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Kommentar Jeder Tag ist Frauentag

Frauen haben es jeden Tag verdient, dass sich jemand für sie einsetzt – nicht nur am Weltfrauentag.

Die Gleichheit vor dem Gesetz und die Forderung, dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf, ist in Deutschland ein Verfassungsauftrag. Quelle: plainpicture/Willing-Holtz

BonnEinmal im Jahr verteilen Unternehmen rote Rosen an die Mitarbeiterinnen, in den Innenstädten gibt es Rabattaktionen für Frauen, Medien drucken und senden und podcasten Beiträge mit Stücken von Frauen für Frauen und über andere Frauen, die was für Frauen zu sagen haben.

Mich erinnert dieser saisonale Aktionismus an diese peinlichen Apps fürs Smartphone. Da kann man sich – Männer wie Frauen, so viel Gerechtigkeit muss sein – mit zwei Klicks einen astreinen Six-Pack ins Selfie mogeln, obwohl unterm straff-sitzenden T-Shirt schon lange ein Feinkostgewölbe wohnt.

„Wir würden ja gerne Frauen fördern, aber es sind keine da. Zeigen Sie mir, wo es diese jungen Frauen gibt, dann nehmen wir sie sofort”, hört man immer wieder in den Unternehmen aber auch von Veranstaltern, denen es sogar im Jahr 2018 noch ohne einen Anflug von Schamesröte im Gesicht gelingt, eine Bühne ausschließlich mit männlichen Speakern zu besetzen.

Noch schlimmer ist eigentlich nur der vermeintlich super-faire Satz: „In unserem Unternehmen zählt nicht das Geschlecht, sondern einzig und allein die Leistung“, der im Grunde nichts anderes ist, als das Festhalten an Jahrzehnte alten Diskriminierungs-Mechanismen. Versuchen Sie mal als Frau ohne Seilschaft in einer männlich dominierten Umgebung Karriere zu machen.

Aber zurück zum Weltfrauentag – schön und gut, dass ihnen heute wieder Rosen und Pralinen zugesteckt werden, aber ich finde, dass Frauen es jeden Tag verdient haben, dass sich jemand für sie einsetzt. Dass ihnen jemand die Hand reicht auf dem Karriereweg nach oben. Dass ihnen jemand eine Bühne auf Veranstaltungen und eine Stimme in den Medien gibt – das machen wir zum Beispiel in unserem Online-Spezial „The Shift” oder mit unserem Businessnetzwerk „Leader.In”.

Aber bitte nicht nach dem Motto: „Fixing the Women” mit Hilfe von hübsch illustrierten Karriere-Ratgebern, exklusiven Coachings oder Mentoring-Programmen, die Frauen beibringen wollen, wie sie das männliche System adaptieren und sich schön brav anpassen.

In meiner Idealvorstellung spielt ein Datum wie der 8. März einfach keine Rolle mehr. Dafür nehme ich gerne in Kauf, jeden Tag von Freunden und Bekannten belächelt oder aufgezogen zu werden als die Feministin vom Dienst. Wenn es um das Thema Homo-Ehe geht, werde ich übrigens auch gerne als Support angefragt – schließlich bin ich mit einer Frau verheiratet, was mich offenbar hinreichend qualifiziert.

Aber wissen Sie was? Wenn mir irgendwer zwischen montags und sonntags blöd kommt, weil mir das Thema Gerechtigkeit an 365 Tagen im Jahr am Herzen liegt, weise ich ihn freundlich darauf hin, dass es als Journalistin meine tägliche Aufgabe ist, den Finger in die Wunde zu legen.

Kleiner Exkurs in unser Grundgesetz: Die Gleichheit vor dem Gesetz und die Forderung, dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf, ist in Deutschland ein Verfassungsauftrag. Wenn das nicht oder nur unzureichend erfüllt wird, dann ist das nicht nur mein Recht, sondern die Pflicht von allen Kolleginnen und Kollegen, darüber zu berichten. Tag für Tag.

Letztens saß ich abends mit meiner Frau vor dem Kamin und blätterte in einem Buch. Da schrieb einer: „Und vielleicht sind die Geschlechter verwandter, als man meint, und die große Erneuerung der Welt wird vielleicht darin bestehen, daß Mann und Mädchen sich, befreit von allen Irrgefühlen und Unlüsten, nicht als Gegensätze suchen werden, sondern als Geschwister und Nachbarn und sich zusammentun werden als Menschen, um einfach, ernst und geduldig, das schwere Geschlecht, das ihnen auferlegt ist, gemeinsam zu tragen.“

Der Satz stammt von dem Lyriker Rainer Maria Rilke – er schrieb ihn im Jahr 1903.

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