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Volkswirtschaft: China – der Riese wankt, fällt aber nicht.


Extremer Rückgang nach extremem Anstieg.
Anfang Juni 2015 hatte der Aktienindex Shanghai SE Composite einen langjährigen Höchststand erreicht. Die Verdopplung innerhalb von gerade einmal sieben Monaten war weniger durch positive Konjunkturdaten getrieben, sondern vielmehr Ergebnis einer Spekulationswelle unter chinesischen Privatinvestoren: Wohlhabende Chinesen sowie Unternehmen kauften in großem Stil Aktien, und zwar zu einem beträchtlichen Teil durch Kredite finanziert. Sie taten dies in der Erwartung, die Aktien binnen kurzer Zeit mit hohen Gewinnen wieder verkaufen zu können. Verstärkt wurde die Entwicklung durch die Tatsache, dass seit November 2014 an der Börse in Shanghai auch Ausländer Aktien erwerben dürfen. Doch genauso jäh wie der Aufstieg kam nun der Fall. Seit dem 8. Juni hat der Shanghai SE Composite über ein Viertel seines Werts verloren. Die chinesische Regierung war bisher nicht erfolgreich bei dem Versuch, mit zum Teil gravierenden Markteingriffen den Rückgang zu stoppen.

Sorgen über Sorgen: Nach Griechenland jetzt China.
Kaum haben die europäischen Finanzmärkte das Thema Griechenland fürs Erste abgehakt, schon schwappt eine neue Schockwelle, und zwar aus China heran. Auch der DAX hat reagiert und Anfang dieser Woche einen Tagesverlust von 2 ½ % verbucht. Die Ängste der Märkte: (1) Die Kursverluste in China könnten ein weiteres Zeichen dafür sein, dass die dortige konjunkturelle Dynamik rapide nachlässt. (2) Die Talfahrt am chinesischen Aktienmarkt könnte die Stimmung an den globalen Finanzmärkten kippen lassen. (3) Schließlich ist die Furcht groß, dass die Aktienmarktverluste tiefere Spuren in der chinesischen Realwirtschaft hinterlassen, weil sie die Konsum- und Investitionsfreude sowie die Zahlungsfähigkeit der Privaten und damit die Bankbilanzen belasten.

Das akute Problem: Geplatzte Aktienmarktblase dämpft konjunkturelle Entwicklung.
In der Tat: das Platzen der Aktienmarktblase belastet die Stimmung in China und damit auch der Weltwirtschaft. Dies trifft die chinesische Wirtschaft zu einer Zeit, in der ohnehin schon Zweifel an der Robustheit des konjunkturellen Aufschwungs bestanden. Allerdings wird die derzeitige Stimmungseintrübung aus unserer Sicht keine tiefen Spuren in der chinesischen Konjunktur hinterlassen. Denn der gefürchtete Vermögenseffekt für die privaten Haushalte und Unternehmen bleibt begrenzt angesichts der geringen Aktienquoten in deren Geldvermögen. Auch hat die chinesische Regierung immer noch Spielraum zur Ankurbelung der Konjunktur, falls die Wachstumsraten zu schwach werden sollten. Die Zentralbank dürfte ebenfalls auf eine weitere geldpolitische Lockerung setzen und so das Wirtschaftswachstum stützen. Mit Blick auf die USA und Euroland gehen wir davon aus, dass die Aktienmarktturbulenzen deren konjunkturelle Aufwärtsbewegung nur geringfügig bremsen. Denn schließlich sind die Auftriebskräfte dies- und jenseits des Atlantiks – nicht zuletzt wegen der rekordniedrigen Zinsen – immer noch vergleichsweise stark. Diese Erkenntnis dürfte recht schnell die Stimmung an den globalen Finanzmärkten wieder stabilisieren.

Strukturelle Wachstumsverlangsamung aufgrund fehlender Reformen.
So belastend die derzeitigen Aktienmarktturbulenzen für die chinesische Wirtschaft sein mögen, sie sind am Ende ein vorübergehendes Phänomen, und ihre Wirkungen werden einigermaßen begrenzt bleiben. Viel stärker dürfte dagegen eine Entwicklung wiegen, die schon seit einigen Jahren zu beobachten ist. Die durchschnittlichen Wachstumsraten in China werden geringer. Die Ursachen dafür sind vorwiegend struktureller Natur, denn China hat das Potenzial des überaus schnellen Aufholwachstums langsam ausgeschöpft. Zudem bremsen die ungünstige demographische Entwicklung und mangelnde Reformen die längerfristige Dynamik der Wirtschaft. Eine Beschleunigung des Durchschnittswachstums ist daher so schnell nicht in Sicht.

Folgen für Finanzmärkte und für Geldanlagen in Wertpapieren.
Würde der chinesische Riese stärker ins Wanken geraten, hätte dies gravierende Folgen für die Weltwirtschaft und für die globalen Finanzmärkte: Ein entsprechend schwächeres Wachstum in den Handelspartnern Chinas und geringere Anstiege der Unternehmensgewinne würden zur Belastung für die Aktienmarktentwicklung an den Märkten rund um den Globus. Mit Blick darauf, dass wir für das Wirtschaftswachstum wie auch für die Unternehmensgewinne weltweit betrachtet keine tieferen Bremsspuren erwarten, aber auch, dass die chinesischen Aktienmärkte immer noch sehr stark von lokalen Anlegern dominiert sind, halten wir die Gefahren gegenwärtig noch für überschaubar. Allerdings behalten wir die chinesische wie auch die globale Wirtschaft insgesamt unter besonderer Beobachtung. Erst wenn wir davon überzeugt wären, dass die Weltwirtschaft ernstlich in Gefahr ist, hätten wir es mit mehr als einem Sommerloch an den Börsen zu tun. Sollte dieser Fall eintreten, würden wir daraus auch Konsequenzen für die mittelfristige Vermögensaufstellung ziehen.


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