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Lieferheld Das Drei-Milliarden-Start-up

Weil Kochen häufig Pflicht statt Hobby ist, bestellen sich fünf Millionen Deutsche ihr Dinner bei Lieferheld. Warum das Start-up die Lebensmittelbranche Europas beeinflusst und was Rocket Internet damit zu tun hat.

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Rund fünf Millionen Deutsche haben schon einmal bei Lieferheld, der Deutschland-Tochter von Delivery Hero Essen bestellt.

Berlin In unserer Reihe „Start-up des Monats“ stellen wir Ihnen regelmäßig ein innovatives Unternehmen vor. Heute geht es um Lieferheld, die Deutschland-Tochter von Delivery Hero.

Es duftet nach Kräutern, die Zwiebeln brutzeln in der Pfanne. Der Partner nimmt die Kartoffeln aus dem Ofen und schenkt Wein ein. Gemeinsames Kochen kann schön sein. Wenn man verliebt ist, am Wochenende, im Urlaub oder bei den Eltern. An den anderen 300 Tagen im Jahr ist es für viele Menschen eine Pflicht. Einkaufen gehen, Zutaten schneiden, um dann alleine zu essen. Lästig. Also bestellt man sich etwas: Pizza, Pasta, Chinesisch. Doch woher weiß man, wer das leckerste Essen in seiner Stadt anbietet? Seit ein paar Jahren gibt es deshalb einen Trend: Essen per App.

Im September vor fünf Jahren haben Claude Ritter und Nikita Fahrenholz den Online-Dienst Lieferheld gegründet. Heute sitzt die Firma in Berlin-Mitte, Mohrenstraße 60. Im Eingang steht ein riesiger Papp-Aufsteller des Lieferhelden, ein Superman-Verschnitt mit eigenem Logo. Der Warteraum sieht aus wie der eines Hotels: bequeme Couches, eine mondäne Uhrenkonstellation mit Uhrzeiten in London oder Sydney. An den Wänden hängen Karteikarten mit Konzernplänen. Wer was zu tun hat, weiß man bei Lieferheld also spätestens beim Betreten des ersten Gangs. Ungefähr zumindest.

Nicht umsonst ist auf der Uhr nicht nur die deutsche Zeit zu sehen. Das Unternehmen ist stark international ausgerichtet. Und das gleich seit der Gründung in 2010. „Wir wussten aufgrund der Wachstumszahlen: In diesem Geschäft steckt Potential. Also sind wir 2011 direkt auch in den internationalen Markt gegangen“, sagt David Rodriguez, Geschäftsführer von Lieferheld. Der Umsatz sei nach nur einem Jahr um 50 Prozent gewachsen (im Vergleich zum Vorjahresmonat). Weil es sich um ein internetbasiertes Geschäftsmodel handelt, gab es laut Rodriguez keinerlei Gründe, nicht global zu denken.

„Wir haben ein Geschäftsmodell, das gut skalierbar ist.“ Also einordnen, in welchem Land Lieferheld wie gut ankommen würde. Deshalb haben Claude Ritter und vier andere Lieferheld-Verantwortliche 2011 Delivery Hero gegründet: den Mutter-Konzern von Lieferheld. In Deutschland würden die meisten Unternehmer den Fehler machen, anfangs klein zu denken. „Hier können wir uns von der US-Gründungskultur was abgucken“, sagt Rodriguez.

Und tatsächlich: Spätestens seit Anfang 2015 der größte Online-Start-up-Inkubator Deutschlands – Rocket Internet – investiert hat, geht alles in Richtung „Think Big“. Rund 550 Millionen Euro haben die Samwer-Brüder alleine in den vergangenen paar Monaten in Delivery Hero gesteckt. Für 38,5 Prozent der Firmenanteile. „Das Schöne ist: Konsum endet nie“, sagte Oliver Samwer bei der Rocket-Hauptversammlung in der vergangenen Woche.

Zuvor hatten bereits in zwölf Finanzierungsrunden mehrere Kapitalinvestmentgeber Geld gegeben, darunter Texas Atlantic Capital, Luxor Capital Group und Holtzbrinck Ventures. Insgesamt ist Delivery Hero mittlerweile 2,8 Milliarden Euro wert und ist somit das höchstbewertete Start-up Europas.

„Kochen ist schön, aber bitte nicht heute“ lautet das Motto von David Rodriguez. Der Spanier ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Berlin, sie ist ebenfalls aus Spanien. „Wir sind nach mittlerweile 25 Jahren sehr eingedeutscht“, sagt der CEO und lacht. Er selbst bestellt nämlich am liebsten bei der „Ratsschenke“, ein Restaurant für gute, deutsche Küche. Eine Schenke halt. Er scheint sich bei Lieferheld wohlzufühlen, sitzt beim Gespräch mit dem Handelsblatt entspannt auf seinem Stuhl. Genauso wie Flaconi, dem Start-up des Monats Mai, gibt es hier Themen-Räume. In der Parfümschmiede Flaconi waren es Chanel und Dior, bei Lieferheld gibt es eben einen Marvel-Raum.


Die Lieferheld-App im Test

Rodriguez ist erst seit 2014 Geschäftsführer bei Lieferheld, vorher hat er bei der Konkurrenz gearbeitet: Lieferando. Außerdem war der Spanier unter anderem bei KPMG, Ebay und eDarling tätig. Lieferando ist mittlerweile die größte direkte Konkurrenz von Lieferheld. Allerdings haben die Helden einen Vorsprung: Vor zwei Jahren kauften sie Pizza.de. Der Lieferdienst wurde 2007 gegründet und galt bis 2014 als Marktführer in der Online-Food-Branche.

„Der durchschnittliche Pizza.de-Kunde ist 27 Jahre alt und haben einen Job“, sagt David Rodriguez zu dem Kauf des Konkurrenten. Das würde sich zum Lieferheld-Kunden insofern unterscheiden, dass dieser jünger sei und noch nicht unbedingt mitten im Leben stehe. Wegen dieser Unterschiede sei die Übernahme interessant geworden. „Wir wollen auf jeden Fall beide Marken erhalten. Pizza.de ist stark und die Kunden sind sehr loyal.“

Das Handelsblatt testet Lieferheld

Mit Anfang 20 bestellt man also eher bei Lieferheld. Und das bestellen per App lohnt sich. Man spart sich die schwierige Kommunikation mit Restaurantbesitzern. Ein Klick statt fünfmaliges Wiederholen des Wunschgerichts. Zudem ist die App leicht zu bedienen, der Überblick über die Restaurant-Richtungen ist klar: Mediterran, Pizza, Internationale Küche, Asiatisch, Burgers & Co, Oriental, Indisch, Sushi und Gourmet. Es kann jedoch vorkommen, dass manche Restaurants in mehreren Kategorien aufgeführt werden.

Für eine gelungene Wahl gibt es sowohl den Heldenrang, das interne Ranking, welches Restaurant in welcher Kategorie das beste ist, als auch die traditionelle Kundenbewertung. Doch trotz des doppelten Auszeichnungssystems kann es natürlich sein, dass man mal daneben liegt bei seiner Wahl des Restaurants – oder des Gerichts. Zwei Kritikpunkte gibt es noch: Erstens, dass man in der Suche keine groben Richtung wie „Frühstück“ angeben kann. Entweder der hungrige Nutzer geht über die Kategorie oder er sucht gezielt ein Restaurant. Zweitens kann der Mindestbestellwert zwischen den Anbietern stark variieren. Weil Lieferheld diese Festlegung den Restaurantbesitzern selbst überlässt, ist es nur eine indirekte Kritik. „Wir empfehlen unseren Partner-Restaurants, den Mindestbestellwert nicht über zehn Euro anzusetzen“, sagt Rodriguez dazu. Oft soll der Lieferheld-Kunde aber 15 oder 20 Euro zahlen, um bestellen zu dürfen.


Kommt noch 2015 der Börsengang?

Es gibt laut dem Geschäftsführer viele Vorteile für die Restaurants, bei Lieferheld mitzumachen. Die Betreiber müssten das Marketing nicht selbst machen und würden Zeit sparen, indem sie die Anrufe der Kunden nicht mehr entgegennehmen müssen. Die Erklärung, wie genau eine Lieferheld-Bestellung für ein Restaurant abläuft, sehen Sie im Video. 20 Leute kümmern sich bei Lieferheld um die Marketing-Strategien. Besonders TV-Werbung sei für das Start-up vielversprechend: ProSieben mehr als RTL. „Ein weiterer Vorteil für die Restaurants ist der Kundenservice von Lieferheld.“ 70 Menschen betreuen dort die Kunden. Insgesamt arbeiten bei Lieferheld 400 Leute, weltweit rund 1500.

Seit 2014 ist das Unternehmen nach eigenen Aussagen profitabel. Das Wachstum sei von Anfang an schnell gestiegen. Man habe anfangs daran arbeiten müssen, die Zuverlässigkeit der Lieferheld-Restaurants zu kontrollieren. Rodriguez: „Heute können wir Verlässlichkeit und Qualität der Restaurants sehr viel besser messen und fördern als in der Anfangszeit.“ Heute sei die Datenbasis stark gewachsen und man könne die Daten besser interpretieren.

Große Pläne gibt es bei Lieferheld derzeit übrigens nicht. (Mehr dazu lesen Sie in der Kurztextgalerie.) In Betracht gezogen wird ein Börsengang im Jahr 2016 – mit Delivery Hero. „Jetzt gerade genießen wir noch die Vorzüge, die es hat, in privaten Händen zu sein“, sagte Niklas Östberg, Delivery-Geschäftsführer, dem IT-Online-Magazin „TechCrunch“. Im nächsten Jahr könnte man in Berlin über einen Gang an den Handelsmarkt nachdenken, 2015 noch nicht.

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