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Design Schön auf dem Teppich

Gebleicht, gewaschen, geschoren: Katrin ten Eikelder, Gründerin des Teppich-Start-ups The Knots, mit einem etwa 60 Jahre alten Vintageteppich aus Anatolien Quelle: Florian Reimann

Warum der einst verpönte Bodenbelag plötzlich wieder beliebt ist – und was deutsche Designer damit zu tun haben.

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Entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn, dazwischen gibt es nicht viel. Die einen finden ihn pauschal spießig, die anderen unverzichtbar. Für manche gibt es kein besseres Gefühl, als ihn barfuß zu betreten, andere befürchten vor allem, ihn mit Rotwein zu besudeln, und verzichten lieber ganz. Kaum ein Einrichtungsgegenstand polarisiert so stark wie der Teppich.

Man könnte an dieser Stelle über das Laufgefühl schreiben, die Gemütlichkeit und Akustik eines Raums, die er überhaupt erst ermöglicht oder wenigstens verbessert. Oder die Gelegenheit, Farben und Muster in einen Raum zu bringen und damit bestenfalls Kunst nicht nur an die Wand zu hängen, sondern darüber hinwegzulaufen. Welcher Stuhl, welcher Tisch, welches Sofakissen kann das schon von sich behaupten?

Und trotzdem: Als Einrichtungstrend hatte er in den vergangenen 50 Jahren keinen leichten Stand, dafür war sein Image zu wechselhaft. Mal galt er als topmodern, mal als Inbegriff deutscher Spießbürgerlichkeit wie sonst nur Gelsenkirchener Barock und Eiche rustikal.

Leuchtende Farben: Jürgen Dahlmanns ist einer der einflussreichsten deutschen Teppichdesigner. Waterlily No.14 LoveJoy kostet 16.500 Euro Quelle: PR

Teppiche existieren ebenso lange wie der Mensch selbst. Bereits in steinzeitlichen Höhlen wurden Tierfelle ausgelegt, um den kalten Untergrund abzudämmen. Das Bärenfell war eine der ersten Dekorationen, mit der der Mensch sich etwas Gemütlichkeit ins damals noch fensterlose Heim legte. Symbolische Erhöhung erfuhr er in der griechischen Mythologie: Agamemnon wurde nach Siegen ein roter Teppich ausgerollt. Bis ins 19. Jahrhundert schmückten Teppiche vor allem die königlichen Häuser und waren damit ein Privileg der Adligen. Erst vor etwa 100 Jahren wurde der Orientteppich durch die Kolonialhändler ins bürgerliche Ambiente gebracht.

Ab dann erlebte er einen veritablen Siegeszug, auch weil er zum Statussymbol all jener wurde, die es geschafft hatten, materiell zumindest: je reicher der Haushalt, desto größer der Teppich. Nur arme Bauern mussten sich in ihren Stuben über blanke Holzdielen quälen. Bis in die Siebzigerjahre war in Deutschland vor allem der Orientteppich ein wichtiges Statussymbol, mindestens so essenziell wie der Mercedes in der Garage.

In den Neunzigern verlor der textile Untergrund dann an Status, fortan wollten die Deutschen lieber auf Laminat-, Beton- und Holzböden wandeln. Durchaus nachvollziehbar, ist es doch wesentlich hygienischer, feucht durch die Wohnung zu wischen, anstatt über den Perser zu saugen. Teppiche wurden in jedem Vorstadt-Möbelhaus verramscht und waren bei der stilbewussten Klientel verpönt.

Doch wie bei jedem Trend gibt es immer auch einen Gegentrend. Und den hat in Deutschland vor allem ein ehemaliger Waldorfschüler zu verantworten. Jan Kath ist aktuell der prominenteste Teppichdesigner des Landes und Urheber des „used look“, jener künstlichen Schäbigkeit, die an moderne Malerei erinnert, an Übermalungen und Abkratzungen. Im Gegensatz zu den formvollendeten Persern wirken seine Werke irritierend ungleichmäßig und farbenfroh.

Kath gründete seine Firma ausgerechnet in jener Zeit, als der Einrichtungsgegenstand ziemlich aus der Mode gekommen war. Schuld war eine Mischung aus Zufall und Geldnot. Vor etwa 20 Jahren war er mit allen Habseligkeiten im Rucksack in Südostasien unterwegs, als ihm in Kathmandu das Geld ausging. Auf der Straße traf er einen alten Geschäftspartner seines Vaters, der ihm einen Job in seiner Teppichfabrik anbot. Zwei Jahre später ließ sich Kath sein Erbe auszahlen und kaufte die Fabrik, mit Anfang 20, ohne Designausbildung. Heute kostet ein Quadratmeter seiner Bodenbeläge zwischen 1500 und 3000 Euro, Kath hat etwa 30 Mitarbeiter.

Im Jahr 2016 wurden Teppiche im Wert von knapp 1,1 Milliarden Euro nach Deutschland importiert, die Masse stammt aus Indien, Nepal, Iran und Pakistan. Heute besucht Kath die dortigen Teppichmanufakturen so oft, dass er Nepal schon als seine „zweite Heimat“ bezeichnet.

Mit seinen Stücken verbindet er klassische Aspekte des Orientteppichs mit modernen und minimalistischen Elementen – und erweckte damit das Interesse einer ganzen Generation. „Ich wollte die Sehgewohnheiten der Kunden brechen“, sagt Kath. Hauptsache, weg von strengen Gestaltungsregeln – aber eben gepaart mit solidem Geschäftssinn.

„Über einen Teppich zu laufen sollte sich gut anfühlen“

Weil der deutsche Kunde im Einrichtungssegment vor allem markenorientiert einkauft, hat Kath sich recht früh mit der eigenen Imagebildung befasst und in eindrucksvolle Fotoshootings investiert, die seine Teppiche stilbildend in Szene setzten – etwa eine Katalogproduktion in der Essener Zeche Zollverein, die seine Teppiche inszeniert wie Mode. „Branding ist dem Konsumenten wichtig“, sagt der 46-jährige Bochumer. Heute werden Kaths Werke von prominenten Kunden aus aller Welt gekauft, etwa vom Fürstenpaar aus Monaco und von Bill Clinton. Sogar der Papst soll einen Teppich von ihm besitzen.

Dabei verkauft Kath noch immer jedes dritte Exemplar nach Deutschland. „Der Markt hierzulande ist traditionell der stärkste für uns“, sagt Kath. Auch der arabische Raum und Russland seien wichtig, wobei seine Teppiche nach dem Einbruch des Rubel in Russland leider doppelt so teuer geworden seien. Dass seine Modelle so viel kosten, sieht Kath pragmatisch. „Viele Menschen haben bei Teppichen zunächst nur einen visuellen Eindruck im Kopf, aber es geht auch um ein Sinneserlebnis“, sagt Kath. „Über einen Teppich zu laufen sollte sich gut anfühlen.“ Wichtig sei deshalb vor allem Qualität. Kath verwendet handgesponnene Garne anstatt maschinengesponnene Wolle. „Natürlich steigt dadurch auch der Preis unserer Produkte, aber was bringt es denn, sich alle vier Jahre neu einzurichten, anstatt einmal hochwertig, aber dafür langfristig?“

Kath will mit seinen Teppichen „Collectibels of Tomorrow“ schaffen, Erbstücke für die nächste Generation. Steuern lässt sich dieser Wunsch aber nur bedingt: Weil sich jede Generation grundsätzlich von der vorigen abgrenzen will und sich das vor allem im Wohnbereich verdeutlichen lässt, werden deutsche Auktionshäuser derzeit von Biedermeiermöbeln geschwemmt, einst der Inbegriff des Bildungsbürgertums. Menschen, die diese Möbel von ihren Eltern oder Großeltern geerbt haben, wollen sie nach Haushaltsauflösungen offensichtlich ganz schnell wieder loswerden. Ob dieses Schicksal eines Tages auch den Teppichen widerfährt? Für solche pessimistischen Gedanken sind die Teppichdesigner, die in den vergangenen Jahren in Deutschland ihre Firmen gegründet haben, derzeit zu beschäftigt.

Teurer Boden: Jan Kath ist der Star der deutschen Teppichdesigner. Sein Kirman Robson Sidekick kostet 2300 Euro - pro Quadratmeter Quelle: PR

Da wäre zum Beispiel Jürgen Dahlmanns, neben Kath der einflussreichste deutsche Teppichdesigner, der am Niederrhein aufgewachsen ist und in Berlin Architektur studierte. 2002 rief er das Berliner Label Rug-Star ins Leben und entwarf als einer der ersten Deutschen für den Möbelriesen Ikea. Einige seiner Teppiche sehen denen Kaths recht ähnlich, preislich unterscheiden sie sich ebenfalls nur marginal. Auch Dahlmanns will klassische Perserteppiche mit modernen Elementen versehen, aber er schafft auch neue und erfrischende Muster – etwa mit Schmetterlingen und bunten Heuschrecken.

Symbol der Behaglichkeit

Eine weitere interessante Gründung in der Szene ist The Knots. Katrin ten Eikelder, 33 Jahre alt und gebürtige Kölnerin, hat früher im Business-Development bei Hugo Boss gearbeitet und verkauft seit 2014 von Berlin aus bunt eingefärbte Vintage-Orientteppiche, die bereits ab 500 Euro zu haben sind – mit zunehmendem Erfolg. Ihre Produzenten kennt sie alle persönlich, sagt ten Eikelder. „Mein Ziel ist es, langlebige Produkte zu schaffen.“ Der Anspruch, nachhaltig zu produzieren und auf faire Arbeitsbedingungen zu achten – auch das scheint in der aktuellen Teppichproduktion eine wichtige Rolle zu spielen. Ein Lebensstil und ein Bewusstsein, das dem aktuellen Zeitgeist entspricht – und das sich der Kunde mit der Einrichtung guten Gewissens in die Wohnung holen will.

Auch international gefragte Gestalter kreierten in den vergangenen Jahren besondere Teppiche: Die spanische Stardesignerin Patricia Urquiola hat 2014 Teppiche in Patchworkoptik für die Möbelmarke Gandia Blasco entworfen, das Label Nanimarquina aus Barcelona lässt regelmäßig prominente Modedesigner Teppiche für die eigene Linie produzieren – und beweist, wie gut Tradition und Stil zusammenpassen.

Vielleicht ist der Grund für die Beliebtheit des Teppichs ja auch dieser: Je düsterer es in der Welt zugeht, desto eher zieht es die Menschen in ihre eigenen vier Wände – und desto gemütlicher wollen sie es dort haben. Der Teppich als Symbol für die eigens geschaffene Behaglichkeit? Denkbar. Oder wie es Jan Kath formuliert: „Wenn ich Ihnen heute einen Teppich in die Wohnung lege und in zwei Tagen unvermittelt wieder wegnehme, wird sich das nicht gut anfühlen.“

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