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FreytagsFrage
FC Bayern München, Fußball-Bundeliga Quelle: REUTERS

Kann eine Superliga dem Fußball Marktwirtschaft beibringen?

Die Idee einer Superliga sorgt in der Fußball-Bundesliga für Furore. Ihre Gründung wäre ein interessantes marktwirtschaftliches Experiment – mit ziemlich offenem Ausgang.

Die Korruption und weitere Problem im Sport haben eine lange Tradition: staatlich gefördertes beziehungsweise betriebenes Doping, Bestechungsgelder für Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften an totalitär regierte Länder oder willkürlich ausgesprochene Berufsverbote kennzeichnen das internationale Sportsystem seit Langem. Nun hat ein Netzwerk von Journalisten nach längeren Recherchen weitere Aktivitäten im globalen Fußball aufgedeckt, die weltweit Aufregung erzeugt haben.

Im Vordergrund stehen dabei Meldungen über die Umgehung des Financial Fair Play, also der Regelungen, die sicherstellen sollen, dass die Vereine längerfristig nicht mehr ausgeben als sie regulär einnehmen. In einem konkreten Fall geht es um Sponsoring, das einen objektiven Wert von knapp drei Millionen Euro haben soll, aber mit 200 Millionen Euro (jeweils pro Jahr) entgolten wird. Der damalige Generalsekretär des Europäischen Fußballverbandes (UEFA) und heutige Präsident des Weltfußballverbands (FIFA), Herr Infantino, soll maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, einen entsprechenden Bericht zu ignorieren und den entsprechenden Verein (und vor allem dessen Präsidenten) zu schützen, also das Fehlverhalten nicht zu sanktionieren. Dieser Bericht hat nur wenig Überraschung erzeugt.

In Deutschland wird aber vor allem über die angeblichen Pläne zu einer Europäischen Superliga der mindestens 16 größten Klubs diskutiert. Diese Liga soll eine Alternative zur Champions League bilden; aus Deutschland ist der FC Bayern München offenbar direkt beteiligt, und Borussia Dortmund soll eingeladen werden (als Gast). Dort soll es dann keinen Auf- und Abstieg geben, zumindest nicht für die Gründungsmitglieder. Man rechnet den Berichten zufolge mit enormen Einnahmen; weit über dem, was in der Champions League verdient werden kann.

Es wird zudem darüber spekuliert, ob die betreffenden Vereine die Fußball-Bundesliga verlassen wollen und stattdessen nur noch in der Superliga kicken.
Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Geschäftsführungen der beiden Großvereine schon damit begonnen haben, die scheinbar unendlichen Möglichkeiten einer Eigenvermarktung des sogenannten Premiumprodukts „Europäischer Spitzenfußball“ zu kalkulieren. Spiele in Nordamerika, Millionen von Trikots im Besitz chinesischer Fans, Liveübertragungen der Spitzenspiele in die ganze Welt und vieles mehr. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Gleichzeitig legt ein solches Szenario den Niedergang der europäischen Ligen, so auch der Bundesliga nahe. Spanischen Fußball ohne Real Madrid, die Premier League ohne die Vereine Manchester oder die Bundesliga ohne Bayern werden als Schreckgespenster beschworen. Die Reaktionen sind zumeist ablehnend und oft recht emotional.

Aber muss es soweit kommen?
Erstens gibt es bisher nur Pläne, die erst realisiert werden müssten. Es ist wohl vernünftig, dass große Unternehmen (und nichts anderes sind Fußballvereine mit Umsätzen in dreistelliger Millionenhöhe) alternative Szenarien betrachten, Planspiele durchführen und Optionen ausloten.
Zweitens drückt sich in solchen Plänen auch eine Unzufriedenheit mit dem Status Quo aus, die ja auch zu Änderungen in der etablierten Fußballwelt führen kann und bereits geführt hat, so zum Beispiel in der Organisation der Champions League. Und in der Tat kann man am Verbandswesen und an den Strukturen der einzelnen Ligen Kritik üben; vor allem nutzen diese eine Quasi-Monopolstellung aus und bilden gleichzeitig eine quasi-staatliche Gerichtsbarkeit. Die Veröffentlichung der Pläne zur Superliga könnten helfen, die Denkprozesse zur Modernisierung sowie transparenterer Verfahren im Fußball weiter anzustoßen.

Drittens müssen sich die Vereine fragen, womit sie ihr Geld heute und in Zukunft verdienen. Offenkundig rückt das Sponsoring und die mediale Vermarktung immer weiter in den Vordergrund, wobei diese sich sicherlich gegenseitig unterstützen. Die Zuschauereinnahmen spielen eine untergeordnete Rolle. Ein Großsponsor aus Dubai oder China klingt da sehr attraktiv. Dennoch ist es nicht so, dass das Publikum im Kalkül der Vereine keine Rolle spielen sollte. Noch scheint es so zu sein, dass in Deutschland ein Revierderby oder ein Spiel zwischen Bayern und (starken) Bremern deutlich mehr Aufmerksamkeit erfährt als ein Spiel zwischen Inter Mailand und Dortmund. Womöglich wollten nicht alle Fans die Fernsehübertragungen der Superliga kaufen und das Interesse daran würde in Deutschland schneller erlöschen als gedacht.

Das könnte viertens auch daran liegen, dass auch der Superliga immer einer Letzter wäre. Dieses Mal wäre es ein Team, das sonst, das heißt in der nationalen Liga, fast immer vorne in der Tabelle steht. Wenn Bayern zwei- oder dreimal in der Superliga auf Platz 14 oder 15 steht (aber nicht absteigt), wird sich die Begeisterung für den Verein national wie international reduzieren. Dann würden sich die Fans erst recht von der Superliga zum Bundesliga-Spitzenreiter wenden. Hinzu kommt, dass in Europa Auf- und Abstieg einen wesentlich Bestanteils des Ligasports (in fas allen Sportarten) darstellt.
Überdies könnte die Superliga vermutlich nur überleben, wenn es darunter im europäischen Fußball die Strukturen gäbe, die für die Ausbildung talentierter junger Spieler sorgten. Wenn die nationalen Ligen wirklich enorm an Bedeutung verlören, würde diese Talentförderung vermutlich ausbleiben. Das Potential für gute Spieler und entsprechend gute Spiele würde drastisch verkleinert. Das amerikanische Vorbild der geschlossenen und selbstvermarkteten Sportligen weist nämlich einen großen Unterschied zu Deutschland und viele Länder Europas auf: Der Nachwuchs wird in der Schule und auf den Universitäten im dortigen Sportsystem ausgebildet. So etwas gibt es in Europa bislang nicht. Bei uns kommen die Talente aus Vereinen.

Insofern muss man annehmen, dass die Bayern bei näherem Hinsehen die Bundesliga genauso brauchen wie Arsenal London die Premier League. Man muss also nicht damit rechnen, dass die neue Superliga schnell entsteht und gleichzeitig die besten Vereine aus den nationalen Ligen abzieht. Und wenn, dann gilt vermutlich die Aussage des Fußballmanagers Horst Heldt, der sinngemäß sagte, dass die Bayern ruhig gehen sollten. Wenn die Superliga dann gescheitert sei, könnten sie in der vierten Liga (der gegenwärtigen Spielklasse der Bayern-Amateure) gerne wieder in das deutsche Ligensystem einsteigen.

So oder so: Die Gedanken zur Superliga sorgen auf jeden Fall für einiges Nachdenken im Sport. Ihre Gründung wäre ein interessantes marktwirtschaftliches Experiment mit ziemlich offenem Ausgang.

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