Japan Schreine und Fake-Priester konkurrieren um Spenden

Japans große Religionen haben den Markt für Seelsorge unter sich aufgeteilt. Allerdings müssen sie das Heiratsgeschäft gegen falsche Priester verteidigen.

Die japanische Shinto-Religion hat sich auf lukrative Hochzeiten spezialisiert. Quelle: AP

TokioAuch in Japan sind Religionen ein Geschäft. Sie müssen es sogar mehr als in Deutschland sein. Denn hier in Ostasien kassiert kein Staat Kirchensteuer ein und leitet die Gelder an religiöse Einrichtungen weiter. Und so haben die beiden großen Religionen Japans, die heimische Naturreligion Shinto und der vor mehr als 1.000 Jahren eingewanderte Buddhismus, diverse Einkommensquellen entwickelt.

Spenden sind ein wichtiger Kapitalstrom, besonders die Neujahrskollekte. Darüber hinaus werden Amulette und Horoskope verkauft, Geld für kalligrafierte Tempelnamen und religiöse Handlungen kassiert. Der Wettbewerb macht hier erfinderisch und führt zu differenzierten Angeboten. Der shintoistische Kanda-Myojin-Schrein beispielsweise bietet eine Art göttlichen Virenschutz für Computer an. Gegen einen Obolus von etwa 50 Euro reinigen Priester den Hightech-PC mit uralten Methoden rituell.

Doch ein wichtiger Teil der seelsorgerischen Angebote ist eigentlich ein Fall für die Kartellbehörde. Drei der größten Einnahmequellen haben die beiden Religionen faktisch unter sich aufgeteilt: Geburt, Hochzeit und Tod. Die buddhistischen Tempel haben quasi ein Monopol für den Tod übernommen. Sie kümmern sich um die Beerdigungen und Gebete für die Seelen der Verstorbenen.

Den Shintoisten wie den Japanern ist das ganz recht. Shinto selbst schätzt Reinlichkeit und das Leben. Gleichzeitig bietet der Buddhismus mit seinen Himmeln und Höllen vielen Menschen eine genauere Vorstellung über das Leben nach dem Tod als die heimische Naturreligion. Dafür steuern die Japaner Shinto-Schreine nach Geburten, bei diversen Gedenktagen für Kinder und Hochzeiten an.

Rituell besonders aufwändig und damit finanziell interessant sind dabei die Hochzeitsriten. Braut und Bräutigam tragen dabei klassische Kimonos, die Frau in weiß. Dazu addiert sich eine prachtvolle Perücke, die von einer weißen Haube, der Tsuno-kakushi (Hörner verstecken), bedeckt wird. Wie der Name sagt, versteckt die Kopfbedeckung die Hörner der eifersüchtigen Dämonen. Traditionell gilt dies als Symbol für den Willen der Braut, eine sanfte, folgsame Ehefrau zu werden. Doch heutzutage dürfte es diese Bedeutung weitgehend verloren haben. Dafür folgt weiterhin nach den Riten ein ordentlicher Empfang mit Speise und Trank für Familien und Freunde, am besten auch in den Hallen des Schreins.

In ihrer lukrativen Domäne haben die Schreine in den letzten Jahrzehnten allerdings ein Problem bekommen: Konkurrenz. Inzwischen müssen sie sich dieses Marktsegment mit Hotels und vor allem gefälschten Kirchen teilen, in den falsche Priester an falschen Altaren falsche Trauungen in Weiß nach christlichem Muster durchführen.

Dass dieser westliche Stil nur Fassade ist, stört dabei nicht. Gefühl zählt in diesem Fall mehr als die Substanz. Wenn sie wollen, klappern die Japaner sogar verschiedene religiöse Rituale ab, ohne dabei mental Probleme zu bekommen.

Grundlage für die Arbeitsteilung ist ein Phänomen, das ich der Einfachheit halber mal als „eklektische nichtreligiöse Religiosität“ bezeichne. Oder anders gesagt: Japaner sehen Religionen nicht als sich ausschließende Glaubensbekenntnisse an, sondern eher als rituelle Selbstbedienungsläden für verschiedene Anlässe und Launen.

Ein japanischer Freund brachte die Frage der Religionszugehörigkeit in Japan einmal so auf den Punkt: Ein Prozent der Japaner seien gläubige Christen, ein weiteres Prozent überzeugte Kommunisten und der Rest der Japaner ungläubig. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte.

Eine Freundin bezeichnet sich selbst zwar als nichtreligiös. Aber sie geht selbstverständlich hin und wieder in Schreine und Tempel zum Beten, wenn sich ein Anlass bietet oder die Laune es will. Manchmal liegen zwischen der Visite verschiedener Religionen nur Augenblicke: In einigen Fällen sind Schreine und Tempel faktisch auf einem Grundstück untergebracht.

Nicht einmal die Militärmachthaber aus dem 16. bis 19. Jahrhundert oder die folgenden Modernisierer konnten den Japanern ihren urwüchsigen Glaubensmischmasch austreiben. Die Shogune, die Militärmachthaber, verboten das Christentum und verordneten ihren Untertanen eine Mitgliedschaft in Tempeln, um ihre Macht zu festigen. Im 19. Jahrhundert erhoben dann Japans Modernisierer aus ähnlichem Grund Shinto zur Staatsreligion. Damit wollten sie das geistig-politische Oberhaupt des Landes und der Religion, den Tenno, zu einem göttlichen Kaiser mit eher westlich-weltlicher Befehlsgewalt aufwerten.

Geblieben ist davon im Alltag nicht viel. Für die Masse der Japaner ist der Tenno zwar greifbarer als jemals zuvor, doch gleichzeitig wieder fern. Auch die Frage der Religionszugehörigkeit spielt im Leben und Denken keine Rolle. Stattdessen wählen die Menschen weiterhin frei aus den verschiedenen rituellen Dienstleistungen von Religionen, die wiederum friedlich koexistieren und nicht um die Seelen der Menschen um die Wette missionieren. In dieser Hinsicht ist Japans Arbeitsteilung der Religionen derzeit vielleicht das beste Beispiel für praktizierten Religionsfrieden.

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