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Konjunktur Der lange Aufschwung wird noch länger

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für Deutschland weiterhin Wachstum. Arbeitnehmer dürfen sich auf kräftig steigende Löhne freuen. Eine Analyse.

Dank der guten Konjunktur dürften die Löhne in Deutschland bald kräftig steigen. Quelle: dpa

BerlinEs kann noch eine Weile aufwärts gehen mit dem Wirtschaftswachstum in Deutschland, nur wird es in diesem Jahr wohl nicht weiter beschleunigt: Zu dieser Einschätzung gelangen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute an diesem Donnerstag in ihrer Gemeinschaftsdiagnose für die Bundesregierung. Vor vier Wochen waren dieselben Konjunkturforscher der Institute Ifo, DIW, IfW, IWH-Halle und RWI sogar noch optimistischer: Auf zweieinhalb Prozent setzten sie ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr nach oben.

Dass die Konjunkturforscher wieder etwas vorsichtiger sind, ist der schwachen Industrieproduktion im Monat Februar geschuldet: Sie hatte hatte überraschend gar nicht zugelegt, war sogar gesunken. Auch wenn im März wieder mehr produziert wurde, „mussten wir die Erwartungen für das erste Quartal zurücknehmen“, sage Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Im Vergleich zur Gemeinschaftsdiagnose aus dem letzten Herbst sind 2,2 Prozent Wachstum in diesem und 2,0 Prozent im nächsten Jahr allerdings eine Steigerung um jeweils 0,2 Prozent. Denn einschließlich Dezember und Januar, zwei äußerst guten Monaten, läuft die Wirtschaft trotz der Exporteintrübung aus dem Februar unterm Strich immer noch besser als die Ökonomen erwartet hatten. Für das zweite Quartal gehen die Forscher auch bei der Industrieproduktion wieder von Wachstum aus: Im Februar gab es viele Streiktage und eine stärkere Grippewelle mit mehr Krankheitstagen als üblich.

Die zwischen zwei und zweieinhalb Prozent schwankenden Erwartungen zeigen: Der kräftige deutsche Langzeitaufschwung dürfte in nächster Zeit weitergehen und voraussichtlich nicht in einen abrupten, sondern gegen Ende 2019 in eine sanfte Abkühlung münden. „Ich mache mir keine großen Sorgen vor einem starken Abschwung“, sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner.

Das Wachstum sorgt weiter für mehr Beschäftigung. Bis zu eine Million neue Jobs sollen bis Ende 2019 entstehen. Fachkräfte werden so noch knapper, als sie es in vielen Branchen schon sind – und damit dürften bis Ende 2019 auch endlich die Löhne stärker steigen: Brutto sollen sie im Durchschnitt um drei Prozent zulegen, netto oft sogar stärker: Denn die Große Koalition entlastet die Bürger bei Sozialbeiträgen und steuerlich bei der kalten Progression.

Aus konjunkturellen Gründen wären diese Entlastungen nicht nötig: Denn im Boom sollte nach der reinen ökonomischen Lehre der Staat keine fiskalischen Impulse setzen. Fichtner räumte allerdings ein, dass antizyklische Finanzpolitik nur schwer durchzuhalten sei. Die Koalition sollte aber darauf achten, die Ausgaben nicht allzu sehr auf breiter Front zu erhöhen – weil sich dies im Abschwung dann auf jeden Fall rächen werde. Die Regierung müsse auf Nachhaltigkeit der Finanzen achten: Noch mehr Mütterrente sei da die falsche Priorität. „Im Boom wächst die Gefahr finanzpolitischer Fehlentscheidungen“, warnt IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths.

Den Koalitionsvertrag finden die Ökonomen unterm Strich aber an vielen Punkten sogar gut: Die Ausgaben für Bildung, Innovation, Digitales, bessere Anreize für Langzeitarbeitslose zur Annahme von Jobs und den Ausbau von Kitas halten sie für richtig: Im nächsten Jahrzehnt, wenn die Zahl der Rentner im Vergleich zu den Erwerbstätigen stark steigen wird, sei es dann hoffentlich einfacher für Frauen, auch in Vollzeit zu arbeiten und für Ältere, länger berufstätig zu bleiben und nicht mehr in Frührente gedrängt zu werden.

Mit Blick auf den Arbeitsmarkt der 2020er Jahre empfehlen die Ökonomen ein Umdenken in der Einwanderungspolitik: Um hochqualifizierte Einwanderer müsse Deutschland werben und bürokratische Hürden senken. Das fange dabei an, Informationen im Internet nicht nur auf Deutsch anzubieten. Zudem müssten Unternehmen und Regierung mehr tun, damit hochqualifizierte Ausländer länger im Land bleiben: Bisher seien sie meist nur kurz im Lande.

Überhitzungsgefahren für die deutsche Konjunktur sieht bisher nur eines der Institute, das Kieler IfW. Die anderen Experten betonten eher, dass die Kapazitäten aktuell noch nicht so stark ausgelastet seien wie in früheren Boomphasen. Auch die Inflation bleibe mit 1,7 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr mäßig. Im Euro-Raum, in dem alle Länder Wirtschaftswachstum verzeichnen, bleibt sie mit 1,5 und 1,7 Prozent noch darunter: Eine drastische Zinswende werde die Europäische Zentralbank deshalb nicht einleiten, erwarten die Ökonomen.

Ob all diese Erwartungen tatsächlich eintreten, hängt vor allem von äußeren Einflüssen ab: Wenn sich die Handelskonflikte, die US-Präsident Donald Trump befeuert hat, verschärfen, wird Deutschland das zu spüren bekommen – die Exportzahlen würden sinken. „Genauso wäre es aber auch möglich, dass die Konflikte gelöst werden“, sagte Wollmershäuser: Dann gäbe es stärkeres Wachstum der Weltwirtschaft, und auch in Deutschland.
Sollte die Unruhe an den Finanzmärkten in einen Börsenabsturz münden, könnte der Aufschwung auch schneller enden als erwartet. „Die Stimmungsindikatoren werden seit einiger Zeit schlechter“, sagte IWH-Konjunkturchef Oliver Holtemöller.

Stärker in den Blick nehmen sollte die Regierung den internationalen Steuerwettbewerb. Die US, Großbritannien und Frankreich würden Unternehmenssteuern senken. Deutschland sollte „international koordiniert“ vorgehen, also: Genau analysieren, was die anderen tun, und – wenn möglich in Absprache mit Frankreich – ebenfalls handeln und die Unternehmenssteuerlast senken.

Das Gutachten der Institute dient der Bundesregierung als Basis für die eigene Prognose, die nächste Woche veröffentlicht wird. Nach ihr bestimmt sich auch der Finanzierungsspielraum des Staates. An diesem Punkt werden die Ökonomen die Bundesregierung am Donnerstag allerdings vor Ausgaben-Übermut warnen: Die Vorhaben im Koalitionsvertrag bewerten sie in der Summe als zu teuer, hieß es.

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