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Japan Wohnen im Mieterhimmel von Tokio

In Japans Hauptstadt Tokio ist Wohnraum erstaunlich einfach zu finden – wenn man sich auf das niedrigere japanische Niveau und blutsaugende Vermieter einlassen mag. 

In Japans Hauptstadt ist es leicht, eine Wohnung zu finden. Vorausgesetzt der Mieter oder Käufer hat genügend Geld und macht Abstriche beim Komfort. Quelle: Bloomberg

TokioMeine Freunde in Deutschland fangen immer an zu weinen, wenn ich ihnen von der Wohnungssuche in Tokio erzähle. Während sich in Deutschland und vielen europäischen Großstädten die Vermieter ihre Mieter aus einer großen Schar verzweifelter Bewerber aussuchen können, ist Tokio ein Mietermarkt. Mit ein bisschen Kompromissbereitschaft, was Lage und Qualität angeht, habe ich noch nie länger als zwei Wochen nach einer neuen Bleibe gesucht. 

Der Grund ist offensichtlich das reichhaltige Wohnungsangebot. Die teuren Wohnhochhäuser in der Innenstadt, die sich Immobilienfonds gewöhnlich unter den Nagel reißen, sind zwar voll bis unters Dach. Aber insgesamt stehen rund ein Siebtel aller Mietwohnungen in Tokio leer. Und das Beste: Einigermaßen bezahlbar sind Wohnungen auch, wenigstens wenn man sich auf das japanische Wohnniveau und Tokios unbeliebte nördlichen oder östlichen Stadtteile oder gar das Umland einlassen mag. 

In meinem Stadtteil Kanamachi an Tokios Nordostgrenze ist die perfekte Familienbleibe für Eltern und zwei bis drei Kinder, also ein rund 70 Quadratmeter großer Wind- und Wetterschutz mit Wohnzimmer und drei kleinen acht- bis zwölf Quadratmeter großen Suiten in einem mittelalten Bau aus den 90er-Jahren für umgerechnet 1.100 bis 1.200 Euro pro Monat Kaltmiete zu haben. Und das zehn Fußminuten vom Bahnhof entfernt.

Da ist dann typisch japanischer Wohnkomfort inklusive: eine fernbedienbare Badewanne und Frieren im Winter. Eine wirkliche Heizung gibt es von Haus aus oft nicht, auch sind die Wohnungen kaum bis gar nicht isoliert. Am luftigsten sind allerdings die zugigen Fenster: Sie bestehen in einem Großteil des japanischen Wohnraums aus nicht vollständig luftdicht schließenden Alurahmen mit einfacher Verglasung. Doppelverglasung (im Alurahmen) und Fußbodenheizung (im Wohnzimmer) kamen erst nach der Jahrtausendwende in großen Apartmentbauten in Mode. 

Wenn man in noch einfacher gebaute oder ältere, hellhörige oder in vor den neuen Erdbebenstandards von 1981 gebauten Altbauten ziehen mag, gibt es Wohnraum noch billiger. Aber das erfordert dann schon reichlich Abstriche von selbst moderaten deutschen Ansprüchen. Wer sich mit einem Einzimmerappartement mit 11 bis 18 Quadratmetern Wohnfläche begnügt, kommt in einigen Ecken von Tokios Nordosten sogar mit rund 400 Euro Monatsmiete hin.

Außerdem sinken Mieten und Eigenheimpreise mit jeder Gehminute vom Bahnhof weiter, so dass man noch längere Pendlerzeiten gegen Einsparen kaufen kann. „Die Grundregel ist, dass vergleichbare Eigentumswohnungen mit jeder Gehminute vom Bahnhof eine Millionen Yen (fast 8000 Euro) billiger werden“, sagte mir eine Freundin, die sich gerade eine Bleibe kaufen will.

Wer allerdings gehobenere Ansprüche hat, etwa moderner, in den innenstädtischen Bereichen oder in Tokios hipperen Südwesten wohnen will, muss schnell das Doppelte oder Dreifache berappen. Auch bei Eigentumswohnungen merkt man den Unterschied. „Eine 80 Quadratmeter-Wohnung im Wohnhochhaus kostet in Kanamachi 380.000 und in Tokios Südwesten 520.000 Euro“, erklärte mir jüngst ein Wohnungsverkäufer in meiner Nachbarschaft.

Ein Grund für den Unterschied sind die möglichen Schäden bei Naturkatastrophen: Feuersbrünste nach Megabeben sind überall ein Risiko. Tokios flacher Nordosten ist allerdings zudem anfällig für Überschwemmungen und Bodenverflüssigung nach Erdbeben. Schon als ich dorthin zog, gelobte ich mir pro-forma: „Hier kaufst du nichts.“ 

Dieser Entschluss wurde bestärkt, als ich eine Straßenbaustelle sah. Als die Arbeiter mit einem Stampfer die Erde verdichten wollten, verflüssigte sie sich durch die Vibrationen stattdessen. Rasch sprang ein zweiter Arbeiter herbei, um das wertvolle Gerät aus dem Matsch zu ziehen, in dem es gerade versank. 

Doch so einfach die Wohnungssuche ist, so anstrengend der Umgang mit Vermietern. Ich rege mich dabei gar nicht über die allerdings seltenen Ausschreibungen aus, in denen Vermieter offen sagen: „Keine Ausländer!“ Was nervt, ist das archaische Gesamtsystem, das einen Umzug sehr teuer macht. Schon vor dem Einzug sind in der Regel fünf bis sechs Monatsmieten weg, die obligatorische Umzugsfirma noch nicht eingerechnet. 

Erstens laufen fast alle Vermietungen über Makler, die gerne eine Monatsmiete an Vermittlungsgebühren verlangen. Eine weitere wird fällig, wenn der Mietvertrag verlängert wird, was oft alle zwei Jahre stattfindet. 

Zweitens gleichen die privaten Vermieter Vampiren. Sie verlangen oft ein bis zwei Monatsmieten Deposit, aus dem beim Auszug möglicherweise notwendige Renovierungen bezahlt werden. Wieviel man davon wiedersieht, hängt vom Vermieter ab. Zweitens hat ein Relikt aus Zeiten der Wohnungsknappheit nach dem zweiten Weltkrieg überlebt, das institutionalisierter Bestechung gleichkommt: das Schlüsselgeld (reikin auf japanisch). 

Als Dank für die Gelegenheit, Miete zahlen zu dürfen, bezahlen die Japaner seither zwar nicht immer, aber gerade bei guten Gebäuden oft ein bis zwei Monatsmieten vor dem Einzug. Immerhin lässt sich diese Anfangsinvestition durch Verhandlungen senken, auf die Miete umlegen oder in seltenen Fällen sogar wegverhandeln. Oft wird es auch bei der Vertragsverlängerung noch einmal fällig. Zusätzlich braucht man noch einen Bürgen oder eine weitere Zahlung für eine spezielle Bürgenfirma, die für mich als Mieter geradesteht. Aber immerhin muss ich nicht lange nach einer Wohnung suchen. 

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