgerollt.

Doch an Selbstbewusstsein mangelt es dem leidenschaftlichen Gründer Gruber nicht. „Unsere Technologie ist revolutionär. Wir werden uns als kleiner David gegen den Goliath behaupten.“

Derzeit existieren rund zwei Dutzend Internet-der-Dinge-Plattformen quasi nebeneinander. Experten erwarten in den kommenden Jahren eine Konsolidierung. Der Goliath ist siegesgewiss: „Wir werden dabei eine deutliche Rolle spielen“, sagt Siemens-Vorstand Klaus Helmrich dem Handelsblatt. Mindsphere mache inzwischen signifikante Umsätze und habe mehr als 1,2 Millionen angeschlossene Komponenten, Anlagen und Maschinen. „Eine Plattform hat nur dann eine Berechtigung, wenn sie Skaleneffekte nutzen kann.“

Doch der Pionier sieht auch seine Chance. Gruber, 55 Jahre alt und Vater von drei Kindern, ist auf einem Bauernhof im Allgäu aufgewachsen, in schwäbischem Dialekt schwärmt er von den Perspektiven seines Unternehmens. Nach dem Abschluss als Wirtschaftsingenieur hatte er 1989 seine Karriere bei IBM gestartet, um bald darauf zu SAP zu wechseln. Dort berichtete er lange Zeit an Hopp. Als der 2003 den Aufsichtsratsvorsitz abgab, machte sich Gruber selbstständig.

Mit festem Blick malt er heute in seinem Büro in Ravensburg eine ganze Reihe von Grafiken und Schaltplänen auf eine große Tafel. Seine Plattform sei anderen technisch überlegen, sagt er. Warum? Weil Forcam Force als einzige Plattform in der Cloud die Daten in Echtzeit validieren und mithilfe künstlicher Intelligenz auswerten, mit Geschäftsdaten verknüpfen und visualisieren kann. Es gehe um „Smart Data“ statt Big Data. Zudem berät Forcam seine Kunden, wie sie ihre Prozesse anhand der Erkenntnisse umstellen können.

Auch Siemens und Co. versprechen eine Anbindung der Maschinen ans Internet der Dinge. Doch Gruber ist überzeugt davon, dass viele Kunden sich nicht – nach dem Apple-Modell – ganz an das Ökosystem eines einzigen Anbieters binden wollen. Die Schnittstellen bei Forcam Force seien daher offener, und auch alte und sehr unterschiedliche Geräte könnten einfach angebunden werden.

Renommierte Kunden hat Gruber schon gewonnen, von Lockheed Martin über Grammer bis Borgwarner. Nun will er vor allem den Mittelstand ins Industrie-4.0-Zeitalter führen. „Der deutsche Mittelstand tut sich oft schwer mit Entscheidungen in neue Technologien und wartet ab, was die Großen tun. Er benötigt objektiv messbare Ergebnisse.“

Und da kommt womöglich das Trojanische Pferd ins Spiel. Forcam startet im Rahmen der derzeit stattfindenden Hannover Messe ein Lockangebot – für drei Monate können Kunden drei heterogene Maschinen an die Cloud anschließen. Kostenpunkt: 9 900 Euro. Forcam garantiert seinen Kunden dabei eine Produktivitätssteigerung von mindestens fünf Prozent – in der Praxis waren es meist mehr als zehn Prozent. So will Gruber die Kunden von seinem Produkt überzeugen. „Der Mittelstand muss sehen, dass in kleinen Schritten sehr viel ‧erreichbar ist“, sagt Gruber. Daher biete Forcam modulare Lösungen an.

2018 erstmals schwarze Zahlen geplant

Internet-der-Dinge-Plattformen gibt es von vielen Anbietern, von US-IT-Konzernen über Industriespezialisten wie General Electric bis hin zu deutschen Anbietern wie Bosch und SAP. Teilweise stehen diese in direkter Konkurrenz, teilweise ergänzen sie sich. „Das Rennen ist total offen“, sagt Frank Riemensperger, Deutschlandchef von Accenture, dem Handelsblatt.

Die Materie sei komplex, es müssten Algorithmen ebenso verstanden werden wie die Prozesse in den Branchen. Es werde wohl eine größere Landschaft von Plattformen geben, sagt der Experte. Und: Es sei gut, dass es sehr unterschiedliche Ansätze gebe, von der Mittelstandsinitiative Adamos über Leonardo von SAP bis hin zu den ganz Großen. Auf diesem Weg könne man viel lernen.

Gruber ist mit Forcam beileibe kein Neuling im Geschäft. Er hatte ab 2001 als einer der Ersten eine Cloud-Anbindung für Produktionsmaschinen entwickelt und ab 2008 namhafte Kunden wie Audi und Daimler gewonnen. Doch er erkannte schnell, dass seine Technologie in der Cloud nicht intelligent genug ist. Daher entschied er sich 2010, das Kernprodukt einzustellen und eine ganz neue Plattform zu entwickeln. „Das war ein dreijähriges Hochrisikoprojekt“, sagt er heute. Inzwischen sind mit den ersten Pilotprojekten 60 000 Maschinen an Forcam Force angeschlossen.

In diesem Jahr soll der Umsatz von zehn auf 14 Millionen Euro steigen – bei erstmals schwarzen Zahlen. Bis 2023 will Gruber laut Branchenkreisen die Erlöse mithilfe eines Massenprodukts auf mindestens 100 Millionen Euro steigern. Die Chancen in China seien da noch gar nicht eingerechnet, sagt er. Und jettet häufig zwischen Asien und Amerika hin und her. Vertraute zitieren ihn mit den Worten: „Für alles unter 100 Millionen Euro müsste ich mich schämen.“ Beim Wachstum helfen soll DXC Technologies als weltweiter Vertriebspartner.
Forcam professionalisiert gerade die Strukturen und verstärkte sich auch im Management, um das Wachstum bewältigen zu können. Einige Manager wie Co-CEO Martin Boll haben ebenfalls lange für SAP gearbeitet. Boll fühlt sich gerade an die früheren Zeiten bei dem Walldorfer Konzern erinnert. Damals habe man die Firmen erst einmal davon überzeugen müssen, dass man auch Standardsoftware einsetzen könne. „Mit dem industriellen Internet der Dinge ist es heute ähnlich“, sagt er. Doch in einigen Jahren werde die Vernetzung der Produktionsmaschinen Standard sein.

Ob Gruber seine ehrgeizigen Ziele erreichen kann, ist offen. Schlecht stehen die Chancen nicht. Mehr als 50 Investoren haben sich nach seinen Angaben schon bei ihm gemeldet, die an einem Einstieg interessiert sind. Doch könne er die Wachstumspläne aus dem Cashflow finanzieren. Das Produkt passe. „Jetzt muss der Markt entscheiden.“ Und falls etwas dazwischenkommt? Gruber zitiert den Philosophen Epiktet: „Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und dein Leben wird heiter dahinströmen.“

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