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Kommentar Macrons Freundschaft zu Trump hat einen doppelten Boden

Beim Treffen mit US-Präsident Trump bestimmt Emmanuel Macron die Umgangsformen. Die zur Schau gestellten Emotionen nimmt in Frankreich niemand ernst.

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Eine besondere Männerfreundschaft verbindet angeblich Donald Trump und Emmanuel Macron. Beim Besuch des französischen Präsidenten in Washington zeigt sich die Doppelbödigkeit dieser Sonderbeziehung. Macrons Kussattacke auf den erstarrten US-Präsidenten eröffnete am Montag die Freund- oder Feindseligkeiten. In Frankreich völlig normal, wirkt ein Männerkuss in den USA fast wie ein homosexuelles Statement.

Macron griff zu einer wohlkalkulierten Grenzüberschreitung, um Trumps berüchtigtem, als Händeschütteln getarnten Kräftemessen zu entgehen und auch, um zu demonstrieren: Unsere Sonderbeziehung läuft nicht nach amerikanischen Regeln.

Möglicherweise hat das Trump doch etwas gewurmt. Jedenfalls war das Abwischen der imaginären – Macron ist stets wie aus dem Ei gepellt - Schuppen von Macrons Revers („Er muss perfekt aussehen, er ist perfekt“, so Trump) im besten Fall ein danebengegangener Witz auf Kosten des Gastes, eher aber der bewusste Versuch, ihn lächerlich zu machen.

Schockiert ist in Frankreich niemand. Seit Trumps stillosen Bemerkungen über Brigitte Macron („hat sich ja gut gehalten“) beim Besuch in Paris 2017 macht sich niemand Illusionen über die Manieren des Dauer-Twitterers.

Wenn Macron ihn trotzdem umgarnt, immer wieder betont, dass sie viel gemein hätten, „niemand mit ihrem jeweiligen Sieg rechnete“ und sie „beide nicht so leicht ihre Meinung ändern“ gilt das als anerkennenswerter Versuch, Trump einzuhegen. In Frankreich sagt man dazu „c’est de bonne guerre“, wörtlich: das ist gute Kriegstaktik. Wir sprechen friedfertiger von einem legitimen Vorgehen.

Es ist allgemein bekannt, dass Macrons Freundschaft zu Trump eine reine Kopfgeburt ist. Breit in der Öffentlichkeit zelebrierte Emotionen in der Politik nimmt man in Frankreich ohnehin nicht ernst.

Wenn man in Deutschland fast ehrfurchtsvoll sagt, zwei Politiker seien „wirklich befreundet“, versteht man das in Frankreich nicht. Alles ist Staffage, kalkuliert und nicht zum Nennwert zu nehmen. Was zählt, sind die politischen Resultate.

Das ist kein Zynismus, sondern emotionsfreie Machtpolitik, die Frankreich seit Jahrhunderten eingeübt hat. Ludwig XIV ließ seinen zu stark gewordenen Finanzminister Fouquet inhaftieren, einen Tag nachdem er ihm die Ehre gab, dem Einweihungsfest auf Fouquets Schloss beizuwohnen. Keine Tat aus Eifersucht, sondern aus Sorge um die königliche Macht.

Macrons Freundschaft mit Trump ist eine Inszenierung, das weiß man in Paris. Entscheidend ist, ob der französische Präsident liefern kann.

Am Mittwoch sind sich die Kommentatoren da noch nicht einig. Eine gewisse Öffnung im Hinblick auf den Iran sei bei Trump nach den Gesprächen mit Macron festzustellen, sagen die einen, während die anderen vermuten, der US-Präsident bleibe hart.

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