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Konjunktur Industrie mit Auftragseinbruch – Größtes Minus seit April 2020

Fahrzeuge waren zuletzt weniger gefragt. Quelle: dpa

Ebbt die Sondernachfrage wegen der Pandemie ab? Die Aufträge der deutschen Industrie sind im Mai deutlich stärker eingebrochen als erwartet. Die deutsche Wirtschaft steht aber besser da, als es die Auftragslage vermuten lässt.

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Die Aufträge der deutschen Industrie sind im Mai überraschend so stark eingebrochen wie seit dem ersten Lockdown 2020 nicht mehr. Die Betriebe sammelten wegen schwacher Auslandsnachfrage 3,7 Prozent weniger Bestellungen ein als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Dienstag mitteilte. Das Neugeschäft sank damit erstmals in diesem Jahr – wohl auch, weil Lieferengpässe viele Unternehmen bremsen. „Die bestehenden Bestellungen schneller abzuarbeiten, ist ein größeres Problem für die deutschen Firmen als neue an Land zu ziehen“, sagte ING-Ökonom Carsten Brzeski. „Die Auftragsbücher sind prall gefüllt.“

Ein ähnliches Bild zeichnet der ZEW-Konjunkturindex. Die vom Mannheimer Institut befragten Börsianer schraubten ihre bereits hohen Erwartungen an den Konjunkturaufschwung in Deutschland herunter. Das Barometer sank im Juli zwar deutlich stärker als erwartet um 16,5 auf 63,3 Zähler, bleibt nach Worten von ZEW-Präsident Achim Wambach aber immer noch auf einem „sehr hohen Niveau“. Zudem sei die Lagebeurteilung erstmals seit zwei Jahren wieder positiv. „Die Normalisierung der Wirtschaftsentwicklung geht weiter.“

Ohne Lockdownfesseln: „Bei Dienstleistern spielt die Musik“

Bei den Aufträgen hatten Ökonomen sogar mit einem Anstieg von 1,0 Prozent gerechnet. Grund für den Rückgang dürfte der Materialmangel sein, sagte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. „Die Industrie hat weiterhin gute Quartale vor sich, aber vermutlich endet nun langsam die Sondernachfrage.“ Commerzbanker Ralph Solveen bilanzierte: „Der große Nachfrageboom scheint allmählich zu Ende zu gehen.“



Industriebetriebe reagierten unterschiedlich auf die Lieferengpässe, sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. „Manche Unternehmen bestellen doppelt so viel, wie sie benötigen, um wenigstens etwas an Vorprodukten zu erhalten.“ Andere warteten auf bessere Zeiten und bestellten weniger. „Die Konjunktur im zweiten Quartal wird nicht von der Industrie gemacht – es sind die Dienstleister, wo die Musik spielt“, erläuterte Scheuerle. „Befreit von den Fesseln des Lockdowns werden diese kräftig expandieren und die Schwäche der Industrie überkompensieren.“

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    Das Ministerium betonte, dass die Aufträge weiter über dem Vorkrisenniveau liegen. Gemessen am Februar 2020, dem Monat vor Beginn der Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie, kletterten die Aufträge um 6,2 Prozent. Verglichen mit dem Lockdown-Monat Mai 2020 zogen sie um 54,3 Prozent an. Von April auf Mai stiegen die Inlandsorder um 0,9 Prozent. Das Auslandsgeschäft brach jedoch um 6,7 Prozent ein. Dabei sanken die Bestellungen aus Ländern außerhalb der Euro-Zone kräftig um 9,3 Prozent, während es für Exportaufträge aus dem Währungsraum nur ein Minus von 2,3 Prozent gab.

    Ifo: So wenig Kurzarbeit wie zuletzt im Februar 2020

    Auch Daten zur Kurzarbeit signalisieren, dass es mit der Wirtschaft spürbar nach oben geht. Das Münchner Ifo-Institut schätzt, dass die Zahl der Kurzarbeiter in Deutschland von Mai auf Juni von 2,3 auf 1,5 Millionen Menschen gefallen ist und damit auf den tiefsten Stand seit Beginn der Corona-Krise im Februar 2020. „Vor allem in den Branchen mit Lockerungen der Corona-Maßnahmen gingen die Zahlen stark zurück“, sagte Ifo-Umfrageexperte Stefan Sauer. Demnach gab es im Gastgewerbe einen Rückgang 520.000 auf 331.000. Das seien aber immer noch 31,1 Prozent der dortigen Beschäftigten.

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    Die deutsche Wirtschaft war Anfang 2021 im Lockdown noch um 1,8 Prozent geschrumpft. Im zu Ende gegangenen Quartal dürfte sich die Konjunktur dank Öffnungen und Lockerung bereits merklich erholt haben. Für den laufenden Sommer rechnen Ökonomen ebenfalls mit spürbarem Wachstum - trotz der Lieferengpässe.

    Mehr zum Thema: Ausbleibende Aufträge sind nicht die einzige Sorge der Industrie. Sie wehrt sich gegen das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung – schließlich muss sie das Ziel umsetzen, nicht die Politik.

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