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Einrichten für Singles „Bei der Wohnung hört die Lüge auf“

Die Zahl der Singlehaushalte wächst ungebrochen. Was das für den Möbelkauf bedeutet, wie sich die Industrie auf Singlehaushalte einstellt und warum die Wohnung auch für die Partnersuche entscheidend ist.

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Andrea Heppe ist Gründerin des Unternehmens Stilquelle aus Bonn.

Frau Heppe, die Zahl der Einpersonenhaushalte in Deutschland steigt seit Jahrzehnten an, derzeit sind es mehr als 16 Millionen. Ist das für die Möbelindustrie eine spezielle Zielgruppe?
Andrea Heppe: Sie sollte es vielleicht sein, aber bislang hat die Möbelindustrie noch nicht daran gedacht. Da ist beispielsweise die Nahrungsmittelindustrie weiter, die Portionsgrößen dieser gesellschaftlichen Entwicklung angepasst hat.

Vita

Sie halten auf der nun beginnenden Möbelmesse in Köln einen Vortrag zum Thema „Einrichten für Singles“. Warum braucht es den?
Die Wohnung ist ein Rückzugsort, Sicherheitsraum, Lebensraum und Standort. Aber das Mega-Angebot auf dem Möbelmarkt ist verwirrend. Die wenigsten Menschen fragen sich, wie sie sich einrichten wollen, sondern kaufen etwas, weil sie es schön finden und haben einen riesigen Stilmix. Für Singles – oder auch Menschen in einer Beziehung, die dennoch getrennt wohnen - stellen sich die Fragen anders als für Menschen in einer gemeinsamen Wohnung. Oder sie fragen sich das gar nicht. Oft reicht es schon, die eigene Wohnung zu fotografieren – dann entdeckt man Ecken, die einem vielleicht gar nicht, andere sehr gut gefallen. Dieses Bewusstsein zu schaffen, ist sinnvoll, wenn es keinen Partner gibt, mit dem man das bespricht.


Richten Singles sich nicht grundsätzlich anders ein?
Zumindest kommt stärker zu tragen, dass Frauen in der Regel mehr Wert auf eine schöne, wohnliche Atmosphäre legen und Männer eher pragmatisch veranlagt sind. Entsprechend richten sich die Menschen in einem Haushalt, in dem keine Rücksicht auf die Wünsche eines Partners genommen werden muss, mehr nach ihren Wünschen ein. Auch die Funktionen können dann stärker variieren, der eine sieht dann das Wohnzimmer vielleicht eher als Ort für Unterhaltung mit Filmen und Spielen, der andere als Musikzimmer, der nächste als Bibliothek. Und wer selten oder gar nicht kocht, braucht kaum noch eine Küche und nutzt diesen Raum gegebenenfalls für andere Bedürfnisse.

Aber besondere Anforderungen an Tisch, Schrank und Bett haben die Alleinlebenden nicht?
Nein. Es gibt zwar viele Menschen, die als Single wohnen wollen,…

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    …laut Umfragen in Deutschland immerhin etwa vier Millionen überzeugte Singles…
    …aber ein großer Teil der Singles sucht schon eine Partnerschaft. Und was wäre der Unterschied zwischen einer Wohnung für Paare oder Singles? Es müsste schon jemand sein, der auch keine Freunde hat und nie Besuch bekommt, denn nur der hätte etwas von einer Wohnung, in der der Tisch nur groß genug ist für einen und überhaupt auch nur ein einziger Stuhl vorhanden ist. Darüber hinaus gibt es Einpersonenhaushalte, deren Bewohner durchaus eine Beziehung haben. Die Lebenssituationen sind heute so vielfältig wie nie zuvor.

    Welche Möbel die Deutschen wollen

    Einen Unterschied gibt es aber beim Geld. Einer Umfrage zufolge ist bei 80 Prozent der Singles unter 49 Jahren in erster Linie der Preis für die Wahl eines Möbelstücks ausschlaggebend für den Kauf. Menschen in gemeinsamen Haushalten hingegen haben andere Kriterien.
    Wer alleine ist, muss sich logischerweise nicht abstimmen. Wenn Sie als Paar einrichten, dann spielt das Zwischenmenschliche automatisch eine Rolle in der Entscheidung über die Einrichtung – und der Preis nimmt eine weniger dominante Rolle ein.

    Sind Singles diesbezüglich entspannter, weil sie keine Konflikte haben, ob das Sofa schwarz und Leder oder Stoff und blau ist?
    Ja, der Single bestimmt selbstbewusst alleine die Wahl, Kaufkraft und Zeit. Das ist die große „Freiheit“ am „Singleleben“ dies wird gelebt und geliebt. Einen Austausch in Fragen der Einrichtung kann sich jeder im Freundes oder Familienkreis holen.
    Eine professionelle Einrichtungsberatung bringt unter Umständen hingegen nicht nur Klarheit, Stil und Struktur in die eigenen vier Wände, sondern auch ins Leben. Wenn Sie eine Wohnung einrichten und alleine entscheiden, ist es eventuell sogar schwieriger, denn sie müssen alle Fragen mit sich selber ausmachen und mit sich selber diskutieren. Es fehlt unter Umständen der Dialog mit einem Gegenüber, der hilft, die eigenen Wünsche zu erkennen und dann anschließend auch sagen zu können, so möchte ich wohnen, das sind meine Ansprüche an Tisch, Beleuchtung oder Komfort. Räume können Funktionen haben, vom Sportzimmer bis zum Zimmer für Musik machen.

    Der steigenden Zahl an Menschen in Online-Dating-Portalen kann man entnehmen, dass die meisten Menschen doch einen Partner suchen. Welche Rolle spielt die Wohnung und die Auswahl der Möbel beim Kennenlernen?
    Es ist die Visitenkarte des Menschen, sie ist privat und intim auch ohne einen Blick ins Schlafzimmer zu werfen. Damit verkaufen sie sich. Das beginnt beim Standort und endet mit der Farbe der Tapete.

    Familienbilder stehen lassen, Kontoauszüge wegräumen

    Bevor es zu gegenseitigen Besuchen kommt, wissen doch schon die meisten Menschen durch Mails, Telefonate und Treffen auf neutralem Boden, ob sie den anderen sympathisch finden.
    Ja, aber da können sie noch eine lange Zeit sich für einen anderen Menschen geben, als sie sind. Sobald ein Mensch ihre Wohnung betritt, hört die etwaige Lüge über sich selber auf. Sie zeigen sich damit, zeigen, wer sie sind. Hier offenbaren sich Charakter, Stil, Wohnwelt und Lebenshaltung. Früher war es in Deutschland eher das Auto, das Auskunft über sie gegeben hat, das ist nicht mehr so stark der Fall. Heute übernimmt die Wohnung die Repräsentation. Mit Designermöbeln können sie ausdrücken, was sie sich leisten können. Mit der Wohnung geben Sie mehr Einblick in ihr Leben als mit einem Auto. Dazu kommt, dass Besuch in den eigenen vier Wänden eben wohl fühlen muss, so wie wir das auch in einem Restaurant erwarten. Da sind also sowohl Gedanken als auch Geld gegebenenfalls gut investiert.


    Bietet die Möbelindustrie die Produkte, um zu signalisieren, dass man an einer Partnerschaft interessiert ist?
    Natürlich, und diese Haltung sollte man bei der Auswahl der Einrichtung auch signalisieren. Das einfachste ist sicher ganz banal ein Bett mit zwei Kissen und zwei Decken. Und natürlich sollten die Möbel im besten Sinne Raum bieten – ich habe Fälle erlebt, in denen jede freie Fläche, die nicht unbedingt nötig war für die eigene Person, mit Akten belegt war. Alle Stühle, fast die gesamte Tischfläche. Da braucht es dann nicht mal eine neue Einrichtung, sondern zunächst mal nur den Willen, Platz zu machen und aufzuräumen. Aber selbstverständlich signalisieren sie mit ausreichend Sitzgelegenheiten, einem Sofa statt eines Sessels, dass sie das gemeinsame Leben, oder doch zumindest gemeinsame Zeit, wünschen.


    Welche groben Fehler sollte man vermeiden?
    Das ist nicht anders als bei der Auswahl der Kleidung – es muss authentisch sein. Es muss zu ihrer Persönlichkeit passen. Selbstverständlich sind wir alle umgeben von neuen Trends und Entwicklungen, die wir mitmachen sollen. Das müssen wir aber gar nicht. Es gibt kein Muss, die neue Generation Schrankwand zu kaufen oder die Wohnung mit der Wandfarbe der Saison zu streichen, wenn ich mich nicht wohlfühle. Wenn die Wahl ihrer Möbel einem etwaigen Partner nicht akzeptiert, dann bringt er damit zum Ausdruck, dass er sein Gegenüber nicht so akzeptiert, wie er es sollte. Also ist es sinnvoll, die eigene Persönlichkeit in der Einrichtung zum Ausdruck zu bringen, statt zu versuchen, Trends hinterherzurennen oder einfach nur viele Einzelteile zusammenzukaufen, die einem gefallen. Es sollte ein roter Faden da sein. Es gibt so viele Wohnwelten und Wohnsituationen, wenn alle den gleichen hätten wäre es doch wirklich langweilig. Respekt sich selbst und dem Gegenüber, Authentizität, Wohlfühlfaktor, Lebenslust und soziale Kompetenz helfen mit bei der Gestaltung von Wohnwelten.

    Und dann verlieben sich die Menschen und die Einrichtungsstile passen nicht zusammen, was raten Sie dann?
    Da können sich so viele Formen entwickeln. Jeder kann seine Wohnung behalten, oder zumindest ein eigenes Zimmer – oder man erarbeitet es in einem Gespräch, was der eine an der Wohnung und Einrichtung des anderen mag und konzentriert sich bei der Auswahl auf die Schnittmenge.

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      Kurz noch ein paar Tipps zur Praxis: Die persönlichsten Dinge wegräumen?
      Natürlich! Auf keinen Fall Sexspielzeug oder Dokumente über die eigenen Finanzen offen liegen lassen!

      Alles schon gesehen?
      Alles schon gesehen!

      Und das Bild von den Eltern?
      Das darf natürlich bleiben! Eine Wohnung zeigt ja auch eine Entwicklung. Das ist Teil des Lebens. Das gehört dazu. Wirklich verschwinden sollten nur die Fotos der Ex-Partner. Und wenn sie die Einrichtung aus der vorigen Beziehung so belassen haben, und die von ihrem Ex-Partner geprägt wurde und nur halb gut zu ihrer Persönlichkeit passt: Dann ist Zeit für neue Möbel.

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